"Dr. med. Natur": Wandern auf Rezept

Etliche Studien haben bereits untermauert, dass der Aufenthalt in der Natur und insbesondere in den Bergen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und psychische Probleme vorbeugen kann. Wird „Wandern“ womöglich bald von Ärzten verschrieben?
Autor: Simone Reitmeier, 20.04.2022 um 13:56 Uhr

Das Wandern künftig auf Rezept verschrieben wird, ist gar nicht so abwegig, wie es im ersten Moment vielleicht klingen mag. „In den USA fördern Krankenhäuser, Schulen und medizinische Zentren bereits jetzt Natur-Erlebnisse, um Patienten mit psychischen Erkrankungen bei der Genesung zu unterstützen”, erklärt Franziska Fried, Wander-Expertin beim Outdoor-Magazin Beyondcamping.de. Psychiatrische Krankheiten waren laut Statistik Austria mit 42,4 Prozent 2020 die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit, gefolgt von Erkrankungen des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes (Männer: 19,3 Prozent, Frauen: 11,2 Prozent). Verschiedenste Studien haben wissenschaftlich belegt, dass Bergsport gut für das mentale Wohlbefinden ist. 

„Bergkuren“ als Therapie

Bereits eine einzige Wanderung soll laut Alpenverein Österreich eine positive Veränderung der psychischen Gesundheit bewirken. Neben Stress und Depression mindert der aktive Aufenthalt in der Natur auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Störungen, Diabetes, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Demenz. Auch gegen Aggression und ADHS kann der Aufenthalt in Wäldern helfen, zusätzlich wird das Immunsystem gestärkt.  Bei manchen Menschen senkt allein das Betrachten einer schönen Landschaft Blutdruck, Puls und Muskeltonus.

Der Aufenthalt in der Natur kann Depressionen lindern. | Credit: istock.com/demaerre

Wichtige Erkenntnisse im Überblick:

  • Kontakt mit der Natur reduziert Stress.
  • Mikrobielle Antigene in der natürlichen Umgebung stärken das Immunsystem.
  • Natürliche Umgebungen werden mit einem höheren Maß an körperlicher Aktivität in Verbindung gebracht.
  • Das Leben in grüneren Wohngegenden und die Nutzung von Parks sorgt für einen größeren sozialen Zusammenhalt, dieser wiederum steht in engem Zusammenhang mit der Gesundheit.
  • In grünen Gegenden ist die Luftqualität besser als in Städten, dies fördert die Linderung/Vorbeugung von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Kein Wunder also, dass Gesundheitsexperten immer auf der Suche nach neuen Behandlungsmethoden sind. Aktuell werden klassische Wanderaufenthalte in Österreich aber noch nicht von Krankenkassen übernommen.

Die Briten machen es vor

In England gibt es bereits ein sogenanntes „Dose-of-Nature”-Rezept, welches von Hausärzten verschrieben wird. Dabei handelt es sich um ein 10-wöchiges Vorsorge- bzw. Rehabilitationsprogramm in Richmond, das Patienten dabei unterstützt, das Wohlbefinden durch Beschäftigung in der Natur zu verbessern.

Seit 2018 werden auch auf den schottischen Shetlandinseln „Natur-Rezepte“ verschrieben. Ärzte "überweisen" Patienten an den "Doktor med. Natur "und verschreiben lange Spaziergänge, Gartenarbeit, das Beobachten von Vögeln sowie das Basteln von Gänseblümchenketten. Behandelt werden dabei Leiden wie Bluthochdruck, Angstzustände und Depressionen.

Wander-Therapie in Bayern

Die eigens für Garmisch-Partenkirchen entwickelte „Heilklimatische Bewegungstherapie“ wird von den deutschen Krankenkassen anerkannt und kann von Hausärzten alle drei bis vier Jahre verschrieben werden. Patienten sind drei Wochen lang mit einem Klimatherapeuten in den bayerischen Bergen unterwegs, um bestehende Beschwerden zu lindern und Krankheiten vorzubeugen. Das ist in ganz Deutschland einmalig.  Die Reha-Maßnahme wird bei Herz-, Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, Haut- und Atemwegserkrankungen sowie bei Wetterfühligkeit, Erschöpfung und Infektanfälligkeit empfohlen.

Die "Heilklimatische Bewegungstherapie" in Garmisch-Partenkirchen ist in Deutschland einzigartig. (Symbolbild) | Credit: iStock.com/Ivanko_Brnjakovic

Nationalpark-Abo zur Erholung

In vier kanadischen Bundesstaaten können Mediziner seit kurzem Besuche im Nationalpark verordnen, um Angstzuständen, Depressionen und anderen psychischen Krankheiten entgegenzuwirken. Patienten erhalten einen kostenlosen Pass, der ein Jahr lang freien Eintritt in über 80 Nationalparks, historische Stätten und nationale Meeresschutzgebiete bietet. Normalerweise kostet dieses Jahresticket rund 50,– Euro.