Wie ich meine eigene Designerin wurde

Waren früher Second Hand Shops oder Flohmärkte - umgeben von muffigem Geruch oder Mottenpulver - nicht jedermanns Sache, hat sich das mit steigendem Umweltbewusstsein wesentlich geändert. Vintage gilt mittlerweile als edel und vor allem exklusive, niemand kann „das Stück“ einfach so nachkaufen. Bis vor kurzem reagierte ich in puncto Mode auf Begriffe wie positive Umweltbilanz, ökologischer Fußabdruck und Co. noch verhalten. Wie Unmengen von Kleidungsstücken in die Geschäfte kommen, genauso verschwinden sie wieder - dachte ich auch in Bezug auf nachhaltige Mode.

Kleider entsorgen statt umgestalten - warum eigentlich?

Es kann nicht sein, dass „wir“ das Alles kaufen. Mir reicht schon meine eigene, übervolle Garderobe, nur das ich für das „Verschwinden“ selbst verantwortlich bin. Und so wandern einmal jährlich einige gefüllte Taschen zum Flohmarkt oder zu einer Sammelstelle. Wieso sollte ich ein altes Kleid umgestalten, mir etwas überlegen und mir eine zusätzliche Arbeit schaffen, obwohl mein Kasten überquillt? Dachte ich bisher.

Frau in holografischem Look | Credit: iStock.com/heckmannoleg

Ein Shop verändert mein Leben

Das änderte sich blitzartig, als bei mir um die Ecke ein Refashioned-Shop eröffnete und ich in der Auslage einen Blazer entdeckte, der mich magisch anzog. „Der“ konnte wirklich was. Er war am Saum mit einem Spitzenstoff besetzt, der wie ein Frack hinten länger war. Am Rücken prangte eine aufgenähte Engelsfigur. Während „wir“ uns noch immer anstarrten, sagte eine junge Frauenstimme: "Komm' doch rein und schau dich ungezwungen um. Wir redesignen auch mitgebrachte Kleidungsstücke."

Schnäppchen mit Seele

Ich probierte „meinen magischen“ Blazer mit größter Angst, denn jedes Stück ist ein Einzelstück. Er passte wie angegossen und war schon meiner, für läppische 59 Euro. Zur Sicherheit ließ ich mein Schnäppchen gleich an, während ich mich noch weiter umsah. Bei einer roten Herztasche mit einem Leopardentrage-Riemen blieb ich abrupt stehen. Sie erinnerte mich an irgendwas - es war "meine" Tasche! Ich hatte sie vor drei Jahren am Flohmarkt um 1 Euro verkauft, weil die peinliche, goldene Kette abgefärbt hat und sich ständig meine Haare verhakt haben. Und jetzt steht sie hier um 29 Euro und gefällt mir gut. Das war mir jetzt zu viel Gedankenarbeit, ich bezahlte den Blazer und verließ das Geschäft.

Neuer Besitzerstolz

Zu Hause angekommen betrachtete ich voller Stolz meine exklusive Errungenschaft. Das Etikett stammte von einer Boutique in Athen. Das modische Dejà vu war plötzlich da: Genau in dieser Boutique war ich während meines letzten Griechenlandurlaubs mit einer Freundin, die darauf bestand, sich genau den gleichen Blazer zu kaufen! Um weitere mögliche Verwechslungen auszuschließen, besonders deswegen, weil ich meine Sachen gut pflege, und sie – ja eben nicht - hatte ich damals das Etikett mit meinen Initialen VV in silberner Stofffarbe markiert. Und genau das stand hier in meinem neuen Blazer, also meinem Ex-Blazer! Was soll ich sagen? Seit diesem Erlebnis bin ich nun meine eigene Designerin.

Frauen in Vintage-Kostümen | Credit: iStock.com/jacoblund

Magie - auch ohne Nähmaschine

Fakt ist: Ich bin geradezu süchtig geworden, meine geliebten Stücke zu redesignen. Es fühlt sich an, wie wenn sich bei mir ein Schalter umgelegt hat, und durch diese Leitung fließen unaufhörlich neue Ideen. Meine Kreativität ist erwacht, da gibt es kein Halten mehr, ich muss es nur zulassen. Es ist total easy. Schon mit Stoffmalfarbe kann ein Kleidungsstück verändert werden, völlig ohne Nähkenntnisse. Und wer einen Knopf annähen kann, kann auch eine Borte annähen. Es gibt Schablonen, um mit Mustern zu arbeiten. Eine einfache Methode zur farblichen Umgestaltung ist das Umfärben in der Waschmaschine. Für Batikeffekte das Kleidungsstück einfach verknoten. Besser geht's nicht!

Magie - jetzt mit Nähmaschine

In der Zwischenzeit gehört eine einfache Nähmaschine vom Diskonter zu meiner Ausstattung. Eine gerade Naht ist für niemanden ein Problem. Und oft kommt beim „Essen“ der Gusto auf „Mehr“. Und wer mehr möchte, Nähkurse gibt es in jeder Volkshochschule. Das wichtigste ist für mich die Freude daran. Ich mache auch vor Taschen und Schuhen nicht Halt. Es gibt Lederfarben, Stempel und Klebstoff. Im Internet gibt es viele Ideen, die zahlreichen Refashioned-Shops helfen einem auf die Sprünge - auch bei der Umsetzung. Schade, dass sie meinen beklebten Plüschabsatz nicht sehen können. Schade, dass ich ihre kreativen Ideen nicht sehen kann.

Übrigens: Der Spitzenstoff am Blazer war einmal ein Vorhang (einfach als ein Stück angenäht und dann zugeschnitten, der Engel war ein Kopfpolster.) Sprich, das nötige Zubehör für meine Ideen hatte ich bereits daheim, musste es nicht erst besorgen.

Wetten, auch in Ihnen stecken jede Menge Redesign-Ideen? Was hält Sie noch davon ab, sie zu verwirklichen? Also los!

Nähzubehör | Credit: iStock.com/FabioBalbi

Zur Autorin

Mit ihren wohl überlegten Gedanken und praktischen Tipps liefert die in Wien lebende freie Autorin Valerie Vonroe wertvolle Anstöße für einen bewussteren Umgang mit den eigenen Potenzialen und Ressourcen – in jedweder Hinsicht.

Autor: Valerie Vonroe, 03.09.2021