Exklusiv-Interview mit neuem ESA-Chef Josef Aschbacher

2021 hat gut für Sie gestartet: Obwohl Sie aus einem der kleinsten Mitgliedsländer der ESA kommen, wurden Sie zum Generaldirektor gewählt. Wie überraschend war Ihre Berufung für Sie?

Es ist sicher eine Überraschung dass ein kleines Land wie Österreich den Generaldirektor der ESA stellt. In den letzten 35 Jahren war der Generaldirektor immer aus einem der großen Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien, nur einmal, von 1980 bis 1984 war ein Kollege aus Dänemark an der Spitze. Es ist also sicher ungewöhnlich, aber entscheidend soll ja auch nicht die Nationalitätszugehörigkeit sondern die Qualifikation sein.

Der Weg von der Bergbauernfamilie in Ellmau an die Spitze der ESA ist durchaus bemerkenswert. Hat tatsächlich die Mondlandung, die Sie im Fernsehen gesehen haben, den Grundstein dafür gelegt?

Ich bin der älteste von sechs Kindern, deshalb sollte ich den Hof übernehmen. Aber bereits als kleines Kind war ich sehr wissbegierig, stellte viele Fragen, die meine Eltern nicht beantworten konnten und war eine richtige Leseratte. Und als ich sieben Jahre alt war, habe ich die Mondlandung im Fernsehen dann mitverfolgt. Die Idee, dass jemand zum Mond fliegt, dort herumspaziert und wieder zurückkommt hat mich sehr fasziniert – das wollte ich auch.

Ist die Arbeit bei der ESA so faszinierend, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Ich arbeite für die ESA ja bereits seit 20 Jahren, aktuell noch als Direktor für Erdbeobachtung – und die Arbeit ist wirklich faszinierend. Gerade in der Erdbeobachtung sehen wir, wie wichtig der Weltraum für die Zukunft unseres eigenen Planeten und der Menschheit. Wir arbeiten intensiv daran, um unseren Planeten besser zu verstehen – auch die Zusammenhänge wie z.B: den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel.

Sieht man manche Dinge „von oben“ gelassener/anders, die auf der Erde geschehen?

Absolut. Die Erde ist wunderschön, aber auch sehr fragil. Aus der Distanz kommen einem all die Probleme, politischen Konflikte etc., mit denen wir uns täglich befassen, einfach übertrieben vor. Wir bewegen uns auf einem relativ kleinen Wohnraum hier auf der Erde. Unsere Planet hat ein sehr wertvolles Ökosystem und wir können uns glücklich schätzen, auf diesem Punkt im Weltall zu Hause zu sein. Wir sollten die Probleme, die wir auf der Erde kreieren, aus der Distanz betrachten und nicht  immer nur Probleme erzeugen, sondern auch versuchen diese Probleme zu lösen.

Kann der Weltraum helfen, Probleme zu lösen?

Allerdings! Viele Menschen können sich zudem nicht vorstellen, wie weit die Weltraumtechnologie bereits in das tägliche Leben eingedrungen ist, z.B. durch Navigationssysteme oder Wettervorhersage – 80 Prozent der Daten für die Vorhersagen kommen von Satelliten. Satelitenkommunikation ist aber auch essentiell für die Kommunikation zwischen den USA und Europa. Vielen Menschen wurden zudem die Augen für unseren Einfluss auf den Planten geöffnet durch Bilder der Luftverschmutzung von vor und nach dem Lockdown.

Corona hat viele Blickwinkel verschoben.

Die Coronakrise hat dazu geführt, dass die Menschheit entschleunigt, innehält und sich überlegt, was wirklich wichtig ist. Durch die Krise ist ein ganz anderes Umweltbewusstsein wiedererwacht. Und der Wert der Wissenschaft, von Daten und Beobachtungen ist wichtiger geworden im Vergleich zu Meinungen in der Politik. Gute Entscheidungen beruhen auf Fakten und Wissenschaft ist etwas ganz essentielles um intelligent mit Problemen umzugehen.

Wissenschaft wurde in der vergangenen Zeit mitunter sehr kritisch gesehen – Stichwort Fakenews.

Die unglücklichen Ereignisse in Amerika haben bei vielen Menschen gerade in Europa dazu geführt, sich wieder verstärkt auf Wissen, Fakten und Real News, nicht Fake News zu stützen. Und wir liefern Teile dieser News mit unseren Satelliten. Es ist zwar aktuell eine eigenartige Zeit, aber mittelfristig wird das dazu führen, dass fundierte Entscheidungen wichtiger werden.

Was waren große, wichtige Erkenntnisse der ESA der letzten Jahre?

Die Landung eines Landegerätes auf einem Kometen im Rahmen der Rossetta-Mission war ein Meilenstein: der Komet war 500 Mio. Kilometer entfernt von Erde und es war das erstes Mal, dass ein Komet direkt auf der Oberfläche erkundet wurde. Unser Raketenprogramm, die derzeit 5. Generation der Ariane-Raketen, ist ebenfalls enorm wichtig – die sechste Generation startet in zwei Jahren. Unser zweites Raketenprogramm Vega bringt seit 2014 etwas kleinere Nutzlasten in den Weltraum. Weltstandard in Sachen Präzision sind wir mit unserem Kopernikus-Programm (Erdbeobachtung) und Galileo-Programm (Navigation). Europa hat schon einige Errungenschaften vorzuweisen, allerdings geht viel im Schatten der NASA unter, was mich persönlich schmerzt – und was ich ändern will.

Die USA geben fünf bis siebenmal so viel Geld für das Programm aus. Wie kann/soll die ESA da mithalten?

In Amerika wird viel mehr Geld für Weltraum ausgegeben, auch China ist ernst zu nehmen, sie sind z.B. gerade auf der Rückseite des Mondes gelandet, bauen eine eigene Weltraumstation auf oder haben eine sehr leistungsfähige Rakete. Beide Länder verwenden den Weltraum, um deren Machtstellung zu festigen. Europa hat ja wirtschaftlich gesehen ungefähr die gleiche Wirtschaftskraft wie China, aber der Weltraum ist in Europa leider wesentlich geringer finanziert.

Deshalb will ich gemeinsam mit der Europäischen Kommission überlegen, wie wir den Weltraum besser einsetzen können für gemeinsame Projekte – zum Nutzen für die europäische Wirtschaft, um neue Technologien zu entwickeln, neue Startups zu gründen, an künstlicher Intelligenz zu forschen u.ä.

Zu Ariane: Im Vergleich zu SpaceX gibt es durchaus auch Aufholbedarf.

Das Ariane Programm war bis vor rund sieben Jahren das dominierende System weltweit und hat mehr als die Hälfte des kommerziellen Marktes abgedeckt. Mit Space X hat sich das geändert. Die USA haben den Markt komplett neu erobert und Europa ist aktuell in der Defensive. Das wird auch eine meiner Aufgaben sein: Einen Plan zu entwickeln für eine Rakete, die wettbewerbsfähig ist mit Space X und anderen kommerziellen Raketen.

Ariane 6 soll 2022 bereits wettbewerbsfähig sein?

Sie ist viel wettbewerbsfähiger als Ariane 5 was die Kosten betrifft, der Start ist Mitte 2022 geplant. Das ist ein wichtiger Schritt vorwärts, aber bei weitem nicht genug. Deshalb müssen wir bereits jetzt damit anfangen, die Nachfolgerrakete von Ariane 6 zu entwerfen.

Sie treten Ihren Job bereits am 1. März an, nicht erst im Juni. Was steht ganz oben auf Ihrer Agenda?

Der Übergang ist recht schnell. Ich definiere gerade eine Agenda 2025, die Schwerpunkte und die Vision für die ESA definieren wird. Es wird ein recht kurzes, gut lesbares Dokument sein, schließlich ist es auch für die Allgemeinheit gedacht. Die Kernthemen: Die Verbesserung der Beziehungen und der Zusammenarbeit mit der Europäischen Union. Die Kommerzialisierung des Weltraums, aber auch „Space for Security“ für den Sicherheitsbereich z.B. bei Meteorologie oder inwieweit wir die Grenzkontrollen unterstützen können. Und wichtig ist auch, die ESA moderner, schlagkräftiger und dynamischer zu strukturieren und Bürokratie abzubauen, um bei der Kommerzialisierung des Weltraums mithalten können.

Der Weltraum beflügelt auch die Fantasie, SciFi ist ein großes Thema – auch in Hollywood. Tom Cruise plant ja einen Weltraumdreh auf der ISS. Spielt Ihnen das in die Karten?

Wir müssen Träume kreieren und Visionen schaffen. Dass Tom Cruise auf der ISS drehen wird, finde ich fantastisch, der Weltraum dringt so bis in die Wohnzimmer vor. Und ich hoffe, der Film wird gut. (lacht) Das ist Teil der Öffentlichkeitsarbeit, die die USA und Hollywood sehr gut machen. Aber auch in Europa will ich Kommunikation künftig großschreiben. Ich finde es wichtig, dass neue Visionen, Inspirationen, Träume kreiert werden, um Leute für Hochtechnologiejobs zu begeistern, Forschung voranzubringen und neue Möglichkeiten zu schaffen.

Astronauten sind immer faszinierend – und man soll auch träumen: Ziel ist es, Astronauten auf den Mond zu bringen und in längerer Zukunft auf den Mars – ich werde daran arbeiten, das möglich zu machen.

Autor: Alexandra Nagiller, 26.01.2021