WM 2022: Schlummert in Kamelen ein gefährliches Virus?

Jetzt wird es skurril: Dromedare im arabischen Raum übertragen ein Coronavirus, das tödlicher ist als COVID-19 – das sogenannte Middle East Respiratory Syndrome, kurz MERS-CoV.
Autor: Simone Reitmeier, 08.11.2022 um 14:44 Uhr

Neben Alkohol, Flirts und kurzen Hosen ist in Katar nun auch der Kontakt zu Kamelen bzw. Dromedaren zu unterlassen. Nicht, weil es per Gesetz verboten ist oder Allah etwas dagegen hat, sondern weil die Paarhufer ein gefährliches Virus übertragen ­– das sogenannte Middle East Respiratory Syndrome (MERS). Der Erreger wurde erstmals 2012 auf der arabischen Halbinsel nachgewiesen und gehört zu der Familie der Coronaviren.

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MERS-CoV: Tödlicher als COVID-19

„Fans sollten Kamele in Katar meiden“, warnt Medizin-Professor Paul Hunter (University of East Anglia) gegenüber der britischen Zeitung „The Sun“. „Das Virus ist mit einer hohen Sterblichkeitsrate viel tödlicher als COVID-19 und es gibt derzeit keinen wirksamen Impfstoff.“ Bisher wurden der WHO über 2.400 Fälle gemeldet, der Großteil davon auf der arabischen Halbinsel. Mehr als 800 Infektionen gingen tödlich aus – das ist eine Sterblichkeitsrate von 35 Prozent. Zum Vergleich: Jene von COVID-19 liegt im weltweiten Schnitt bei etwa einem Prozent. Österreich verzeichnete bislang nur zwei MERS-Fälle, bei beiden handelte es sich um Touristen aus dem arabischen Raum, die das Virus einschleppten. Die Übertragung erfolgt wie bei COVID-19 mittels Tröpfcheninfektion, vorranging aber durch den Kontakt zu Tieren. Eine Infektion von Mensch zu Mensch ist zwar selten, aber insbesondere in Spitälern nicht auszuschließen.

Kamel-Herde | Credit: VOS,COR / Action Press / picturedesk.com

Oft unentdeckt: Diffuse Symptome

Bei gesunden Menschen fällt die Krankheit häufig asymptomatisch aus oder es treten nur milde grippeähnliche Symptome auf. Dazu gehören Fieber, Husten und Atemnot. Möglich sind auch Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall. Von schweren Verläufen mit Atemwegserkrankungen und fatalen Folgen sind laut WHO am ehesten ältere Menschen sowie Personen mit geschwächtem Immunsystem und/oder chronischen Erkrankungen (wie Diabetes, Lungen-, Nieren- oder Krebserkrankungen) betroffen. Die Inkubationszeit beträgt ein bis zwei Wochen, der Ursprung des Erregers ist bislang nicht vollständig bekannt.

Arbeitsplatz in einem Labor. | Credit: TONY KARUMBA / AFP / picturedesk.com

Ist MERS ein Pandemiekandidat?

In Europa wurden laut des deutschen Robert Koch Instituts (RKI) bisher nur vereinzelte Fälle gemeldet. Die akute Gefahr einer unkontrollierten und globalen Mensch-zu-Mensch Übertragung scheint von MERS-CoV aktuell nicht auszugehen. Das könnte sich mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar allerdings ändern, falls der Erreger von Sporttouristen über den halben Globus verteilt wird. Charité-Virologe Christian Drosten nannte das Virus gegenüber dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ bereits 2020 einen „nächsten Pandemiekandidaten“.

WHO: Dunkelziffer unbekannt

Laut WHO könnte es sich bei der Sterblichkeitsrate von MERS-CoV (rund 35 Prozent) allerdings um eine Überschätzung handeln, da leichte Fälle womöglich übersehen oder nicht gemeldet werden. Da es aber weder Impfstoff noch eine spezifische Behandlung gibt, stuft die WHO MERS als „Priority Desease“ ein – eine  Krankheit, deren Erforschung und die Entwicklung von Medikamenten höchste Priorität hat.