Wenn Blumen sprechen könnten ...

Seit den Anfängen des Fairen Handels vor über 25 Jahren beschäftige ich mich mit diesem Thema und habe schon in zahlreichen Projekten versucht, diese Problematik an meine SchülerInnen und Interessierte weiterzugeben. Oft stößt man auf taube Ohren, weil es viele nicht interessiert, was in der Welt passiert, wie die Waren, die sie konsumieren, produziert werden. Und häufig hört man das Argument, Fair und BIO wären zu teuer. Ein fataler Irrglaube. All die Zusammenhänge und Hintergründe zu wissen ist für den Einzelnen sowieso unmöglich. So möchte ich den Valentinstag als Anlass nutzen, über Blumen und ihre Produktion zu berichten bzw. lasse ich die Hauptdarsteller dieses Tages erzählen.

Wenn Blumen sprechen könnten, würdet ihr als Verbraucher garantiert anderes zu hören bekommen als romantische Gefühle, ausgelassene Freude und liebevolle Dankbarkeit.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie euch davon berichten, dass - wie leider in so vielen anderen Bereichen (Obst, Kaffee, Kakao, Gewürze) auch - der reiche Norden den armen Süden ganz schön ausnützt. Der Großteil der Schnittblumen- und Pflanzenproduktion erfolgt nämlich in den sogenannten Entwicklungsländern. Für diese Länder spielt die Blumen- und Pflanzenindustrie eine immer bedeutendere Rolle, denn sie bringt dringend benötigte Devisen ins Land und bietet tausenden Arbeitskräften einen Arbeitsplatz.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie davon erzählen, dass sich der Export von Rosen, Tulpen, Gerbera und Co. trotz der langen Transportwege lohnt. Die Lohnkosten sind niedrig, die Arbeitsbedingungen brutal. Viele Arbeiterinnen müssen ohne Urlaub sieben Tage in der Woche durcharbeiten, nicht selten 16 Stunden am Tag. Krankenstand oder Karenz sind unbekannt - wer nicht mehr kann, wird gefeuert. Die dortigen ArbeitnehmerInnen kennen oft ihre Rechte als Arbeiter nicht. Mangelnde Arbeitssicherheit, Unkenntnis über die Verwendung von gefährlichen Pestiziden, fehlende Schutzbekleidung, das Verbot von Gewerkschaften usw. verschlechtern die Situation weiter. Dazu der immerwährende Preisdruck, dass immer billiger produziert werden muss. Denn kann eine Blumenfarm nicht so günstig liefern wie vom Großhändler gewünscht, findet sich gewiss eine andere in einem noch ärmeren Land, die für ein paar Cent weniger den Kreislauf der Gier am Laufen hält, die dann ihren Arbeitern noch weniger bezahlt, denen der Einsatz bedenklicher Giftstoffe und Dünger, der Raubbau an der Natur und Menschenleben noch mehr egal ist.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie uns Konsumenten von den gewaltigen Schäden an der Natur in den Erzeugerländern berichten. Davon, dass es nur unter hohem Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger gelingt, die Blumen "verbrauchergerecht" zu produzieren. Schwer abbaubare Pestizide – großteils in Europa schon seit vielen Jahren verboten - dringen in die Böden ein, reichern sich im Trinkwasser an, vergiften die oberflächennahen Gewässer und in Folge Pflanze, Tier und Mensch in der Umgebung der Produktionsstätten. Außerdem verbraucht der intensive Blumenanbau enorme Mengen an kostbarem Wasser. Biologische Arbeitsweise, die auch den Humusaufbau und das Wasser schonen würde wie Mulche, Mischkultur, Kompostierung etc. sind den Menschen dort nach wie vor meist fremd. Das Wissen um die Produktion erhalten die Blumenbauern ja auch häufig gleich aus der Hand von Vertretern der Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel-Industrie. Und die wollen schließlich ihre Kassen klingeln hören.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie durch die von ihnen berichteten Tatsachen wohl nun bei einigen die Illusion des schönen Brauches des Blumenschenkens anlässlich des Valentinstages zerstören. Diesen Tag verbinden wir Menschen ja seit vielen Jahrzehnten mit Blumen, zärtlichen Gefühlen, Gedanken an Freundschaft, Liebe und Dankbarkeit; jedoch spiegeln sie für die Blumen und die Menschen in den Erzeugerländern all das Elend dieser schon fast industriellen Waren-/Massenproduktion wieder.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie euch aber auch darauf aufmerksam machen, dass ein Boykott für sie und die BlumenarbeiterInnen fatal wäre. Dass Ihr hingegen durch gemeinsame Verantwortung und solidarisches Handeln viel zum Positivem für sie bewirken könnt.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie euch bitten, nur Schnittblumen und Pflanzen mit dem FAIRTRADE-Siegel zu kaufen und beim Händler eures Vertrauens nachzufragen, woher seine Blumen kommen und ob sie FAIR produziert wurden. Damit leistet ihr einen wertvollen Beitrag zur Meinungsbildung und zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeiterinnen und Arbeitern auf Blumen- und Pflanzenfarmen.

Wenn Blumen sprechen könnten, würden sie euch erzählen, dass die meisten FAIRTRADE-Blumenfarmen in Kenia, Äthiopien, Tansania, Uganda, Simbabwe, Ecuador, El Salvador, Sri Lanka und Costa Rica liegen und in ihnen bereits laut Fairtrade Österreich mehr als 48.517 Menschen arbeiten können.

Wenn Blumen sprechen könnten, würden sie euch auch verraten, dass auf diesen FAIRTRADE-zertifizierten Blumenfarmen die Blumen nach klar definierten sozialen und ökologischen Standards gezüchtet werden. Dass dort Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit, strenge Umweltkriterien, FAIRTRADE-Prämien für Gemeinschaftsprojekte und existenzsichernde Löhne wichtig sind, und dass die Wege der FAIRTRADE-Blumen und -Pflanzen direkt rückverfolgbar sind. Sie stammen also 1:1 von der FAIRTRADE-Farm und werden in jeder Phase des Transports von nicht-zertifizierten Blumen und Pflanzen getrennt gehandelt. Der Waren- und Geldfluss der gesamten Lieferkette unterliegt einer unabhängigen Kontrolle.

Wenn Blumen sprechen könnten, würden sie euch empfehlen, euch mehr über den Fairen Handel zu informieren und zum Beispiel den FAIRTRADE-Code - eine Zahlenkombination auf ausgewählten FAIRTRADE-Produkten – anzuklicken. Ihr findet dann zusätzliche Informationen über die FAIRTRADE-Blumenpflückerinnen und Blumenpflücker und die österreichischen Partnerfirmen. Allerdings gibt es auch Fair-Produkte, auf denen ihr vergeblich nach diesem Zahlencode suchen werdet, weil bei diesen die Produzenten-Organisationen entweder keine Kontrolle über die Weiterverarbeitung ihrer Rohstoffe haben oder auch eine getrennte Verarbeitung in den jeweiligen Fabriken weder aus ökonomischer noch aus logistischer Sicht sinnvoll wäre. FAIRTRADE-Produkte können dann mit anderen Rohstoffen gemischt werden Das kann vor allem Tee, Zucker, Fruchtsaft, Schokolade oder Baumwolle betreffen und gilt auch für Mischprodukte. (laut Fairtrade Österreich/www.fairtrade.at). Viele Infos gibt es übrigens auch bei SÜDWIND auf www.suedwind.at. Und die tolle Zeitschrift Südwind-Magazin sei allen empfohlen, die sich mehr mit den Themen Entwicklungszusammenarbeit, Fairer Handel oder soziale Gerechtigkeit informieren möchten.

Wenn Blumen sprechen könnten, würden sie euch sagen, dass Schnittblumen nach wie vor ein Riesengeschäft sind. Allein am Valentinstag werden schätzungsweise 20 Millionen Schnittblumen verkauft. Für rund 60 Prozent der Österreicher ist es an diesem Tag selbstverständlich, ihren Lieben ein kleines Geschenk zu bereiten, in den meisten Fällen sind es Rosen oder Tulpen. Es wäre eine gute Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen und sich mit den Menschen in den Erzeugerländern zu solidarisieren, es einmal mit Blumen aus fairer Produktion zu versuchen. Und wer kein Blumenliebhaber ist, sondern auf Süßes schwört, der darf auch in dieser Branche zu fair-gehandelten Produkten greifen. Denn eines sollte uns Konsumenten immer klar sein: Umso billiger etwas angeboten wird, desto mehr zahlt irgendwo auf der Welt ein Mensch drauf. Und dann wundern sich viele, warum so viele Menschen von dort zu uns immigrieren möchten? Ist doch wohl klar, wenn sie von ihrer Arbeit und dem Hungerlohn einfach nicht leben können! Logisch haben diese Länder oft ganz andere Produktionskosten, kein Sozialsystem und, und ..., aber die Gier der Konzerne ist unermesslich, und geht es in einem Land nicht mehr so billig wie bisher, wird wie ein Heuschreckenschwarm weitergezogen, um woanders Grund und Boden, Luft und Wasser und die Menschen auszubeuten.

Wenn Blumen sprechen könnten, würden sie euch daher bitten, Produkte mit dem FAIRTRADE-Logo oder dem FLP (Fair Label Program) im Fachhandel bei eurem Einkauf zu bevorzugen und auch in den Läden nachzufragen, ob die Blumen fair sind bzw. ob welche angeboten werden. Und ich möchte mich dieser Bitte anschließen. KAUFT FAIR-erzeugte und gehandelte Produkte. Nur so wird sich dieser Wahnsinn, diese Geiz-ist-geil-Mentalität versiegen, und die Ausbeutung aller ein Ende haben.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie euch außerdem bitten, die Finger von verunstalteten Artgenossen zu lassen, denn die Nachfrage steigert den Bedarf. Damit meinen sie z.B. jene Kakteen, denen kleine Strohblumen reingepikst werden, damit sie blühend ausschauen. Das Hineinstecken erzeugt kleine Wunden, Eintrittspforten für Krankheitserreger, und wenn man Pech hat, beginnen die Pflanzen dort zu faulen. Oder ebenso ein absolutes No-Go sind die mit Glitzerfarbe besprühten Tillandsien, Echeverien und andere Sukkulente, denen mit Sprays alle Poren verstopft werden.

Wenn Blumen sprechen könnten, dann würden sie sich darüber beklagen, dass der Mensch einfach ihre von der Natur aus gegebene Schönheit nicht zu schätzen weiß, und er sie mit Farbe, Glitzer und Kunststoffattrappen noch weiter aufputzen muss. Aber Ihr wisst es jetzt besser und plant euren Einkauf zum Valentinstag, Muttertag, für alle weiteren Anlässe - mit Bedacht und Rücksicht auf Mensch und Natur, und vor allem FAIR!!!!

Wenn Blumen sprechen könnten, würden sie euch dann danke sagen und euch versprechen, dafür für euch besonders gut zu duften und euch lange mit ihrer Blüte zu erfreuen!

Die Kraft der Natur zu nutzen, um mit sich und der Umwelt ins Reine zu kommen, ist Weekend-Bloggerin Claudia Ortner ein besonderes Anliegen. Auf weekend.at gibt die Oberösterreicherin Tipps, damit ein Leben im Namen der Nachhaltigkeit besser gelingt.

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Autor: Claudias Natur-Blog, 28.01.2018