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Schimpansen: Eine der größten Gruppen der Welt.
Schimpansen spalten sich in Uganda in zwei verfeindete Gruppen auf.
Schimpansen spalten sich in Uganda in zwei verfeindete Gruppen auf.
Science Photo Library / picturedesk.com

Schimpansen: Aus Gemeinschaft wird tödlicher Konflikt

10.04.2026 um 09:19, Yunus Emre Kurt
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Schimpansen: Eine der größten Gruppen der Welt zerbricht in zwei Lager. Der Konflikt eskaliert, mit tödlichen Folgen für viele Tiere.

Schimpansen in Uganda: Im Kibale-Nationalpark zerbricht die größte bekannte wildlebende Schimpansengruppe der Welt. Die fast 200 Tiere starke Ngogo-Gemeinschaft spaltet sich in zwei Lager, die sich mittlerweile bis zum Tod bekämpfen.

Aus einer Gemeinschaft werden zwei feindliche Lager

Die Ngogo-Schimpansen werden seit 1995 im Rahmen einer Langzeitstudie beobachtet. Über zwei Jahrzehnte bildet die Population einen Verbund mit wechselnden Untergruppen, aber gemeinsamer Identität. Die Tiere pflanzen sich untereinander fort und verteidigen ihr großes Revier gegen fremde Gruppen.

Ab 2014 zeigen sich erste Bruchlinien. In diesem Jahr sterben sechs ausgewachsene Schimpansen und ein Weibchen. 2015 wechselt das Alpha-Männchen. Das neue Alphatier stammt aus einer Männchen-Allianz, aus der später die westliche Gruppe hervorgeht, schließt sich nach seinem Aufstieg aber der zentralen Gruppe an. Nach diesem Hierarchiewechsel vertieft sich der Graben in der ehemals geeinten Population.

Am 24. Juni 2015 treffen im Zentrum des Territoriums zwei Lager direkt aufeinander. Tiere aus dem westlichen Areal flüchten, werden verfolgt, danach folgt eine rund sechswöchige Phase der Meidung. Eine so lange gegenseitige Vermeidung ist zuvor in Ngogo nicht beobachtet worden.

Ab 2016 starten Männchen der westlichen Gruppe eigene Patrouillen. 2017 reagiert die zentrale Gruppe mit Gegenpatrouillen. Damit beginnen die ersten offenen Kämpfe zwischen den Lagern. Schrittweise nutzen beide Seiten getrennte Bereiche ihres einst gemeinsamen Territoriums und pflanzen sich zunehmend nur noch innerhalb des eigenen Lagers fort. 2017 stirbt eines der letzten Tiere, das als verbindendes Element zwischen beiden Seiten gilt, an einer Krankheit.

2018 ist die Spaltung faktisch vollzogen. Aus der früheren Einheit haben sich eine westliche und eine zentrale Gruppe herausgebildet. Beide gehen einander aus dem Weg und zeugen keinen gemeinsamen Nachwuchs mehr.

Bilanz der Gewalt

Nach der Trennung 2018 eskaliert die Gewalt: Die kleinere westliche Gruppe greift wiederholt die größere zentrale Gruppe an. Mehrere Überfälle enden tödlich, zunächst vor allem für ältere Männchen, später zunehmend für Jungtiere. Zwischen 2018 und 2024 werden bei mindestens 24 Angriffen zahlreiche Tiere getötet oder verschwinden, darunter viele Jungtiere. Selbst frühere Gruppenmitglieder werden Opfer, was auf neue, starke Gruppenidentitäten hinweist. 

Kontakte zwischen den Gruppen brechen fast vollständig ab. Entscheidend ist laut Forschenden nicht mehr Vertrautheit, sondern allein die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe.

Seltenes Phänomen mit Signalwirkung

Langzeitdaten und genetische Analysen zeigen, wie selten solche Konflikte sind: Schimpansengruppen spalten sich im Schnitt nur etwa alle 500 Jahre dauerhaft. Ein ähnlicher Fall aus den 1970ern in Gombe endete tödlich, fand jedoch unter künstlichen Bedingungen statt. Bei Bonobos dagegen verlief eine Teilung friedlich. Ngogo ist daher außergewöhnlich: Eine große Gruppe spaltet sich und bekämpft sich heftig, eine Form von „Krieg“ ohne kulturelle oder ideologische Ursachen.

Wenn Größe zum Risiko für den Zusammenhalt wird

Ein möglicher Grund liegt in der Größe der Ngogo-Gruppe: Mit fast 200 Tieren übersteigt sie vermutlich die Fähigkeit der Schimpansen, stabile soziale Beziehungen zu pflegen. Forschende vermuten, dass dadurch Bindungen schwächer werden und die Gruppe auseinanderdriftet. Langjährige Daten und Netzwerkanalysen zeigen, dass solche sozialen Strukturen unter Druck zerbrechen können. Veränderte Beziehungen könnten Gruppen spalten und Gewalt auslösen, auch ohne kulturelle Einflüsse. 

Die Forschenden leiten daraus ein Modell ab, bei dem instabile Bindungen und lokale Rivalitäten ausreichen, um Konflikte und Spaltung zu erklären, unabhängig von Faktoren wie Sprache oder Ideologie.

Mögliche Lehren für menschliche Polarisierung

Die Studie liefert aus Sicht der Forschenden auch Hinweise für den Umgang mit Konflikten in menschlichen Gesellschaften. Sie betonen, dass die bei den Schimpansen beobachtete Polarisierung Einblicke in die eigene Spezies geben kann. Entscheidend seien Beziehungen über Grenzen hinweg.

Persönliche Kontakte könnten demnach einen wichtigen Austausch zwischen Gruppen, Nationen oder Blöcken fördern. Chancen auf Entspannung sehen die Forschenden in kleinen, alltäglichen Handlungen von Versöhnung und Begegnung zwischen Individuen, im Urwald von Ngogo ebenso wie in menschlichen Gesellschaften.

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