Günther Loewit: "Wir behandeln Befunde, nicht Menschen"
- „Es fehlt nicht an Ärzten, sondern an Menschlichkeit“
- Ein Buch als Anklage
- „Das System produziert Kranke am laufenden Band“
- Öffentliche Lesung in Wien
Seit Jahrzehnten arbeitet der niederösterreichische Allgemeinmediziner Günther Loewit in seiner Praxis in Marchegg. Der 68-Jährige kennt das System von innen – und kritisiert es scharf. In seinem neuen Buch „Der vergessene Patient“ erhebt er schwere Vorwürfe gegen die moderne Medizin: Sie habe ihre Menschlichkeit verloren. „Wir behandeln Befunde, nicht den Menschen“, sagt Loewit und spricht damit vielen aus der Seele.
„Es fehlt nicht an Ärzten, sondern an Menschlichkeit“
Loewit, der als Arzt, Autoren und langjähriger Ärztekammerrat aktiv war, beschreibt ein System, das Patienten zunehmend als Fälle statt als Personen sieht. „Es fehlt weder an Ärzten noch an Geld, von beidem ist genug da. Es fehlt an der Menschlichkeit, die den Arztberuf so lange geprägt hat“, betont er. Besonders alarmierend findet er die Entwicklung hin zur Fließbandmedizin: Zwei-Minuten-Gespräche, volle Wartezimmer und kaum Zeit für echte Zuwendung.
Ein Buch als Anklage
In „Der vergessene Patient“ zieht Loewit gemeinsam mit der Journalistin Silvia Jelincic Bilanz. Am Beispiel eines Krebspatienten, der vom System „im Stich gelassen“ wurde, zeigt das Autorenduo, wie aus Überforderung, Bürokratie und Profitdenken menschliches Leid entsteht. Die Gesundheitsindustrie, so Loewit, verdiene auf dem Rücken der Kranken Milliarden, während die Politik mit immer neuen Formularen die Versorgung lähme.
„Das System produziert Kranke am laufenden Band“
Loewits Urteil fällt vernichtend aus: „Das Gesundheitssystem produziert Kranke am laufenden Band.“ Statt Heilung zu fördern, belohne es Überdiagnosen und Überbehandlung. Der Arzt fordert ein Umdenken – hin zu mehr Empathie, Zuhören und echter Begegnung zwischen Arzt und Patient. Nur so könne Vertrauen zurückgewonnen werden.
Öffentliche Lesung in Wien
Wer den Landarzt persönlich erleben möchte, hat am 21. Jänner 2026 Gelegenheit dazu. Bei einer Lesung in der Thalia Wien Mitte stellt Loewit gemeinsam mit Jelincic sein Buch vor. Der Eintritt ist frei. Loewit will damit nicht nur aufrütteln, sondern eine Debatte anstoßen: über ein System, das er als „krankmachend“ bezeichnet und über eine Medizin, die wieder menschlich werden soll.