Was läuft schief in der Schule, Herr Strolz?

CHEFINFO: Wie sehen Sie die Schule in der Coronakrise?

Strolz: Ich bin dafür, die Schulen möglichst offen zu halten, mit Strategien der Ausdünnung, einem differenzierten Modus mit digitalen Elementen und ausgeklügelten Sicherheitskonzepten. Lernen ist ein sozialer Akt und Unterricht ist wesentlich auch Beziehungsarbeit. Das ist nur via Zoom oder Teams nicht vollumfänglich abbildbar. Schule ist viel mehr als bloße Wissensvermittlung. Zum Glück sind in den letzten Wochen die negativen Folgen von Schulschließungen für die Kinder und Jugendlichen in den öffentlichen Fokus gekommen: Die zunehmende Vereinsamung, die Probleme mit den Verführungen im Digitalbereich, körperliche und seelische Gesundheit sind unter Druck. Aber es gibt auch Positives: Kinder haben so viel über Selbstführung, Eigenverantwortung und Resilienz gelernt, wie es unter „normalen“ Umständen nicht möglich gewesen wäre. Auch in der Digital- und Medienkompetenz wurden große Fortschritte gemacht.

CHEFINFO: Wird das Thema Bildung und Schule in Österreich wichtig genug genommen?

Strolz: Bildung hat in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das ist gut. Ein wesentlicher Grund dafür ist allerdings: Der Mittelstand ist mit zunehmenden Ängsten konfrontiert. Viele befürchten, dass ihre Kinder das aktuelle Wohlstandniveau nicht halten können werden. Die Angst, in einen Mangelzustand abzurutschen, ist groß. Breite Bevölkerungsschichten reagieren unter anderem mit einem Run auf Bildung. Die Bereitschaft, privates Geld zu investieren steigt. Das Thema Bildung bekommt mehr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ist offensichtlich: In Österreich wird Bildung immer noch zu stark vererbt. Das ist gesellschaftlich problematisch, eine weitere soziale Spreizung droht. Es gibt Milieus, in denen Bildung egal ist und das zeichnet sich dann auch in den Biografien der Kinder ab. Wir brauchen mehr Inklusion, müssen die Chancenfairness erhöhen.

Der Mittelstand ist mit zunehmenden Ängsten konfrontiert. Viele befürchten, dass ihre Kinder das aktuelle Wohlstandniveau nicht halten können werden. Die Angst, in einen Mangelzustand abzurutschen, ist groß. Breite Bevölkerungsschichten reagieren unter anderem mit einem Run auf Bildung. Die Bereitschaft, privates Geld zu investieren steigt.

CHEFINFO: Was braucht die Schule?

Strolz: Es braucht viele große und kleine Schritte. In der Öffentlichkeit erscheint die Schule oft als versteinert. Gleichzeitig kommen von Lehrern und Schulverwaltung mitunter Beschwerden, dass sie vor lauter Reformen teils nicht mehr zu ihrer eigentlichen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen kommen. Man muss Lehrerinnen und Lehrer für die ständige Weiterentwicklung des Systems gewinnen. Und dabei eben auch Augenmaß walten lassen. Entwicklung geht nur Schritt für Schritt. Natürlich braucht es Innovation. Da gibt es viele großartige Initiativen. Die gilt es zu bündeln, und im Wachstum zu begleiten, wie es etwa die MEGA Bildungsstiftung macht. Die Initiative und Erneuerung blühen oft am Rand des Systems und oft gibt es Probleme bei der Übersetzung von der Peripherie ins Zentrum. Gleichzeitig ist anzuerkennen, dass aktuell einige große Reformthemen unterwegs sind: die Entwicklung neuer Lehrpläne, die 2023 in der 1. Klasse Volksschule und der ersten Sekundarstufe 1 starten, eine Welle neuer Lehrmittel kommt, die hybrid sind, also analog und digital, Kompetenzraster als Handreichung für die Unterrichtsplanung sind in Vorbereitung.

Die Pädagoginnen und Pädagogen müssen den aufrechten Gang gehen, brauchen mehr professionelles Selbstbewusstsein. Lehrer-Sein – das ist einer der wichtigsten Berufe der Republik.

Aber es ist auch eine Frage der Haltung: Das österreichische Bildungssystem ist traditionell defizitorientiert, hier sollten wir stärker in die Potenzial- und Talente-Orientierung gehen. Und auf jeden Fall braucht die Elementarpädagogik mehr Aufmerksamkeit. Das ist ein Expertenberuf, für den entsprechend auszubilden und der als solcher zu bezahlen ist. Die Pädagoginnen und Pädagogen müssen den aufrechten Gang gehen, brauchen mehr professionelles Selbstbewusstsein. Lehrer-Sein – das ist einer der wichtigsten Berufe der Republik.

CHEFINFO: Sollte sich die Schule mehr öffnen – zum Beispiel gegenüber der Wirtschaft?

Strolz: Auf jeden Fall. Wir sehen das bei den berufsbildenden Schulen, denen das sehr guttut und um die man uns – wie um die Lehre – international beneidet. Der Lehrerberuf wird in 20 Jahren ein Beruf sein, den man in der Regel nicht ein Leben lang macht. Wir haben als MEGA Bildungsstiftung das Pilotprojekt „Seitenwechsel“ mitinitiiert, mit dem Lehrer ein Jahr in die Wirtschaft wechseln können. Davon profitieren alle Beteiligten. Wir brauchen hier mehr Durchlässigkeit – in beide Richtungen. Die Welt ist komplex und dynamisch, das müssen wir auch in den Schulen abbilden. Schule soll keine abgekapselte Welt sein, sondern ein lebender Organismus.

Autor: Sarah Estermann, 03.03.2021

03.03.2021