Reden wir über Geld, Herr Bischof!

CHEFINFO: Bei Ihrer Amtseinführung zum Bischof der Diözese Linz wurden Sie als „Avantgardist des Franziskus-Stils“ bezeichnet. Bezog sich das auf Ihre Art zu führen oder auf das Bekenntnis zur Bescheidenheit?

Manfred Scheuer: Die „Presse“ bezog sich mit dieser Zuschreibung auf Papst Franziskus, auf seinen Blick für die Nöte der Menschen und der Schöpfung und für eine Kirche, die die Zeichen der Zeit wahrnimmt. Dazu gehört das Zuhören und das Angebot einer Spiritualität, die nicht von einem Übermaß an Geboten und Regeln eingeschränkt wird. – Ich maße mir diesen Vergleich mit Papst Franziskus nicht an.

„Ich möchte eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen“, sagt Papst Franziskus. Ist Armut ein Wert an sich?

Scheuer: Materielle Armut führt zu Ausgrenzung und schränkt Menschen in ihrem Handlungsspielraum ein. Die Armut zu überwinden, wo es möglich ist, sowie zu lindern, wenn unsere Mittel sehr begrenzt sind, ist eine der grundlegenden Aufgaben in der christlichen Religion. Eine Kirche für die Armen ist dazu da, den Betroffenen mit Respekt zu begegnen, auf ihre Bedürfnisse zu hören und zu versuchen, Wege aus der Armut zu finden. Eine arme Kirche wiederum orientiert sich am einfachen Leben Jesu, der den freiwilligen Verzicht gelebt hat und auf die Gefahren hingewiesen hat, die mit einer einseitigen Fixierung auf das „Haben“ verbunden sind. Es gibt die antike Geschichte von König Midas, der alles zu Gold machen wollte, was er berührte. Er drohte damit zu verhungern.

Was haben Sie von zu Hause mitbekommen, was den Umgang mit Geld betrifft?

Scheuer: Vor allem habe ich die Wertschätzung für die menschliche Arbeit mitbekommen. Botschaften waren auch, dass wir sparen müssen („Spare in der Zeit, so hast du in der Not“) und dass es auch in einem ganz kleinen Gewerbebetrieb (Bäckerei mit kleiner Landwirtschaft) wichtig ist, zu investieren.

Haben Sie Taschengeld erhalten?

Scheuer: Ein Taschengeld in der Volksschulzeit habe ich nicht in Erinnerung. Meine Geschwister und ich haben aber als Belohnung für kleine Arbeiten ein paar Schilling bekommen. Und für uns Ministranten hat bei Hochzeiten und Begräbnissen etwas herausgeschaut.

 

 

 

Was verdient eigentlich ein Bischof?

Scheuer: Ich habe mir sagen lassen, dass mein Gehalt dem eines Religionslehrers an einer AHS entspricht. Dazu kommt meine Dienstwohnung im Bischofshof. Vom Gehalt habe ich das eine oder andere vom beruflichen Aufwand wie etwa Dienstreisen oder Bücher zu finanzieren.

Darf sich ein Bischof privat auch den einen oder anderen kleinen Luxus gönnen?

Scheuer: Wenn es als Luxus durchgeht, dass ich mir einen Tag in den Bergen gönne oder ich gern auf eine gute Jause einkehre, dann natürlich ja. Im Kultursommer bin ich auch bei einigen Konzerten.

Die „Sharing Economy“ wurde von der Kirche lange vorweggenommen. Warum fällt uns das Teilen manchmal so schwer?

Scheuer: Das Teilen fällt dort schwer, wo es verordnet oder eingefordert wird oder der Eindruck entsteht, dass das Geteilte nicht wertgeschätzt wird. Aber ich sehe, wie viele Menschen sich für andere einsetzen, Zeit und materielle Güter teilen und auf diesem Weg eine Form von Freude und Zufriedenheit erfahren.

Macht Geld unfrei?

Scheuer: „Geld ist geprägte Freiheit“, schrieb Dostojewski. Wenn es die Gedanken beherrscht oder erwartet wird, dass es glücklich macht, dann könnte Geld unfrei machen. Geld bringt aber auch eine Art von Freiheit mit sich. Es ermöglicht, grundlegende Bedürfnisse zu stillen und erleichtert die Teilhabe an der Gesellschaft.

Geldanlage ist nicht ethisch neutral. Wer Geld anlegt, kann und soll Entwicklungen zum Guten initiieren und fördern.

Calvinismus und Kapitalismus gelten als Geschwisterphänomene. Kann das Evangelium ein Wohlstands­evangelium sein?

Scheuer: Dass der Reformator Johannes Calvin den Weg zum neuzeitlichen Kapitalismus begonnen hat, hat Max Weber vor mehr als 100 Jahren versucht nachzuweisen. Ob das historisch gesichert ist, wird meines Wissens bisweilen hinterfragt. Der Begriff „Wohlstandsevangelium“ vermittelt, dass ein Leben nach dem Evangelium mit Wohlstand und einem guten Leben belohnt wird. Das Evangelium ist jedoch viel kraftvoller als eine schlichte Einnahmen-Ausgaben-Rechnung. Es ist auch ein Text der Zumutungen, von Leiden und Tod – aber auch von Auferstehung. Das Evangelium beinhaltet die Botschaft Jesu, die uns zu einem erfüllten Leben hin befreien möchte.

Dank der Medici und ihrer ­intensiven Förderung von Malern, Bildhauern, Architekten und Musikern wurde der Welt ein unschätzbarer Wert hinterlassen, der heute im Vatikan zu bewundern ist. Ist Reichtum legitim, wenn damit Gutes getan wird?

Scheuer: Die Geschichte der Medici ist natürlich ein spektakuläres Beispiel. Ob Reichtum legitim ist, hat sicherlich mit der Frage zu tun, auf welchen Grundlagen er entstanden ist, und in weiterer Folge, wie er eingesetzt wird. Wer Vermögen besitzt, hat auch einen gewissen Einfluss auf die Strukturen einer Gesellschaft. Das erfordert einen verantwortungsvollen Umgang, zu dem die Förderung von Künstlern zweifellos zählt. Unternehmen haben eine Corporate Social Responsibility.

 

Wer Vermögen besitzt, hat auch einen gewissen Einfluss auf die Strukturen einer Gesellschaft. Das erfordert einen verantwortungsvollen Umgang, zu dem die Förderung von Künstlern zweifellos zählt. Unternehmen haben eine Corporate Social Responsibility.

Was kann man von der Kirche in puncto Geldanlage lernen?

Scheuer: Die katholische Kirche hat viele Aufgaben zu erfüllen und benötigt dafür Geld. Weil die ­Geldanlage ethisch nicht neutral ist, folgt die Österreichische Bischofskonferenz bestimmten Richtlinien für Geldanlagen, die sich sehr vereinfacht ­folgendermaßen zusammenfassen lassen: Wer Geld anlegt, kann und soll Entwicklungen zum Guten initiieren und fördern.

Der Papst hat Sparmaßnahmen angekündigt. Wie wirkt sich die Pandemie auf das Budget der Diözese aus?

Scheuer: Einzelne Bereiche der Diözese waren von den Auswirkungen der Pandemie stark betroffen, manche Investitionen mussten verschoben werden. Im Veranstaltungsbereich und in der Erwachsenenbildung waren fast keine Aktivitäten möglich. Das hat sich auf das Budget ausgewirkt, aber weniger tiefgreifend als zuerst erwartet. Wir hoffen, dass wir im kommenden Jahr unsere Angebote wie gewohnt verwirklichen können und auf ein positives Budget 2022.

Autor: Klaus Schobesberger, 15.10.2021