Grüne Gewinner der Teuerung

Die hohe Inflation verteuert das Leben. Das zwingt viele dazu, ihre Einkaufsgewohnheiten zu ändern – und auch bei den Lebensmitteln zu sparen. Die Preise für Biolebensmittel sind nur halb so stark gestiegen wie die für konventionelle. Machen die Unabhängigkeit von Kunstdünger und weniger Bedarf an Energie in der Verarbeitung das Biogeschäft langfristig zum Gewinner der Teuerung?
Autor: Jessica Hirthe, 31.10.2022 um 14:05 Uhr

Für das tägliche Leben einzukaufen macht derzeit keinen Spaß mehr. Spätestens an der Kassa jedes Mal der Schock. Die Preise steigen – keiner kann sagen, wann die- se Spirale nach oben endet. Die Billigmarken der Handelsketten verzeichnen einen regelrechten Boom. Denn für viele Bürger ist es nicht mehr die Frage: Was will ich mir leisten? Sondern: Was kann ich mir leisten? Doch davon, wie viel den Menschen Tierwohl, Kunstdünger-Freiheit und Nachhaltigkeit wert ist, lebt das Geschäft mit Biolebensmitteln. Kommt also nach dem Bioboom in der Pandemie, als die Menschen sich bewusst mit den Themen Lieferketten, Regionalität und gesundem Essen auseinandersetzten, jetzt die Rückkehr zu „Hauptsache billig“?

Biomarkt im ersten Halbjahr weiter gewachsen

„Die Zahlen des ersten Halbjahres 2022 lassen mit einem Plus von 2,5 Prozent darauf hoffen, dass der bis 2021 dynamisch gewachsene Biomarkt sich weiter gut entwickelt“, so Michael Blass, Geschäftsführer der AMA-Marketing, bei der Präsentation der jüngsten Statistik. Demnach wurden in Österreich im ersten Halbjahr 431 Millionen Euro für Biolebensmittel im Einzelhandel aus- gegeben. Mehr als 11 Prozent aller im Lebensmitteleinzelhandel einschließlich der Biosupermärkte gekauften Lebensmittel entfielen 2021 wertmäßig auf Bio, was einen Umsatz von knapp 800 Millionen Euro ausmachte. „Der Absatz von Bio trotzt der Teuerung eindrucksvoll“, freut sich Bio-Austria-Obfrau Gertraud Grabmann. Den höchsten Bioanteil verbuchten im ersten Halbjahr 2022 die Sortimente Milch und Naturjoghurt. Die Bioanteile bei Gemüse, Obst, Butter, Käse, Wurst und Fleisch stiegen leicht. Nur bei den Produktgruppen Kartoffel und Eier war ein Rückgang zu verzeichnen.

Bereitschaft, mehr für Bio zu zahlen, geht zurück

Laut den Marketingerhebungen von Agrarmarkt Austria kaufte jeder österreichische Haushalt von Jänner bis Juni 2022 mindestens einmal ein Bioprodukt. Im Schnitt landeten insgesamt fast 31 Kilo Biolebensmittel in den Einkaufs- wägen. Allerdings: Die Frequenz der Einkäufe ging leicht zurück, die Kaufgewohnheiten würden sich langsam dem Vor-Corona-Niveau anpassen. Das beobachtet man auch bei der GfK Austria, die jeden Einkauf von 4.000 Haushalten erfasst. „Noch ist der Anteil der Biolebensmittel am Gesamtwarenkorb im Vergleich zu 2021 relativ stabil“, sagt GfK Konsumentenforscherin Christina Tönniges. Doch sie rechnet damit, dass der Anteil künftig leicht zurückgehen wird: „Wie weit, ist halt noch ungewiss. Das wird maßgeblich davon abhängig sein, wie stark und lange die Inflation steigt.“ Denn schon jetzt sehe man, dass die zugleich erhobene Mehrpreisbereitschaft im Vergleich zum Vorjahr bereits um 3,3 Prozent rückläufig ist. „Die Mehrpreisbereitschaft, für Bioprodukte mehr auszugeben, sinkt natürlich vor allem in Haushalten, die gerade so mit dem Geld zurechtkommen oder sich schon jetzt nichts mehr leisten können.“ In gut situierten Haushalten liege sie nach wie vor bei 60 Prozent. Tönniges: „Und das spiegelt sich natürlich im tatsächlichen Kaufverhalten wider.“

Rewe meldet größere Nachfrage von Bioprodukten

Noch verzeichnet etwa die Rewe Group „keine Kaufzurückhaltung im Biosegment“. Ganz im Gegenteil: „Die Artikel erfreuen sich aktuell sogar noch größerer Beliebtheit bei den Kunden“, heißt es auf CHEFINFO-Anfrage. Die Sortimentsbedeutung der Bio-Eigenmarken „Ja! Natürlich“ und „Billa Bio“ bei Gemüse und Rindfleisch liege bereits bei über 25 Prozent. „Und wir sehen dort auch zusätzliches Potenzial.“ Gleichzeitig sehe man aber auch bei der Eigenmarke „clever“ ein dynamisches Wachstum, speziell bei Grundnahrungsmitteln. Allerdings habe man das 650 Produkte umfassende Billigsortiment in den vergangenen Wochen intensiv beworben. Bei Hofer spricht man immerhin von einer „sehr zufriedenstellenden Nachfrage und einem anhaltend guten Abverkauf der Bio-Eigenmarken „Zurück zum Ursprung“ und „Bio natura“. Insgesamt habe man rund 850 Bioprodukte im Sortiment.

Morgentau sorgte für Etablierung von Biogemüse

Einer der Vorreiter bei Biogemüse und dessen Etablierung in den Supermärkten ist Christian Stadler mit seinem Unternehmen Morgentau Biogemüse mit Sitz in Hofkirchen im Traunkreis. Im Juli 1993 hat der „Biobauer der ersten Stunde“ das Patent für seine Marke Morgentau angemeldet. Ab 1995 wurden dann praktisch alle österreichischen Supermarktketten beliefert. Stadler beweist, dass Bioanbau auch in großem Stil möglich ist. Er produziert jährlich rund 9.000 Tonnen Biogemüse und erwirtschaftete 2020 einen Umsatz von 17 Millionen Euro – im Jahr 2016 waren es noch 7,7 Millionen Euro. Er profitierte deutlich von der Coronapandemie: „Unsere Absatzzahlen sind von 2019 auf 2020 um knapp 20 Prozent gestiegen. Dieser Zuwachs hat sich 2021 relativiert und die Zahlen haben sich wieder auf Vorpandemieniveau eingependelt“, so Stadler. Aktuell seien immerhin die Absätze bei Bio- und Demeter-Wurzelgemüse stabil. Ebenfalls ein oberösterreichischer Biopionier ist Manfred Huber: 2002 war sein Unternehmen Sonnberg Biofleisch die erste Fleischerei, die in Biosupermärkten Biofleisch in Bedienung verkaufte. Mittlerweile betreibt man in Unterweißenbach einen eigenen Schlachthof und arbeitet mit mehr als 1.100 Biolandwirten aus der Region zusammen. Nach einem Umsatz von 28 Millionen Euro im vergangenen Jahr rechnet Huber heuer mit 30 Millionen. Und das trotz des europaweit zurückgehenden Fleischbedarfs. Der Chef der Rinderbörse, Werner Habermann, sprach im Juni von Absatzeinbußen von 30 bis 40 Prozent innerhalb von drei Wochen: „Viele Betriebe wissen nicht, wohin mit den Rindern und dem Biofleisch.“ Anders beim Biofleischspezialisten Huber: Zwar gingen die Umsätze im Lebensmittelhandel zurück, dafür verzeichne er starke Zuwächse an Gastronomie- und Großküchenkunden. Die Menschen hätten während der Lockdowns daheim bio gekocht, das fordern sie jetzt bei den Wirten ein. Er ist sich sicher: „Es wird ein Umdenken geben: Lieber weniger Fleisch, dafür bio.“

Bioprodukte weniger stark verteuert als konventionelle

Allerdings kostet Fleisch in Bioqualität immer noch das Zwei- bis Dreifache. Anders wie etwa bei Milchprodukten. Generell haben sich Bio- weniger stark verteuert als konventionelle Nahrungsmittel. Während die Preise für konventionelle im ersten Halbjahr um 7,8 Prozent zugelegt haben, beträgt die Steigerung beim Biowarenkorb lediglich 3,5 Prozent. Ursächlich dafür sind die steigenden Energiekosten, die die konventionelle Produktion deutlich verteuern. Auch stark gestiegene Kunstdünger- und Futtermittelpreise tragen ihren Teil bei. „Biolandbau ist von fossilen Grundstoffen weitgehend unabhängig, insbesondere durch die Nichtverwendung von Kunstdünger. Zudem ist die Biolandwirtschaft nicht auf Futtermittelimporte von weit her angewiesen“, erklärt Bio-Austria Obfrau Grabmann. Die Biolandwirtschaft – in Österreich werden 27 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche biologisch bewirtschaftet, während es in Deutschland zum Vergleich nur 10,8 Prozent sind – könne in diesen Zeiten ihre Stärken ausspielen. „Damit sind Biolebensmittel in der gegenwärtigen Teuerungsphase bisher ein preisstabilisierender Faktor für die Konsumenten. Nebenbei wird der Preisunterschied zwischen Bio- und konventionellen Lebensmitteln im Regal weiter geringer, was den Konsumenten den Griff zu Bio zusätzlich erleichtert.“

GenZ wird ein ganz anderes Einkaufsverhalten haben

Das glaubt GfK-Konsumentenforscherin Christina Tönniges nur bedingt: „Dann müssten die Hersteller und auch der Handel das auch viel stärker bewerben, in der Kommunikation genau hier ansetzen und das Nachhaltigkeitsgefühl ansprechen.“ Denn die Menschen müssten trotzdem immer noch mehr für Bioprodukte ausgeben. Generell würden viele Unternehmen ihr Nachhaltigkeitsengagement zu wenig kommunizieren. „Die Leute wollen etwas für den Umweltschutz tun – aber aktuell nicht unbedingt extra dafür zahlen“, so Tönniges. „Wenn Unternehmen den Konsumenten glaubhaft zeigen, was sie für den Umweltschutz tun und damit indirekt auch der Konsument, ist das ein enormer Mehrwert, der viele zu diesen Produkten greifen lässt. Der Konsument kann sich so sein gutes Gefühl billig erkaufen.“ Vor allem die junge Ziel gruppe informiere sich aktiv. „Man muss aufpassen, dass man die nicht als Kunden verliert, denn für die GenZ ist Nachhaltigkeit kein added value, sondern ein entscheidender Faktor.“ Noch sei diese Generation nicht kaufstark. „Doch 2030 wird sie ein Einkaufsvolumen in Europa von einer Milliarde Euro haben. Da werden wir dann ein ganz anderes Einkaufsverhalten sehen.“

Regionalität hat Bedeutung von Bio untergraben

Für den Wiener Marktforscher Andreas Kreutzer wird seit 20 Jahren genug über Bio geredet und in den Markt investiert – ohne dass sich die Erfolgsstory tatsächlich in Zahlen abbildet: „Dafür, dass letztlich nur ein Fünftel der Lebensmittel bio ist? Das müsste bei dem Auf- wand doch viel mehr sein.“ Bio hat einen Konkurrenten bekommen: Regionalität. „Man wollte mit Bio eine Marktbarriere fürs Ausland schaffen. Als die anderen nachzogen, hat man zur besseren Profilierung verstärkt auf Regionalität gesetzt. Damit hat Herkunft Bio als übergeordnetes Qualitätsmerkmal außer Kraft gesetzt“, so Kreutzer. Das bestätigt auch Tönniges: „Die Österreicher sind stark verankert im regionalen Einkaufen. Sie gehen automatisch davon aus: Wenn es aus der Region ist, ist es nachhaltig.Acht von zehn Konsumenten sind laut PwC-Studie bereit, mehr für lokal erzeugte Produkte zu bezahlen. Kreutzer: „Das ist das Thema unserer Zeit: Je größer die Welt wird, desto mehr setzt man auf die Heimat.“