Entmystifizierung: Aufsichtsräte im Faktencheck

Es gibt sie immer wieder – die Schlagzeilen, in denen Aufsichts­ratsfunktionen nicht gerade im besten Licht erscheinen. Das passiert vor allem im politischen Kontext, wie zuletzt bei der ÖBAG. Ein Schlag ins Gesicht der tausenden Aufsichtsräte, die in diesem Land die Wirtschaft aktiv und positiv mitgestalten. Doch es sind absolute Einzelfälle. Kaum jemand weiß, welche Arbeit hinter einem Aufsichtsratsmandat steckt. Kaum jemand kennt die persönlichen Haftungen, die schlagend werden können, wenn ein Aufsichtsrat seinen Job nicht gut macht. Kaum jemand ahnt, dass Aufsichtsräte in Österreich am schlechtesten in der EU bezahlt werden. Ein guter Aufsichtsrat schafft es nie zu einer Schlagzeile, wie Reinhard Schwendtbauer, Aufsichtsrat unter anderem bei Salinen Austria, WAG, Vivatis oder Polytec, meint: „Er steht meistens nicht in der Öffentlichkeit. Der Vorstand ist das Gesicht nach außen, der Aufsichtsrat bleibt stets im Hintergrund.“

Mythos Abhängigkeit

Doch was braucht es eigentlich, um Aufsichtsrat werden zu können? Josef Fritz, Managing Partner von Board Search in Wien und eine Art „Aufsichtsrats-Scout“, bringt Licht ins Dunkel: „Die Basisanforderungen werden oft unterschätzt. Der erste Faktor ist die Zeit. Ein Aufsichtsrat braucht Zeit. Es gibt sechs bis acht Sitzungen im Jahr, bei schwierigen Situationen oder im Bankenbereich sogar öfter. Früher gab es diese nur zweimal.“ Außerdem muss er das Vertrauen des Vorstandes bzw. Eigentümers genießen. Rein formal muss ein Aufsichtsrat volljährig und unbescholten sein, doch das reicht lange nicht. „Man sollte fachlich sehr fit sein. Die Qualifizierung von Aufsichtsräten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.“ Fritz kennt das aus erster Hand, schließlich unterrichtet er an der Uni Krems eben jene Skills, die Aufsichtsräte mitbringen sollten. „Rechte, Pflichten, Compliance, Ethik – da ist alles drin, was ein Aufsichtsrat braucht.“

Zitat Josef Fritz, Aufsichtsratexperte

Mythos Amterlsammler

Ein weiterer Faktor, den Fritz als unabdingbar erachtet, ist die Unabhängigkeit. „Ein Aufsichtsrat muss frei von Interessenkonflikten sein. Es ist ein absolutes No-Go, wenn ein Rechtsanwalt oder ein Wirtschaftsprüfer, die vom Unternehmen beauftragt sind, in den Aufsichtsrat des Unternehmens wechseln, auch wenn das nicht unüblich ist.“ Zuletzt bringt Fritz die Eignung ins Spiel. „Damit meine ich nicht die Qualifikation, sondern die Affinität zur Branche. Ein Raucher, der im Aufsichtsrat einer Organisation zur Krebsbekämpfung sitzt, ist natürlich nicht ideal.“ Aufsichtsräte sollten zu den Werten des Unternehmens passen. „Das geht weit über das Verstehen des Geschäftsmodells hinaus. Es geht auch um Leidenschaft für die Materie.“ Multimandante, in der Fachsprache auch „Overboarding“ genannt, sind heute kaum noch üblich. „Früher gab es Aufsichtsräte, die bis zu 20 Mandate hatten, das gibt es jetzt Gott sei Dank nicht mehr.“

Aufsichtsräte als Kontrolleure und Sparringpartner

Mythos Gemütlichkeit

Doch wer braucht überhaupt einen Aufsichtsrat? „In Aktiengesellschaften und in GmbHs ab einer gewissen Umsatz- oder Mitarbeitergrenze. Jedes Unternehmen kann sich seine Aufsichtsräte frei aussuchen. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, etwa in öffentlichen Unternehmen“, schildert Fritz. Für ihn stehen die Buchstaben A und R für „A wie Aufsicht führen“ und „R wie Ratgeber“. Ein Aufsichtsrat kann auch zum Mediator werden, wenn Uneinigkeit in der Geschäftsführung oder im Vorstand herrscht. Sie sind Sparringspartner und bringen externe Sichtweisen mit ein. „Der Aufsichtsrat hat eine Leuchtturmfunktion und schaut auch über den Tellerrand.“ Allein schon von diesem Gesichtspunkt aus erklärt sich Fritz die steigenden Anforderungen an die Funktion, die alles andere als gemütlich ist, und auch an die Diversität. „Als Bayer Monsanto gekauft hat, bestand der Aufsichtsrat fast nur aus Deutschen. Jetzt holte man sich einen KI-Professor aus den USA und einen Agrarexperten aus Südamerika ins Boot. Ein weiteres Beispiel ist Volvo. Als die Schweden vom chinesischen Konzern Geely gekauft wurde, wechselten natürlich Chinesen in den Aufsichtsrat, und Volvo tat noch etwas: Man holte sich einen italienischen Designer in den Aufsichtsrat, um auch diese Kompetenz abzudecken.“

Mythos Frauenquote

Diversität kommt aber vor allem beim Thema „Frauenanteil“ oft in die Diskussion. Josef Fritz war dabei einer der Ersten, der eine Frauenquote für Aufsichtsräte gefordert hat. „Als ich begonnen habe, lag der Anteil von Frauen in Aufsichtsräten bei unter zehn Prozent. Heute liegt er bei börsennotierten Unternehmen bei 30 Prozent, in manchen Unternehmen – vor allem in Deutschland – schon bei 40 bis 50 Prozent. Ich habe noch nie eine Quotenfrau besetzen müssen. Dass es zu wenig geeignete Frauen gäbe, ist ein Mythos.“ Dem pflichtet auch Reinhard Schwendtbauer uneingeschränkt bei. Fritz sieht auch hier das Mandat im Wandel. „Im Grunde gibt es ja bei uns acht Millionen Aufsichtsräte. Denken wir an die Vereine, Sozialvereine, Sportvereine, Kulturvereine und und und. Auch hier gibt es Satzungen, Statuten und Kontrollpflichten ähnlich denen eines Aufsichtsrates.“ Und tatsächlich entspringt die Funktion ursächlich aus einem Ehrenamt alter Prägung. „Getrieben vom Gesetzgeber, hat sich das Metier nun stark professionalisiert. Und das ist gut so, denn man darf eines nicht vergessen: Ein Aufsichtsrat haftet mit seinem Privatvermögen, und zwar nicht nur zivilrechtlich, sondern auch strafrechtlich.“

Frauen im Aufsichtsrat

Mythos Entlohnung

Apropos Vermögen: Auch hier herrscht der Mythos von völlig überbezahlten Aufsichtsräten. Genau das Gegenteil ist in Österreich der Fall. „Die Entlohnung von Aufsichtsräten, die sogenannten Tantiemen, sind in Österreich traditionell niedrig. Das liegt an der Historie durch den lange Zeit dominierenden Verstaatlichtenanteil. In Europa ist Österreich Schlusslicht bei den Tantiemen in der EU.“ Der Vergleich zum bestbezahlten deutschen Aufsichtsratsvorsitzenden, dem Linzer Paul Achleitner von der Deutschen Bank, ist ernüchternd. Achleitner verdient rund 900.000 Euro. „Bei uns sind das 100.000 bis maximal 180.000 Euro, allerdings gilt das nur für den Vorsitzenden, einfache Aufsichtsratsmitglieder liegen da weit darunter.“ Dennoch ist das Amt durchaus begehrt. „Wäre ich ein Obsthändler, würde in meiner Auslage stehen: ‚Täglich frische Räte‘, denn ein Aufsichtsratsmandat ist neben viel Verantwortung und Aufwand auch mit viel Prestige verbunden.“

Autor: Jürgen Philipp, 10.06.2021