Anders gedacht: Ideenklau muss nicht immer Sünde sein

Deutschland wird gerade von einem Skandal erschüttert. Oder nennen wir es lieber Skandälchen. Annalena Baerbock, grüne Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl im Herbst, hat ein programmatisches Buch geschrieben und sich bei verschiedenen Quellen bedient, ohne diese zu nennen. Das kratzt an ihrer Glaubwürdigkeit und jener ihrer Partei, die sich selbst hohe ethisch-moralische Ansprüche setzt. Und so zeigt auch das Wahlbaromenter für Bündnis 90/Die Grünen seit Wochen nach unten. Wer schon plagiiert, sollte wenigstens sichergehen, ein Werk mit An­sage zu schreiben, dessen Inhalte leidenschaftlich und kontrovers ob ihrer Brillanz diskutiert werden. Doch leider: Es ist ein Muster ohne Wert, austauschbar wie politische Slogans.

Es ist alles nur geklaut

Politik und Werbung sind Bereiche, wo alte Ideen aufgemascherlt als neu verkauft werden. Hier wird hemmungslos geklaut. Charles Saatchi (78), Ex-Boss der gleichnamigen Werbeagentur und einer der gefürchtesten Kunsthändler der Welt, verriet in seiner Autobiografie, dass er seine Karriere mit einem Ideenklau begann. Als 17-jährige Bürokraft musste er für den Kreativdirektor einer kleinen Werbeagentur in London einspringen und kupferte sich einen Werbespruch der Packard Motor Car Company aus dem Jahre 1901 für einen Legehennenbetrieb in England ab. Der Slogan „Ask the man who owns them“ („Frag den Mann, der sie besitzt“) wurde von allen als neue Idee beklatscht.

Wirtschaft und „Mashup“

Um keinen Missverständnissen Vorschub zu leisten: Wer Patent- und Autorenrechte verletzt, gerät zu Recht mit dem Gesetz in Konflikt. Plumpe Plagiate sind Betrug. Produktpiraterie gehört verfolgt, weil es Markenunternehmen schadet. Andererseits muss Ideenklau nicht Sünde sein. Ohne ihn gäbe es weder Filme von „Meisterdieb“ Quentin Tarantino („Pulp Fiction“) noch die Nachmacher-Company Samsung. Innovation, ohne Anleihen bei anderen oder der Konkurrenz zu nehmen, ist schlicht unmöglich. Die Kunst ist es, sich an erfolgreichen Konzepten zu bedienen und sie so zu verändern oder zu verbessern, dass etwas Neues entsteht. Ein Klassiker dafür ist Nintendos Wii, wo klassische Videospiele und Beschleunigungsmesser aus dem Airbag verbunden wurden. In Technologiekreisen nennt man solche Erfindungen „Mashup“, ein Begriff, der aus der Musik der 1980er Jahre kommt, wo DJs musikalische Schnipsel, genannt „Samples“, zu neuen Musikstücken zusammenfügten. Möge die kreative Schnipseljagd beginnen!

Comic Frau mit Kamera
Autor: Klaus Schobesberger, 14.07.2021