Toni Faber: Warum ihn früher „der Blitz getroffen“ hätte
Toni Faber sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Im Interview spricht der Dompfarrer von St. Stephan in Wien über Glaube, Kirche und Kritik.
- Toni Faber über den Glauben: „Christlicher Glaube bringt Mehrwert“
- Kirche verliert Mitglieder
- Toni Faber über die Bibel: Hoffnung und Brutalität
- Kirche in Österreich: Messgänger gehen zurück
- Toni Faber über Homosexualität
- Uneheliche Kinder sind keine Christen zweiter Klasse
- Toni Faber: Kritik, Zweifel und persönlicher Glaube
Er segnet Schuhgeschäfte wie Palmersfilialen, traut Promis und begleitet sie auf ihrem letzten Weg: Toni Faber, Dompfarrer von St. Stephan in Wien, ist der bekannteste Geistliche Österreichs – und wohl auch der umstrittenste. Den 64-Jährigen kennen Kirchgänger wie Klatschblattabonnenten gleichermaßen.
Der City-Pfarrer polarisiert mit liberalen Positionen innerhalb der katholischen Kirche, sei es bei der Segnung homosexueller Paare, seinem offenen Umgang mit modernen Lebensrealitäten oder seiner Begleitung bei öffentlichen Auftritten. Im Interview mit weekend.at erklärt Faber, warum Religion kein Auslaufmodell ist und wo die Kirche noch nachjustieren muss.
Toni Faber über den Glauben: „Christlicher Glaube bringt Mehrwert“
Salopp gefragt: Brauchen wir den Glauben heute überhaupt noch?
Toni Faber: Der Mehrwert des christlichen Glaubens zeigt sich an den Wendepunkten des Lebens: Geburt, Wachsen, Krankheit, Versöhnung, Abschied und Tod. Er macht niemanden zum Zauberer, der alle Schwierigkeiten wegnehmen kann, aber er kann Halt geben. Vielen Herausforderungen des Lebens kannst du mit einem stets erneuerten Glauben resilienter begegnen. Als spiritueller Anbieter sind wir nicht so leicht zu überbieten. Wir haben nicht die alleinselig machende Wahrheit, aber wir haben etwas, das dir für dein Leben einen ganz schönen Mehrwert verspricht.
Bleiben wir doch bei der Marktmetapher: Was ist der USP, den die katholische Kirche heute noch bietet?
Toni Faber: Wir sind das älteste Unternehmen der Welt und bestehen trotz allem, was im Laufe der Jahrhunderte schiefgelaufen ist, bis heute. Selbst die Kirchenvertreter haben es nicht geschafft, diesen Betrieb zugrunde zu richten. Die Kirche bringt durch Taufen, Erstkommunionen, Firmungen, Segnungen, Hochzeiten, Begräbnisse und Krankensalbungen, aber auch durch schulische und karitative Einrichtungen einen wahnsinnigen Mehrwert in jede Gesellschaft. Allein in Wien sieht man das an den Ordensspitälern, Ordensschulen und vielen sozialen Einrichtungen.
Wir sind das älteste Unternehmen der Welt und bestehen trotz allem, bis heute. Selbst die Kirchenvertreter haben es nicht geschafft, diesen Betrieb zugrunde zu richten.
Kirche verliert Mitglieder in Österreich
Toni Faber ist überzeugt: Die katholische Kirche verliert zwar an Einfluss, bleibt aber ein zentraler Player: Rund 4,7 Millionen Katholiken leben in Österreich, in Wien sind es etwa 31 Prozent. Gleichzeitig wächst die Gruppe der Konfessionslosen auf rund 32 Prozent – oft keine überzeugten Atheisten, sondern Enttäuschte auf Distanz. In den Kirchenbänken wird es spürbar leerer, nicht zuletzt seit Corona. Faber setzt daher auf neue Formen: niederschwellige Angebote, persönliche Gespräche und Gemeinschaftserlebnisse sollen Hemmschwellen abbauen und Menschen in Messe und Gemeinschaft zurückholen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei ein modernes Selbstverständnis der Kirche.
Was bedeutet Kirche heute noch?
Toni Faber: Kirche ist nicht nur heilig, heiliger, scheinheiliger zu sein, sondern vor allem auch Gemeinschaft. Sich gemeinsam auf den Weg zu machen, den Ruf zu hören und zu beantworten. Für andere da zu sein, karitativ zu handeln und auch an sich selbst zu arbeiten. Mit der Seele ist es wie mit den Zähnen: Wenn ich sie nicht pflege, bekomme ich Probleme. Wenn ich die Seele nicht erneuere, werde ich unwirsch und komisch. Wenn ich mir selbst nichts gönne, dementsprechend auch den anderen nichts gönne, werde ich ungenießbar für meine Umgebung. In der Begegnung mit Gott in der Heiligen Schrift und in der Gemeinschaft kann man wachsen.
Mit der Seele ist es wie mit den Zähnen: Wenn ich sie nicht pflege, bekomme ich Probleme.
Toni Faber über die Bibel: Hoffnung und Brutalität
Stichwort Heilige Schrift: Ist die Bibel 2026 noch ein wirklich echtes Lebensbuch oder mehr ein Symbolbuch?
Toni Faber: Für mich ist die Bibel ganz klar ein Lebensbuch. Ich suche für eine Seelenmesse, den Kreuzweg oder eine Taufe immer sehr bewusst eine passende Stelle. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie treffend Bibelgeschichten Menschen voranbringen. Es geht nicht nur um Krieg, Verbrechen, Versagen und Schuld, sondern vor allem um Hoffnung. Die Botschaft ist: Du bist nicht allein, Gott geht mit dir.
Ich kenne durchaus auch Menschen, die sagen, sie haben ein Problem mit der Bibel, weil sie so brutal ist.
Toni Faber: Die Heilige Schrift bildet das ganze Leben ab, also auch Tod, Krankheit, Leid, Brutalität und Gewalt. Wenn ich sie aber in ihrem Zusammenhang sehe, ist sie eine große Sammlung von Hoffnungsgeschichten. Ich würde niemandem, der nicht Theologie studiert hat, empfehlen, die Bibel von A bis Z zu lesen. Spätestens beim dritten Buch, Levitikus, bleiben viele stecken. Da denkt man schnell: Was geht mich das an? Ich halte eine Auswahlbibel wie die Youcat-Bibel für sinnvoll. Die anderen Texte sind nicht gefährlich, aber man braucht deutlich mehr Ausdauer und Einordnung, um ihren Sinn zu verstehen.
Toni Faber über die Bibel: Neue Zugänge und Botschafter
Die Auswahl der Youcat-Bibel ist im Rahmen eines Projekts der österreichischen und deutschen Bischofskonferenzen entstanden, mit dem Ziel, den Glauben für junge Menschen verständlicher zu machen. Parallel zum Jugendkatechismus wurde bewusst eine „verschlankte“ Bibel entwickelt, die zentrale Stellen aus Altem und Neuem Testament bündelt und leichter zugänglich aufbereitet.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Autor Thomas Brezina: Ausgehend von der Idee, die wichtigsten Bibelgeschichten kompakt zu erzählen, ist schließlich eine umfangreiche Bibel in Reimen entstanden. In ihr werden zentrale Inhalte neu und pointiert vermittelt – so eindringlich, dass selbst Faber bekannte Geschichten „fast zu Tränen gerührt“ haben.
Kirche in Österreich: Messgänger gehen zurück
Es klingt jetzt schon sehr, sagen wir einmal … unverbindlich und wie ein kleiner Selbstbedienungsladen, in dem ich sage: “Okay, die Geschichte spüre und nehme ich, die nicht.”
Toni Faber: Dafür gibt es zum Beispiel die Messe. Wir haben jeden Tag sieben Messen und am Sonntag neun. Dort wird fast die ganze Schrift aufbereitet, auch schwierigere Texte, wie Kohelet mit dem Satz: “Alles ist Windhauch, alles ist vergänglich”. Auch das gehört zum Leben. Früher hatte ich einen Schauspieler, der beim Auszug aus Ägypten fragte, ob man die Stelle mit den erschlagenen Ägyptern weglassen könne, weil sie so brutal ist. Aber in diesem Zusammenhang kann man das nicht einfach auslassen, weil es eine Befreiungsgeschichte ist. Die Ägypter hatten die Israeliten unterdrückt und geknechtet. Das heißt natürlich nicht, dass wir heute jemandem etwas antun sollen. Solche Stellen sind erklärungsbedürftig. Gerade deshalb ist eine Auswahlbibel mit leichter zugänglichen Texten sinnvoll.
Nichtdestotrotz geht die Zahl der Messbesucher in Österreich zurück, ein Trend, der sich besonders seit der Corona-Pandemie verstärkt hat. Viele Gläubige sind nach der Zeit der leeren Kirchen nicht mehr zurückgekehrt. Während einzelne Pfarren wieder das frühere Niveau erreichen, bleiben andere dauerhaft geschwächt. Vor allem junge Menschen und Familien sind in den regulären Gottesdiensten unterrepräsentiert – sie finden sich eher in speziell gestalteten Formaten wie Kindermessen oder niederschwelligen Angeboten wieder. Etliche nützen auch Online-Angebote wie gestreamte Gottesdienste oder weichen auf die Social Media-Auftritte von selbsternannten Christfluencern aus.
Toni Faber über Homosexualität
Die Erneuerung der Kirche versteht Faber als Daueraufgabe – persönlich wie institutionell. Jede Generation müsse sich neu fragen, wie sie Menschen in ihren Lebensrealitäten erreicht. Gleichzeitig verändert sich der Zugang zum Glauben: Viele wählen ihn heute individuell, suchen punktuelle Angebote statt dauerhafte Bindung. Entscheidend sei daher, Glauben so zu vermitteln, dass er einen konkreten Mehrwert bietet. Verpflichtung allein reicht nicht mehr. „Ich glaube nicht, dass heute noch jemand in die Kirche geht, weil er muss“, sagt Faber. Stattdessen gehe es darum, Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen abzuholen.
Nicht nur Auslassungen, auch Grundwertesätze werden stark diskutiert. Wie gut passen Kirche und modernes Leben noch zusammen?
Toni Faber: Ich bin da Gott sei Dank nicht alleine. Viele Pfarrer tun das ähnlich, ich mache es nur sichtbarer. Es gibt viele Pfarrgemeinden, die sich diesen Fragen stellen. Ich taufe auch Kinder aus Leihmutterschaft. Das ist nicht das Ideal der Kirche, aber wenn sie da sind, sind sie da, und dann begleite ich die Eltern.
Auf der einen Seite steht ein Buch, das allgemeingültig sein soll, auf der anderen Seite sagt man: Heute sehen wir das anders. Wie löst man diesen Widerspruch auf?
Toni Faber: Jedes Wort der Heiligen Schrift verlangt nach Auslegung durch die Gemeinschaft. Die Frage der Segnung homosexueller Paare ist dort nicht abschließend geklärt. Es gibt einzelne Beispiele, die kritisch gesehen werden. Gleichzeitig ist die Grunddimension Liebe, Wertschätzung und das Hereinholen von Ausgegrenzten, wie es Jesus vorgelebt hat. Daran orientieren wir uns heute.
Man sieht auch, wie sich das in den letzten 40 Jahren verändert hat. Wenn ich als Student gesagt hätte, ich segne homosexuelle Paare, hätte mich wahrscheinlich der Blitz getroffen. Ob Kinder aus Leihmutterschaft oder Millionen gleichgeschlechtlich empfindender Menschen weltweit, diese Menschen sind da. Da kann man nicht sagen: „Du bist Christ zweiter Klasse.“
Uneheliche Kinder sind keine Christen zweiter Klasse
In der Bibel wirkt der Standpunkt zu gleichgeschlechtlicher Liebe recht eindeutig. Darf man das als Pfarrer einfach anders handhaben?
Toni Faber: Da hat sich die Kirche einigermaßen weiterentwickelt. Was einige Beamte in der römischen Glaubenskongregation für schlecht befunden haben, wird heute differenzierter gesehen. Ich glaube jedes homosexuelle Paar wird in Österreich heute einen Pfarrer, Diakon oder Gläubigen finden wird, der es wertschätzend und würdevoll begleitet.
Auch das Thema uneheliche Kinder ist für Sie etwas, das man heute anders bewerten muss?
Toni Faber: Früher wurden uneheliche Kinder in der Kirche benachteiligt, das war ein völliger Wahnsinn. Das ist Gott sei Dank längst vorbei. Auch Kinder von homosexuellen Paaren, etwa durch Leihmutterschaft, entsprechen nicht dem Idealbild. Ich glaube, ein evangeliumsgemäßer Zugang ist nicht die Exklusion, sondern die Inklusion. Papst Franziskus war da ein wichtiger Lehrmeister. Die Kirche soll sich nicht sauber, perfekt und fehlerfrei darstellen, sondern wie ein Feldlazarett, das alle aufnimmt und Menschen an Leib und Seele stärkt.
Toni Faber: Kritik, Zweifel und persönlicher Glaube
Auch abseits der Kirche sorgt Dompfarrer Toni Faber regelmäßig für Diskussionen. Der City-Pfarrer greift moderne Lebensrealitäten auf und kassiert dafür nicht selten Kritik aus den eigenen Reihen. Zuletzt sorgte er für breites mediales Echo, als er beim Wiener Opernball mit Begleiterin Natalie Nemec über den roten Teppich schritt. Just wurden Spekulationen dazu laut, dass ausgerechnet der Society-Pfarrer eine Lebensgefährtin hat. Immerhin ist Faber bekannt dafür, traditionelle Glaubenssätze offen zu hinterfragen.
Gibt es eine Stelle in der Bibel, mit der Sie persönlich ringen?
Toni Faber: Ich habe eine Lieblingsstelle: das Bild, in dem Jesus mit den Jüngern im Boot ist, die Wellen kommen und der Sturm tobt. Die Jünger haben Angst und denken: Er schläft, merkt er nicht, dass wir untergehen? Sie wecken ihn, und er sagt: „Warum habt ihr so wenig Glauben?“ Und dann gebietet er den Wellen, dass sie still sind.
In diesen Wellen befinden wir uns auch als Kirchenschiff in der Weltgeschichte, aber auch in jeder Gemeinde und ich in mir selbst. Natürlich gibt es manchmal Wellen, die mir Sorgen machen und Situationen, in denen ich glaube, unterzugehen. Aber wenn ich Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht habe in das Versprechen Gottes – „Ich lasse dich nicht allein, ich gehe mit dir“ – dann geht es schon wieder besser.
Wie hat sich Ihr Glaube über die letzten 30 Jahre verändert?
Toni Faber: In den letzten dreißig Jahren, in denen ich fast ebenso lange Dompfarrer bin, bin ich dem Leben in seiner Vielfalt viel näher gekommen. Dadurch habe ich gelernt: „Ah, so wirkt also Gott.“ Alles, was ich mir in meinem frommen Gebetsstübchen und Studium alleine ausgemalt habe, ist noch einmal übertrumpft worden.
Ich bin sehr beschenkt worden durch den Glauben anderer Menschen, durch ihr Arbeiten und ihr Durchhalten in ganz schwierigen Lebenssituationen. Das hat nicht immer nur mit mehr Frömmigkeit und heiligerer Lebensführung zu tun, sondern mit Mut, Risiko, Unternehmergeist, Durchhaltevermögen und der Bereitschaft, einen neuen Anfang zu wagen.