Chancen leben: Von Vielfalt profitieren

Mit dem Thema Inklusion beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren. Sie sagen, Inklusion bedeutet einen echten Mehrwert für die Menschen ...
Martina Rüscher: Ja, genau, damit meine ich zu lernen, mit Vielfalt umzugehen und davon zu profitieren. Viele Menschen machen Reisen in ferne Länder, um andere Kulturen kennen zu lernen. Dabei wird leicht vergessen, dass das auch in der eigenen Gemeinde möglich und nötig ist. Ein Beispiel für Inklusion ist für mich, wenn Kinder mit Behinderung selbstverständlich in der Gemeinde mitleben, z.B. in den Gemeinde-Kindergarten oder die Schule gehen, bei Vereinen sind oder Feste mitfeiern. Und alle achten etwas aufeinander.

Der Lockdown hat viel gezeigt. Einerseits wurde Solidarität vorgelebt, andrerseits beklagten Menschen mit Behinderung, unter Ausgrenzung zu leiden. Wo kann hier das Land Vorarlberg ansetzen?
Martina Rüscher: In der Zeit des Lockdowns wurde sichtbar, dass Menschen mit Behinderung, die schon davor eigenständig waren, weniger Probleme hatten, weil sie wussten, wie sie sich selbstständig um ihre Belange kümmern können und sich nicht auf ein Hilfesystem verlassen haben. Personen, die von Institutionen abhängig waren, waren tatsächlich abhängig. Daher bin ich der Meinung, dass institutionalisierte Hilfesysteme zwar ein wichtiger Teil, aber eben nur ein Teil der Lösung sind. Das Land Vorarlberg kann mit Rahmenbedingungen dazu beitragen, gesellschaftliche Teilhabe noch stärker zu ermöglichen.

Wo steht denn Vorarlberg ganz generell in seinen Inklusionsbemühungen?
Martina Rüscher: In Vorarlberg haben wir mit ifs Spagat ein einzigartiges Modell zur beruflichen Integration. Hier wird nicht nur auf die Leistung einer Person fokussiert, sondern auch auf die Teilhabe. Als ein weiteres wichtiges Projekt möchte ich hier auch den mehrjährigen Prozess Inklusive Region Vorarlberg nennen. Die dabei aufgerollten Handlungsfelder sind sehr breit gestreut, sie betreffen alle Altersgruppen und berühren alle Lebensbereiche.

Zum Beispiel?
Martina Rüscher: Die stationären Einrichtungen sollen weiter auf ihrem Weg zur Inklusion unterstützt werden, Menschen sollen Wohnungen und Arbeitsplätze am allgemeinen Markt finden, Kinder sollen die Möglichkeit haben, mit einer Assistenz eine bestehende Bildungseinrichtung zu besuchen, und auch die PädagogInnen entsprechend unterstützt werden, um hier nur exemplarisch ein paar strategische Initiativen herauszugreifen.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine Gesellschaft aus, die Inklusion lebt?
Martina Rüscher: Solch eine Gesellschaft zeichnet sich durch ein hohes Bewusstsein für vielfältige Lebensweisen und Geschichten von Menschen aus. Barrieren für ein gelingendes Zusammenleben, hier meine ich nicht nur bauliche, werden erkannt und gemeinsam beseitigt. Und alle fühlen sich wohl, wertvoll und willkommen.

Hintergründe und Infos zum Prozess Inklusive Region Vorarlberg www.vorarlberg.at/chancenleben

Autor: Claudia Weiss , 13.10.2020