Tirol: Innovation im Wintertourismus

Ohne Schneekanonen läuft in Tirols Skigebieten nichts – doch wie effizient sind diese? Ein Teil des Wassers wird zu technischem Schnee, ein Teil verdunstet und ein Teil bleibt flüssig. Das Schneeergebnis hängt von der Höhenlage, der Wasserqualität, aber auch der Lufttemperatur oder der Luftfeuchte ab – doch wie man das Resultat verbessern kann, dazu gab es bisher keine Daten. Grund genug für das Schneezentrum Tirol, hier ein neues Verfahren zu entwickeln, das „Obergurgler Verfahren“, benannt nach dem Ort, an dem die Versuche im letzten Winter gemeinsam mit der Liftgesellschaft durchgeführt wurden. Das Grundprinzip: Durch die Feststellung der Sauerstoffisotope im eingesetzten Wasser und der Veränderung des Verhältnisses im produzierten Schnee kann auf die Verdunstungsrate geschlossen werden. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach, wie Michael Rothleitner vom Schneezentrum Tirol erklärt:  „Es werden eine Messeinheit des Wassers und eine vom produzierten Schnee miteinander verglichen. Da die leichteren Sauerstoffisotope während der Schneeerzeugung schneller verdunsten, sinkt deren Anzahl am Weg vom Wasser zum Schnee. Die Differenz lässt sich mit einem Massenspektrometer leicht bestimmen.“  

Weiterentwicklung

Bei den Tests in Obergurgl kam übrigens ein Schneefeuchtemessgerät zum Einsatz, dessen Prototyp 2019 ebenfalls hier entwickelt wurde und das nun von seinem Erfinder unter dem Namen DeTISS in Serie produziert wird. Das Ziel: Die beste Schneequalität mit dem geringsten Ressourceneinsatz (Wasser und Energie). Mit dem aktuellen Projekt zur Messung von Verdunstungsverlusten während der technischen Beschneiung geht man nun noch einen Schritt weiter – und testet dieses Verfahren heuer während des Skibetriebs hier in Obergurgl sowie im Pitztal. Das Potential ist enorm, wie Rothleitner erklärt: „Die Verdunstung liegt je nach den Bedingungen bei zehn bis 40 Prozent. Bei trockener Winterluft herrscht z.B. eine hohe Verdunstungsrate, dementsprechend ist Schneeerzeugung nicht nur auf die Temperatur allein abzustimmen. Die in verschiedenen Versuchen gewonnen Daten stellen wir auch den Erzeugerfirmen für eigene Entwicklungen zur Verfügung.“ Werner Hanselitsch, GF der Liftgesellschaft Obergurgl, ist ebenfalls auf den Einsatz im laufenden Betrieb gespannt: „Als Liftbetreiber sehe ich uns in der Schuld, ressourcenschonender zu werden. Wir wollen unseren Beitrag leisten und sind gerne Partner von Schneezentrum Tirol. Unsere Tests im Vorjahr waren alle auf ca. 1.930 Metern Seehöhe, heuer werden wir die Bandbreite erhöhen. Ich bin schon gespannt auf das Potential in der Praxis.“

Michael Rothleitner vom Schneezentrum Tirol hat DeTISS (Messkoffer siehe nächstes Bild), aber auch das „Obergurgler Verfahren“ mitentwickelt.

Foto: ©Promedia

Potential E-Fuels

Eine große Herausforderung ist auch der CO2-Abdruck der Skigebiete. Während Seilbahnen und Schneekanonen bereits seit Jahren mit Ökostrom betrieben werden, gibt es im Bereich der Pistenpräparierung noch kein entsprechendes Angebot. Ein Pilotprojekt am Hintertuxer Gletscher soll den Betrieb von Pistengeräten nun CO2-neutral machen. Fakt ist: Für den Betrieb der Pistengeräte in Österreich sind rund 30 Millionen Liter Kraftstoff pro Jahr nötig, was einen jährlichen Ausstoß von 40.000 Tonnen CO2 bedeutet. Nach Feldversuchen mit Batterie- und Wasserstoffantrieben startet die Fachgruppe der Tiroler Seilbahnen jetzt eine Kooperation mit der eFuel Alliance Österreich am Hintertuxer Gletscher. Dort muss sich eine Pistenraupe, angetrieben durch synthetischen, CO2-neutral produzierten Treibstoff, im hochalpinen Einsatz unter extremen äußeren Bedingungen beweisen. Zur Erkrärung, was eFuels sind: Diese sind synthetisch erzeugte Kraft- und Brennstoffe. Sie werden aus Wasserstoff hergestellt. Die dafür notwendige Energie stammt aus Wind- und Solaranlagen. eFuels lassen sich also klimaneutral herstellen. Der Geschäftsführer der Zillertaler Gletscherbahn Klaus Dengg, der für die Tests am Hintertuxer Gletscher ein Pistengerät zur Verfügung stellt, zu den konkreten Zielen des Projekts: „Im Durchschnitt fallen bei uns pro Saison ca. 1.000 Betriebsstunden je Pistengerät an. Bei einem Verbrauch von bis zu 30 Liter pro Betriebsstunde sind das rund 60.000 Liter im Jahr.“

 

U-Bahn-Lösung

Einen spannenden Ansatz im Wintertourismus hat Serfaus- Fiss-Ladis übrigens schon 1985 gewählt: mit der Dorfbahn – neben Linz und Wien die dritte U-Bahn Österreichs. Der Ansturm an Urlaubern in Serfaus wurde immer größer und beeinträchtigte die Lebensqualität der Menschen im kleinen Dorf. Daher beschloss der Gemeinderat 1970, die Dorfbahnstraße für den Individualverkehr zu sperren. Die Wintersportler wurden mit Bussen befördert. Doch auch die Skibusse stießen irgendwann an ihre Kapazitätsgrenzen. Im Dezember 1983 genehmigte der Gemeinderat das Projekt „Luftkissenschwebebahn“. 2019 erhielt diese ein Facelift und transportiert nun statt 1.600 bis zu 6.000 Personen pro Stunde. Das Ziel der Verkehrsberuhigung und der Reduktion der Umweltbelastung wurde im vollen Umfang erreicht – und das Dorfbild blieb erhalten.

Strategie 2024

Aber auch Tourismusverbände sind innovativ: Als erster Tourismusverband Österreichs hat der TVB Wilder Kaiser schon 2019 eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Diese zeigt, welchen Beitrag zum Gemeinwohl eine Institution durch ihr wirtschaftliches Handeln leistet und macht die Nachhaltigkeit somit auch messbar. So befasst sich z. B. eine TVB- Projektgruppe mit dem Thema „Urlaub ohne Auto“, eine andere Gruppe erarbeitet, wie in Hotellerie und Gastronomie der Müll reduziert werden kann. Die „Strategie 2024“ umfasst aber noch viel mehr und wurde im Zuge der Pandemie weiter konkretisiert. Festgeschrieben wurde etwa ein Selbstverständnis einer „Lebensqualität durch nachhaltigen Tourismus“. Wir sind gespannt auf die weiteren Schritte!

Autor: Alexandra Nagiller, 25.11.2021