Stark: Frauen in Tirols Gemeindepolitik

Der SORA Gleichstellungsindex 2021 belegt es Schwarz auf Weiß: Der Frauenanteil in der Lokalpolitik liegt in Tirol bei 20 Prozent, der Österreichschnitt bei 24 Prozent, in den gesamten EU-Staaten bei 34,1 Prozent. Fakt ist, dass es sogar in Tirol mehr Bürgermeister mit dem Namen Josef gibt (24) als Bürgermeisterinnen (17).

Parteiübergreifend

Dieser Zustand ist vielen ein Dorn im Auge – und Grund dafür, dass Elisabeth Grabner-Niel, Tirol-­Koordinatorin Frauen*Volksbegehren 2.0, gemeinsam mit Innsbrucker Politikerinnen aus sechs Fraktionen ein Video gedreht hat, das Frauen Mut machen soll, den Schritt in die Kommunalpolitik zu wagen. Der Zeitpunkt ist klug gewählt: Abgesehen von Innsbruck, wo aktuell 18 Frauen und 22 Männer im Gemeinderat sind, stehen im Februar 2022 Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen in allen Tiroler Gemeinden (außer Matrei) an.  

Inspiration

Ab Herbst wird das Video „Macht teilen – das ist gerecht!“ von Tiroler Mitgliedern des Frauen*Volksbegehrens 2.0 in Tiroler Bezirken gezeigt, um als Impulsgeber und Aufhänger für Gesprächsrunden zu dienen – um im besten Fall Frauen zu überzeugen, den Schritt in die Politik zu wagen. Innsbruck ist als Landeshauptstadt aber natürlich ein ganz eigenes Kaliber. Daher haben wir dies zum Anlass genommen, mit vier Tiroler Frauen zu sprechen, die alle sehr erfolgreich ihren Weg in der Tiroler Gemeindepolitik gegangen sind – und den keine von ihnen bereut.

Vize in Zirl

Interessiert hat sie Politik schon immer. Anstatt zu schimpfen, lieber schauen, was man besser machen kann – so das Motto von Iris Zangerl-Walser. So ist sie als Quereinsteigerin bei der Wahl 2016 in Zirl angetreten – und in die Bürgermeisterstichwahl gekommen. Schlussendlich ist sie nun Vizebürgermeisterin, ebenso wie eine weitere Frau. Und ist die Arbeit so, wie sie es erwartet hat? „Wenn man eine klare Vision zu einem Thema hat, dann kann man viel bewegen,“ bestätigt Zangerl-Walser. „Natürlich kann man es nicht allen recht machen. Umso schöner ist es aber, wenn eine Idee umgesetzt wird. Denn nirgends ist das Feedback so unmittelbar spürbar wie in der Gemeindepolitik.“ Besonders stolz ist sie z. B. auf den Tag der Vereine: „Wir haben 78 Vereine in Zirl, die sich teilweise untereinander nicht einmal gekannt haben. Nun gibt es hier Kooperationen und einen regen Austausch.“ Aber auch auf die alljährliche Zirl Art ist sie stolz, bei der Zirler Kunst in allen Facetten vor den Vorhang geholt wird. War es als Frau schwieriger für sie? „Ich denke, es hängt eher von der Persönlichkeit ab. Wenn jemand von etwas überzeugt ist, ist es egal ob Mann oder Frau.  Und: Frauen haben auch nicht nur in klassischen Frauenthemen etwas zu sagen. Ich freue mich z. B. auch über jede Frau, die sich politisch engagieren will.“ Aktuell sind übrigens von den 19 Gemeinderäten fünf weiblich. Das Ziel von Zangerl-Walser für die Wahl im Februar: „Das Bürgermeister-Amt.“

Kufsteiner Gemeinderätin

Dass Birgit Obermüller in der Politik landet, war nicht immer klar. „Ich stamme aus einer Großfamilie in Osttirol mit traditionellen Rollenbildern.“ Nach einigen Jahren im Tourismus wurde sie Mutter und merkte, dass es vielen Kindern nicht gut geht. Sie machte eine Ausbildung zur Sonderschul- und Volksschullehrerin, als der Direktor in Pension ging, übernahm sie den Posten. Später wurde sie Direktorin in einer Volksschule in Kufstein. „Ich hatte als Direktorin viel mit den Behörden und der Gemeinde zu tun. Dann fragte mich der Bürgermeister, ob ich bei der Wahl 2016 auf seiner Liste kandidieren möchte“, erinnert sich Obermüller. „Ich habe zugestimmt. Ich machte aber gerade eine Ausbildung und wollte weiter hinten gereiht werden, quasi nur symbolisch. Doch dann konnte die Liste ihre Mandate von fünf auf zehn aufstocken – und ich war im Gemeinderat.“ Den Schritt in die Politik hat sie dennoch nicht bereut: „Ich kenne aus der Praxis die Bedürfnisse der Kinder und kann viel bewegen. So gibt es nun etwa eine Frühbetreuung ab 6.45 Uhr in den Volksschulen oder Sommer:KIK mit kreativen Workshops für Kids und Jugendliche.“ Von der Bürgermeisterliste hat sie sich allerdings getrennt. „Ich dachte, das war es nun mit der Politik. Doch dann kamen die NEOS auf mich zu – und wir treten nun erstmals in Kufstein an.“ Dass sie es in den Gemeinderat schaffen, da ist Birgit Obermüller zuversichtlich – und hofft auch, dass sich generell mehr Frauen in die Politik trauen. Gemeindepolitik sei oft eine Männerdomäne. „Ich habe aber das Gefühl, dass sich hier etwas tut. Mein Tipp: Als Gemeinderätin in Ausschüssen mitarbeiten. Hier sich am besten zunächst auf das konzentrieren, wo man eine Expertise hat. Man arbeitet sich ein, versteht immer mehr, wie die Arbeit läuft, vernetzt sich immer stärker und wächst in die politische Arbeit hinein.“

Gemeindevorständin

„Frauen sind oft viel zu selbstkritisch“, sagt auch Regina Karlen, die in der ersten Periode Gemeindevorständin in Breitenwang ist. „Mit Familie ist es nicht leicht, die Sitzungen sind abends. Aber wenn man etwas verändern will, dann muss man selbst mitanpacken. Frauen haben einen anderen Blick auf Dinge, andere Ideen. Und sie wissen vor allem am besten, was Frauen benötigen.“ Sie plädiert für Gender Budgeting, bei dem auch berücksichtigt wird, wem das Gemeindegeld zugutekommt – bei den Vereinen etwa nur dem Fußballverein ist zu wenig. Karlen ist bereits knapp zehn Jahre politisch aktiv – und mit den Grünen erstmals 2016 angetreten und in den Gemeinderat eingezogen. Blöde Sprüche zur Partei und zu ihr als Frau kämen noch immer hin und wieder vor, aber es lohne sich – immerhin habe sich schon einiges getan, etwa in Sachen Öffnungszeiten des Kindergartens oder bei Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden. „Und es ist wichtig, dass Frauen mitgestalten, als Vorbilder für unsere Töchter und die Gesellschaft.“

 

Vize in Schwaz

Victoria Weber ist schon mit 16 Jahren  Parteimitglied bei der SPÖ geworden. „Das Wahlalter wurde damals von 18 auf 16 Jahre runtergesetzt und wir fühlten uns nicht vorbereitet. Ich dachte mir, dass Jammern zu wenig ist und ich mir das lieber selbst anschaue.“ Mit 19 Jahren kam sie in den Gemeinderat, war auch im Parteivorstand, in der Bezirksgeschäftsführung oder Jugendkandidatin für den Landtag – und 2019 wurde sie Vizebürgermeisterin in Schwaz. „Die Kommunalpolitik gefällt mir sehr, da ist man nahe bei den Leuten, ist greifbar für sie“, erzählt sie. Natürlich sei die Arbeit sehr zeitintensiv, wenn man das gut machen will – und leben könne man davon auch nicht, es brauche auch einen Brotberuf. Aber die Arbeit lohnt sich: „Man kann oft unbürokratisch helfen. Ich erinnere mich an eine alte Dame, deren Heizung kaputt wurde. Sie konnte sich keine neue leisten und wir konnten helfen. Aber auch bei Gewaltvorfällen wird schnell eine Unterkunft für die Frauen organisiert.“ Weber empfindet ihre Arbeit als große Bereicherung, die sie auch persönlich wachsen lässt. Ihre Liste hat sie für die kommende Wahl umbenannt und auch für parteifremde Personen geöffnet. „In der Kommunalpolitik geht es viel stärker um Themen und nicht um Parteipolitik. Es geht um Schwaz und darum, die besten Köpfe an Bord zu holen.“ Aktuell liegt die Liste bei einem 50-prozentigen Frauenanteil.

Autor: Alexandra Nagiller, 16.08.2021