So artenreich ist die Natur in Tirol

Fakt ist leider: die Bedrohung der Tiere, Pflanzen und Pilze der Alpen durch Klimawandel und Nutzungsdruck war noch nie so groß wie heute. Das bestätigt auch Birgit Mair- Markart, Geschäftsführerin des Naturschutzbundes Österreich: „Insgesamt sind heute in Österreich 4.000 Tier- und Pflanzenarten bedroht.“ Dabei sind vor allem die Kleinsten entscheidend für die Vielfalt unserer Ökosysteme: „Ein Drittel der weltweit vorkommenden Pflanzen benötigen zur Bestäubung die Hilfe von Tieren wie Insekten, Vögeln oder Fledermäusen. Und: Ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion ist direkt oder indirekt von der Bestäubung durch Insekten abhängig. Als größte Gruppe sind dabei 20.000 Bienenarten für 80 Prozent der Bestäubung durch Insekten verantwortlich“, erklärt die Expertin weiter.


Kleinste als Indikator.

Aber nicht nur Bienen sind ein guter Indikator, auch Tagfalter. In Tirol wird im Rahmen des Projekts „Viel-Falter“ der Artenreichtum an Tagfaltern dokumentiert. „Hier steht Tirol gar nicht so schlecht da: immerhin gibt es mit 170 verschiedenen Arten fast gleich viele in Tirol wie in ganz Deutschland“, erzählt Projektleiter Johannes Rüdisser. Das hängt natürlich auch mit unserem vielfältigen Lebensraum zusammen– von rund 500 bis hinauf auf fast 4.000 Höhenmetern. Denn wenn man sich die einzelnen Bereiche anschaut, ist die Situation doch nicht ganz so rosig: „In Tallagen finden sich im Schnitt nur acht Arten, wenn es steiler wird 15 Arten und über der Baumgrenze 17 bis 18 Arten. Unter natürlichen Bedingungen würde man gerade in Tallagen mehr erwarten“, so der Ökologe. Grund ist hier die intensive Nutzung, sowohl als Wohnraum als auch zur Bewirtschaftung. Dabei sei biologische Vielfalt kein Orchideen- Thema, sondern entscheidend auch für unsere Lebensqualität: „Biodiversität ist eine Rückversicherung für sich ändernde Bedingungen, etwa durch den Klimawandel. Die Natur kann sich besser darauf einstellen und ihre Funktionen erfüllen: als Wasserspeicher, Schutzwald etc.“


Die Zukunft?

Langzeitstudien zur Biodiversität gibt es leider keine, aber man kann laut den Experten auf jeden Fall eine Tendenz Richtung  weniger Artenreichtum erkennen. „Deshalb sind aber gerade solche Projekte wie der Viel-Falter wichtig, um eine Datengrundlage aufbauen zu können. Aktuell können wir einfach keinen Vergleich mit der Zeit vor 30, 40 Jahren ziehen“, erklärt Rüdisser und betont gleichzeitig: „Uns muss bewusst sein, dass wir bei Natur wie wir sie kennen auch vielfach von Kulturlandschaft sprechen, etwa bei klassischen Almwiesen.“
Auf der Alm. Auch wenn die Almwirtschaft kein naturbelassenes Ökosystem im klassischen Sinn ist, sichert diese vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten das Überleben. Arnika und Enzian, Apollofalter und Alpensalamander finden dank des entstandenen Mosaiks an Almwiesen mit Bachläufen, Böschungen und Randstrukturen inmitten der Bergwälder eine Heimat. Artenreiche Almen haben eine höhere Wasserspeicherfähigkeit und beugen Erosion vor. Dafür gilt aber: alles mit Maß und Ziel. Denn nur bei angemessener und ökologischer Bewirtschaftung bleibt die Natur gesund.


Unser Beitrag.

Wie können wir ansonsten noch unseren Naturraum schützen? „Eine Raumordnung, die maßvoll mit unserem Lebensraum umgeht und auch in Siedlungsräumen Sekundärlebensräume zulässt, wäre ein wichtiger Schritt, ebenso der Verzicht auf Pestizide in der Grünraumgestaltung. Auf Brennnesseln leben z.B. ganz viele Schmetterlingsraupen“, so der Ökologe. Aber auch jeder Einzelne kann etwas beitragen: „Die Tier- und Pflanzenwelt kann im eigenen Garten gefördert werden, indem man Vögeln, Amphibien und Insekten einen naturnahen Lebensraum gibt, etwa wilde Ecken zulässt, Blumenwiesen schafft oder heimische Gehölze pflanzt“, so Mair-Markart. Und auch der Konsum ist ein mächtiges Mittel: „Fleischkonsum ist z.B. mitverantwortlich für die Abholzung des Regenwaldes. Wir exportieren nämlich auch einiges an Belastung der Artenvielfalt“, erklärt Rüdisser.


Einfach mitmachen!

Wer nun Lust bekommen hat, Artenvielfalt hautnah zu erleben: Beim Tagfalter-Monitoring können Freiwillige ganzjährig gemeinsam mit Forschenden des Instituts für Ökologie Tagfalter zählen. Vorkenntnisse sind keine nötig. Nach einem vierstündigen Onlinekurs und einem persönlichen Gespräch kann man starten (nähere Infos: viel-falter.at). Im Rahmen der Woche der Artenvielfalt bietet der Naturschutzbund Österreich vom 13. bis 24. Mai 2021 einige spannende Projekte und Workshops in Tirol - siehe hier - aber auch online. Und unter naturbeobachtung.at kann man das ganze Jahr über mitmachen!

Autor: Alexandra Nagiller, 07.05.2021