Nicht verzweifeln an Corona!

Heuer ist ein herausforderndes Jahr. Wie gut haben wir das Jahr bis dato gemeistert?
In unserer aktuellen Studie (siehe Bildunterschrift, läuft noch bis nächstes Jahr) untersuchen wir genau das, und zwar wie es den Menschen mit psychischer Vorerkrankung oder ohne geht und welche Unterschiede es in Nord-, Süd- und Osttirol gibt. In Südtirol läuft noch die Datenerhebung, aber zu Nordtirol gibt es schon ein paar interessante Zwischenerkenntnisse. Jeder siebte der doch fast 1.000 Teilnehmer fühlt sich massiv psychisch belastet, unter den Frauen und älteren Menschen sind es noch deutlich mehr. Und hier sprechen wir von der Allgemeinbevölkerung ohne psychische Vorerkrankung. 20 Prozent der Befragten haben zudem angegeben, dass sie gezielt zu Alkohol oder anderen Substanzen gegriffen haben, um sich besser zu fühlen.

Haben Sie mit einem derart erschreckenden Ergebnis gerechnet?     
Es gibt Erfahrungswerte, was Quarantäne mit Menschen macht – etwa von SARS, MERS oder Ebola. Insofern haben wir schon mit derartigen Ergebnissen gerechnet. Wenn allerdings die Ergebnisse schon hier in Nordtirol so massiv sind, gehe ich davon aus, dass die Belastungen in Südtirol noch stärkere Spuren hinterlassen haben – schließlich waren dort auch die Maßnahmen deutlich strenger.

Im Herbst neigen viele zu depressiver Verstimmung – gepaart mit Corona keine gute Kombination.     
Für die saisonale Depression liegt die Prävalenz bei drei Prozent – also prinzipiell schon recht hoch. Normalerweise empfehlen wir, raus ans Tageslicht zu gehen, sich zu bewegen etc. Wenn aber generell Distanz propagiert wird und sich die Menschen noch mehr zurückziehen, dann kann das die Symptome natürlich verstärken. Hinzu kommt, dass die aktuelle Situation generell Stress bedeutet. Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung hatte nach dem Lockdown rund jedes dritte Kind und jeder vierte Erwachsene.

Wo sehen Sie aktuell die größte Gefahr?     
Wer im Herbst niest, muss sich wohl damit abfinden, dass sich alle fragen ob diese Person nicht an COVID-19 erkrankt ist. Wir werden zudem noch lange Menschenmassen meiden. Meine persönlich Sorge aber ist, dass Menschen aus den Gesundheitsberufen unter Umständen stigmatisiert werden – unter dem Motto „Sie hätten ja in Kontakt kommen können mit Erkrankten, sind sie vielleicht deshalb ein Risiko für mich?“

Wie kann man sich nun wappnen für diesen „heißen Herbst“?     
Grundsätzlich hilft es, die Resilienz, sprich psychische Widerstandsfähigkeit, zu stärken. Negative Gefühle sollten wertfrei beobachtet werden und man sollte sich auf etwas Neutrales bzw. Schönes konzentrieren, den eigenen Atem, ein gutes Buch etc. Yoga ist auch hilfreich, weil es unser „Denkrad“ durchbricht. Denn darum geht es: Wie umgehen mit automatisierten Gedanken, die uns nicht gut tun? Und das geht am besten, indem man sich auf angenehme Dinge fokussiert, wie Sport, soziale Kontakte oder ähnliches.  

Haben Sie konkrete Tipps, wie wir unsere Resilienz steigern können?     
Um aus dem Grübeln herauszukommen hilft z. B. ein Gedankenspiel, bei dem man sich in jemaden anderen hineinversetzt. Wie ist es z. B. als Krankenschwester, wie ist die Arbeit mit Patienten? Hilfreich ist auch unser autobiographisches Gedächtnis – positive Erlebnisse von früher, die uns helfen, uns auf Ziele und Träume zu fokussieren, nach dem Motto „Da will ich wieder hin“. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Wir werden mit Corona leben lernen und und es wird auch wieder bessere Zeiten geben. Und der vielleicht wichtigste Tipp: Schreiben Sie ihre Wünsche und Ideen auf! Man setzt sich so ganz anders damit auseinander und vieles wird klarer.

Die Belastungen werden sich dennoch nicht so schnell abschütteln lassen.      
Und genau deshalb folgen im Rahmen unserer Studie auch noch zwei weitere Befragungen, um die Auswirkungen bis Ende nächsten Jahres verfolgen zu können. Ziel ist es, Faktoren zu erarbeiten, mithilfe derer Menschen gut durch die Krise kommen, um so z. B. verhaltenstherapeutische Tipps schon im Vorfeld entwickeln zu können. Denn wenn die aktuelle Situation schon für uns so schwer zu bewältigen ist, wie schlimm muss es erst für psychisch Kranke sein?

Autor: Alexandra Nagiller, 14.10.2020