Schlange, Schakal und Co.: Wildtiere in Graz

Mit seiner wunderbaren Aussicht zählt der Schloßberg zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt Graz. Vor allem am Abend, wenn die Lichter bewundert werden können, zieht es viele Leute auf den Aussichtspunkt. Dem einen oder anderen Nachtschwärmer mag bei diesem Spaziergang sogar schon ein besonderer Bewohner untergekommen sein, nämlich der Dachs. Schon seit Jahren besiedeln die nachtaktiven Raubtiere den Schloßberg. Den Menschen zeigen sie sich jedoch nicht besonders gerne und falls doch, ist der Moment meist schnell vorbei, denn Dachse sind flott unterwegs. In Uninähe sind die Allesfresser auch immer öfters anzutreffen. Etwas weniger scheu sind die Grazer Rehe. „Man glaubt ja gar nicht, wo die Rehe in Graz überall hinkommen. Sie sind das beste Beispiel für Wild, welches sich unmittelbar in die Zivilisation begibt. Ein Hirsch würde das nie machen“, meint Stephan Moser, der Bezirksjägermeister der Stadt Graz. Neben den Eustacchio-Gründen treiben sie sich auch in zahlreichen Gärten herum, was leider den Unmut der Bevölkerung nach sich zieht. Rehe sind nämlich wahre Feinschmecker, die sich gerne über Rosenstöcke hermachen. Die Zeit des Lockdowns nutzte ein besonders mutiges Reh übrigens, um die Keplerbrücke zu erkunden. Eine Grazerin teilte das Bild im April auf Facebook. Noch ein tierischer Zufall ereignete sich im letzten Jahr am UKH Graz: Eine Gams spazierte durch die Eingangstür und begab sich auf eine Entdeckungsreise durch das Spital. Die geschickten Kletterer sind normalerweise rund um die Burgruine Gösting unterwegs.

Alle Vöglein sind schon da

Aber auch das Federvieh ist gekommen, um zu bleiben. Neben den herkömmlichen Bewohnern wie Krähen oder Enten hat auch der Wanderfalke seine Zelte in der Landeshauptstadt aufgeschlagen. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 320 km/h ist er das schnellste Tier der Erde. „Ein Paar nistet in der Herz-Jesu-Kirche“, so Moser. Noch ein besonderer Gast hat es sich in Graz gemütlich gemacht:  „Ich verrate nicht wo, damit sie nicht gestört werden“,  so Stephan Moser, „aber wir haben zwei Uhu-Horste in der Stadt. Einmal auf der linken und einmal auf der rechten Murseite.“ Auch Fasane lassen sich übrigens blicken.

Sorgenkinder

Neben den erfreulichen Bewohnern gibt es leider auch Wild, welches auf Dauer Probleme macht oder machen könnte. „Wir haben viel zu viele Füchse. In der Stadt sogar mehr als in Graz-Umgebung“, erklärt Moser. Vor allem Müllplätze ziehen die Raubtiere an. Leider ist aber auch die Fuchsräude noch immer ein aktuelles Thema. Werden die Füchse krank, verlieren sie ihre Angst und wagen sich nahe an Menschen heran. Moser dazu: „Für uns ist die Fuchsräude ungefährlich, Katzen und Hunde können jedoch daran erkranken und im schlimmsten Fall sogar sterben.“ Es ist also Vorsicht geboten. Auch der Dachs am Schloßberg kann frech sein: Da die kleinen Räuber gerne graben, werden des Öfteren Wege beschädigt. Deswegen werden teilweise Lebendfallen aufgestellt, in denen die Dachse gefangen werden, um sie dann außerhalb von Graz wieder in die Freiheit zu entlassen. Meister Lampe hat es ebenso dick hinter den Ohren. „Voriges Jahr gab es ein ziemlich großes Problem mit Hasen im Bereich von Liebenau. Dort sind nämlich viele Äcker von erwerbstätigen Gemüsebauern, für die Hasen also ein gefundenes Fressen. Eine bestimmte Anzahl wurde dann zum Abschuss freigegeben“, erzählt Moser. Da die Jagd in besiedelten Gebieten verboten ist, werden solche Abschüsse mit hohen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt. Ein gewisses Tier möchte der Bezirksjägermeister jedoch komplett aus der Stadt fernhalten: das Wildschwein. Vor allem im letzten Winter gab es vermehrt Wildschweine rund um Eggenberg und Straßgang, die dann auch erlegt wurden. Zurzeit kann nicht von einem Problem gesprochen werden, wobei es auch bleiben sollte, denn Wildschweine können für Mensch und Tier gefährlich werden. „Einer Bache mit Frischlingen möchte man lieber nicht begegnen. Andererseits versuchen wir den Bestand der Wildschweine auch wegen der Afrikanischen Schweinepest zu reduzieren“, erklärt Moser. Das Wildtier kann die Krankheit nämlich auf Hausschweine übertragen – vor allem für Bauern wäre dies fatal.

Exoten

Durch seine Lage wird Graz aber nicht nur von alpinen, sondern auch von mediterranen Tierarten besiedelt. Mittlerweile hat es auch der Goldschakal, der einzige in Europa verbreitete Schakal, in die Landeshauptstadt geschafft. Die Tiere wandern aus dem Osten zu. Im Bezirk Gösting gab es bereits mehrere Sichtungen. „Der Goldschakal ist wunderschön, gleichzeitig aber für Haustiere und Rehe gefährlich“, erläutert Moser. Der Lebensraum Mur ist nicht nur für Wassersportler und Co. attraktiv, sondern auch für einen Gast aus dem Süden – Möwen haben sich entlang des Flusses angesiedelt und können immer öfter bestaunt werden. Auch der Biber wandert von Süden immer weiter nach Graz. Die pelzigen Nagetiere wurden vor rund 150 Jahren bei uns ausgerottet, nun holen sie sich ihren Lebensraum zurück. 

Es kreucht und fleucht 

Auch gewisse Reptilien schlängeln sich durch die Gassen von Graz. Vor allem im Sommer haben sie Hochsaison. Die Rede ist von Schlangen. Sechs Arten sind in der Steiermark heimisch und somit auch des Öfteren in Graz anzutreffen. Die bekanntesten, also Ringelnatter, Würfelnatter oder Äskulapnatter, sind ungiftig und stellen keine Gefahr da. Nur zwei der sechs Arten, nämlich die Horn- und Kreuzotter, sollten gemieden werden, denn sie sind giftig. Im Mai sorgte eine Äskulapnatter übrigens für große Aufregung in einem Grazer Geschäft: Zwei Tage lang hielt sie die Mitarbeiter in Atem, bevor sie gefangen werden konnte. Bei einem Spaziergang durch Graz sollten also die Augen offen gehalten werden, ansonsten wird der ein oder andere wilde Bewohner leicht übersehen. 

Interview mit Stephan Moser (Bezirksjägermeister der Stadt Graz)

weekend: Seit 16 Jahren sind Sie nun schon Bezirksjägermeister der Stadt Graz. Was sind Ihre Aufgaben?

Gemeinsam mit den anderen Jägern versuche ich, die Interessen der Wildtiere in der Stadt Graz wahrzunehmen. Ich bin zum Beispiel dafür zuständig, den Abschussplan für die Jäger der Stadt zu erstellen. Letztes Jahr musste ich mich um den Abschuss einer bestimmten Anzahl von Wildschweinen oder Hasen kümmern. Das wird von mir koordiniert. Ich muss aber auch darauf achten, dass die Jäger die jagdgesetzlichen Vorschriften einhalten. Der Abschuss der Muttertiere ist beispielsweise während der Aufzucht der Jungen verboten. Gibt es hier Verstöße, muss ich diese strafen. Bei einem Wildunfall rufen mich die Leute an und ich muss mich um das verletzte Tier kümmern.

weekend: Wie funktioniert die Jagd in der Stadt?

Eigentlich gar nicht, denn die Jagd in besiedelten Gebieten ist verboten. Im verbauten Gebiet darf ich nur einen Schuss abgeben, um zum Beispiel ein verletztes Tier zu erlösen. Manchmal müssen wir aber einen gewissen Bestand an Wildtieren zum Schuss freigeben, da sie sonst auf Dauer Probleme machen. Das passiert aber unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Man darf die Tiere nur von einem Hochsitz oder einem Wagen aus erlegen.

weekend: Das Wildschwein in Berlin, der Fuchs in London, der Kojote in Chicago – in Großstädten haben sich die Menschen meist schon an das Wild gewöhnt. Kann davon auch in Graz gesprochen werden?

Eigentlich schon, wir leben mit Wild zusammen, ohne es zu realisieren. In Berlin ist es sehr schlimm, dort trauen sich manche Bewohner wegen der vielen Wildschweine gar nicht mehr in ihre Gärten. Das ist bei uns nicht der Fall und wir setzen alles daran, dass es nicht so wird. Das Wildschwein kann einfach zu einem großen Problem werden, weil es, ähnlich wie die Füchse, von Müllplätzen angezogen wird. Die Wildtiere nutzen die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Sie verhalten sich in der Stadt ja auch ganz anders als am Land. Die Tiere haben sich an die Menschen gewöhnt und legen teilweise ihre Scheu ab. Ein Reh am Land ergreift sofort die Flucht, sobald es dich erblickt. In der Stadt kann es schon mal passieren, dass du dich einem Reh bis auf ein paar Meter nähern kannst.

Autor: Cornelia Scheucher, 29.10.2020