Kommentar: Grünes Stockholm- Syndrom

Neue Erkenntnisse der WKStA in Sachen Korruptionsaffären haben in den letzten Wochen wieder ein Schlaglicht auf die Vorgänge in der ÖVP geworfen und zeichnen ein desaströses Bild für die Politik.
Autor: Patrick Deutsch, 16.11.2022 um 09:39 Uhr

Für SPÖ und FPÖ Grund genug, ihre Differenzen über Bord zu werfen und unter dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“, eine Sondersitzung des Nationalrats einzuberufen. Beflügelt von aktuellen Umfragen wollten beide Parteien die Bürger möglichst schnell zu den Wahlurnen schicken. Ein dementsprechender Antrag wurde, wie zu erwarten war, von den Regierungsparteien abgeschmettert. Dem Beobachter stellt sich allerdings die Frage, warum die Grünen, bekannt als Aufklärungs- und Transparenzpartei, dem Koalitionspartner weiterhin die Stange halten. Möglicherweise lässt sich das Verhalten von Kogler, Maurer und Co. aus der Sicht eines Hobbypsychologen erklären.

Angst vor dem Absturz

Eine Variante ist, dass die Partei unter dem „Stockholm-Syndrom“ leidet. Dieses beschreibt den Effekt, dass Opfer einer Geiselnahme positive Gefühle zu ihren Entführern aufbauen. Alle Skandale, die in der Volkspartei zuletzt ans Tageslicht gekommen sind, haben nämlich auch den Grünen massiv geschadet – zumindest in der Wahrnehmung der Bevölkerung. Wenig hilfreich waren auch die Aussagen von ÖVP-Kanzler Nehammer, der frei nach Alexander Van der Bellen betonte, „So bin ich nicht und so sind wir nicht“. Dass beide Regierungsparteien aktuell keine große Freude mit Neuwahlen hätten, liegt aufgrund von katastrophalen Umfragewerten auf der Hand. Vielleicht kommt hier aber auch eine Mischung aus „Akrophobie“ und „Bathophobie“ zum Tragen. Also die Angst vor einem tiefen politischen Fall.