Impfpflicht wäre medizinisch vertretbar: Juliane Bogner-Strauß im Interview

weekend: Sie sind seit knapp zwei Jahren Landesrätin. Wie groß ist der Unterschied zur Bundes- politik?
Juliane Bogner-Strauß: In der Landespolitik ist man wesentlich näher am Menschen dran. Dieser Unterschied ist aber aufgrund der Pandemie noch nicht ganz zum Tragen gekommen. Als ich mich entscheiden konnte, ob ich in der Bundespolitik bleiben, oder in die Landespolitik wechseln möchte, habe ich einige Aspekte miteinbezogen: Das Wichtigste für mich war, dass mich das Ressort sehr gereizt hat, ich näher bei den Menschen sein kann und es meiner Familie gut geht.

weekend: Sie haben mit dem Gesundheitsressort aber sicher den undankbarsten Job übernommen …
Juliane Bogner-Strauß: Ich bin ja nicht in die Politik gegangen, um jeden Tag Lob und Dank zu ernten und geliebt zu werden. Ich möchte etwas bewegen, was den Menschen in der Steiermark nutzt. Und das mache ich auch – fakten- und datenbasiert. Diesen Weg habe ich eingeschlagen und den möchte ich weitergehen.

weekend: Es kommt immer wieder Kritik, warum nicht über den Sommer mehr Bettenkapazitäten geschaffen wurden. Was sagen Sie darauf?
Juliane Bogner-Strauß: Ein Intensivbett lässt sich nicht innerhalb von ein paar Wochen und Monaten aufbauen. Abgesehen davon werden ja gerade Intensivbetten gebaut – auch in der Steiermark. Eines muss man an dieser Stelle ganz klar sagen: Eine Pandemie gewinnt man niemals im, sondern nur vor den Toren des Krankenhauses. Wir wissen auch, dass in Österreich extrem viele Patienten ins Krankenhaus gehen, obwohl sie mit ihrem Krankheitsbild bei einem niedergelassenen Arzt oder Ärztin besser aufgehoben wären. Betten haben wir mehr als genug. Wir haben Stationen in der Steiermark, die weit davon entfernt sind, ausgelastet zu sein.

Ich bin ja nicht in die Politik gegangen, um jeden Tag Lob und Dank zu ernten und geliebt zu werden. – Juliane Bogner-Strauß über ihr Politikverständnis.

 

weekend: Darauf zielt auch das neue „Leitspital Liezen“ ab. Aus der Opposition und der Bevölkerung kommt aber massiver Widerstand. Können Sie das nachvollziehen?
Juliane Bogner- Strauß: Ja, natürlich. Aber das Wichtigste für die Menschen in der Region ist, dass das Leitspital die Versorgung verbessern wird. Wir haben mehr Leistung an einem Ort, als die drei Standorte zusammen bieten konnten.

weekend: Was hätte in der Pandemiebekämpfung besser laufen können?
Juliane Bogner-Strauß: Also die gelernte Österreicherin tendiert dazu zu sagen: „Hätt i, war i, tät i.“ Im Nachhinein weiß man immer alles besser. Auf jeden Fall hätte die Kommunikation besser laufen können. Es ist uns manchmal nicht gelungen, die Dinge, die uns die Experten geraten haben, populärwissenschaftlich zu übersetzen. Das hat für Verunsicherung gesorgt. In anderen Ländern, in denen die Impfquote wesentlich höher ist, hat sich die Politik aus der Impf-Diskussion zurückgezogen und sie den Experten überlassen.

weekend: Die Steiermark lag bei der Impfquote ja lange nicht im Spitzenfeld …
Juliane Bogner-Strauß: Wir sind jetzt das drittbeste Bundesland. Neben den Impfstraßen und dem niedergelassenen Bereich haben wir zusätzlich niederschwellige Angebote gesetzt: man kann sich heute nahezu an jeder Ecke eine Impfung abholen. Dadurch steigen aktuell auch die Erstimpfungen wieder. Dass sich manche Parteien als Impf-Gegner positionieren, um Wählerstimmen zu bekommen und politisches Kleingeld zu wechseln, finde ich schlecht für unsere Bevölkerung und unsere Gesundheit. Vor allem, weil wir wissen, dass es derzeit nur dieses eine Werkzeug zur Bekämpfung der Pandemie gibt. Wir sehen es bei den Intensivstationen: Im Moment liegen in der Steiermark 20 Personen auf der Intensivstation – 90 Prozent davon sind ungeimpft.

Gesundheitslandesrätin Juliane Bogner-Strauß

In anderen Ländern, in denen die Impfquote wesentlich höher ist, hat sich die Politik aus der Impf-Diskussion zurückgezogen und sie den Experten überlassen. – Juliane Bogner-Strauß über die niedrige Durchimpfungsrate.

weekend: Der Landeshauptmann hat immer wieder eine Impfpflicht in Spiel gebracht. Können Sie sich das als Ultima Ratio vorstellen?
Juliane Bogner-Strauß: Natürlich wollen wir eine höhere Durchimpfungsrate und eine Impfpflicht wäre medizinisch gesehen sicher vertretbar. Ich darf daran erinnern, dass so die Pocken ausgerottet wurden. Das Problem ist, dass wir überinformiert sind. Ich weiß nicht, ob sich jemand schon einmal überlegt hat, welchen Impfstoff von welcher Firma, für welche Immunisierung man verwenden will. Beim Thema Impfpflicht hätte sich die EU beweisen und zu einer dementsprechenden Entscheidung durchringen können.

weekend: Zum Abschluss müssen wir noch über die KPÖ sprechen. Wie geht man mit so einem Wahlergebnis um?
Juliane Bogner-Strauß: Auch hier sage ich, dass es vielleicht ein Thema der Kommunikation war: Ich lebe jetzt schon lange in Graz und habe mir die Entwicklung der Stadt angeschaut. Es ist eine großartige, lebenswerte und grüne Stadt. Da fängt man schon an, darüber nachzudenken, warum das die Menschen nicht mehr sehen. In den letzten 20 Jahren wurde in Graz viel Gutes getan.

Autor: Patrick Deutsch, 11.10.2021