Lawinenlage: Ein Winter mit unsichtbarer Gefahr
Inhalt
- Planung ist Pflicht, nicht Kür
- Ausrüstung rettet Leben – Übung entscheidet
- Lawinen melden – auch ohne Verletzte
- Prävention mit Potenzial
„Auffällig war heuer das massive Altschneeproblem“, sagt Bernd Tritscher rückblickend gegenüber weekend.at auf die Wintersaison 2025/26. Im Pinzgau wie im gesamten Alpenraum fiel unterdurchschnittlich wenig Schnee. Was zunächst harmlos klingt, entwickelte sich zu einer heiklen Ausgangslage: Eine dünne Schneedecke, kalte Temperaturen und wiederkehrender Oberflächenreif führten zu einer aufbauend umgewandelten, extrem schwachen Altschneeschicht.
Diese Schwachschicht aus kantigen Kristallen liegt tief in der Schneedecke verborgen und wird durch Windverfrachtungen oder Neuschnee überdeckt. „Sie ist von außen kaum erkennbar“, warnt Tritscher. Nur ein Blick ins Schneeprofil oder Stabilitätstests geben Hinweise. Besonders tückisch: Brüche können sich großflächig fortpflanzen, teils bis zum Boden durchreißen. Selbst einzelne Skitourengeher können dadurch größere Lawinen auslösen. Bei nahezu allen Lawinenunfällen mit Personenbeteiligung in diesem Winter war genau diese Altschneeschicht die Ursache.
Die klare Empfehlung des Bergrettungschefs: defensives Verhalten. Steiles Gelände über 30 Grad möglichst meiden, Abstände konsequent einhalten, heikle Passagen einzeln befahren und die Situation laufend neu beurteilen.
Defensiv unterwegs
zu sein, ist heuer kein
Zeichen von Schwäche,
sondern von Verantwortung.
Planung ist Pflicht, nicht Kür
„Mehr denn je gilt: gründliche Tourenplanung“, betont Tritscher. Lawinenlageberichte seien heute kleinräumiger und präziser denn je – ein echter Mehrwert für Tourengeher. Doch man müsse sie lesen, verstehen und ins Gelände übersetzen. Auch Warnstufe 1 bedeute nicht „keine Gefahr“. Gerade bei schwachen Altschneeschichten können punktuelle Gefahrenstellen heimtückisch sein.
Hilfreiche Tools wie Hangneigungskarten, Wetterstationen oder digitale Planungshilfen liefern wertvolle Zusatzinformationen. Social-Media-Berichte hingegen seien kritisch zu hinterfragen: „Verhältnisse können sich innerhalb weniger Stunden komplett ändern.“ Schönes Wetter, Pulverschnee und Gruppendynamik erhöhen zusätzlich das Risiko. Entscheidend sei, die ursprüngliche Planung unterwegs ständig zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.
Ausrüstung rettet Leben – Übung entscheidet
Zur Standardausrüstung gehören LVS-Gerät, Sonde, Schaufel, Erste-Hilfe-Paket, Biwaksack und ein geladenes Handy. Optional empfiehlt Tritscher einen Airbag- Rucksack, jedoch ohne falsches Sicherheitsgefühl. „Er ist keine Garantie und kein Freibrief für mehr Risiko.“
Noch wichtiger als die Ausrüstung selbst ist der sichere Umgang damit. Die Kameradenrettung entscheidet über Leben und Tod: Wird ein Ganzverschütteter innerhalb von zehn Minuten geortet und ausgegraben, liegt die Überlebenschance bei rund 90 Prozent. Danach sinkt sie rapide. Bergrettungsteams treffen selbst unter optimalen Bedingungen frühestens nach 15 bis 30 Minuten ein. „Schneller ist unrealistisch.“ Deshalb müsse regelmäßig, auch unter Zeitdruck, geübt werden.
Lawinen melden – auch ohne Verletzte
Ein oft unterschätzter Punkt ist das Melden von Lawinenabgängen. Wer sicher weiß, dass niemand verschüttet wurde, sollte dennoch über 140 oder 112 informieren. „So vermeiden wir unnötige Großeinsätze.“ Immer wieder würden Abgänge nicht gemeldet, später jedoch von Dritten entdeckt, mit entsprechenden Alarmierungen. Zudem liefern Fotos und kurze Berichte wertvolle Hinweise für die Lawinenwarndienste.
Prävention mit Potenzial
In Sachen Prävention sieht Tritscher Fortschritte, aber auch Luft nach oben. Kurse alpiner Vereine, Angebote von Bergführern und Initiativen der Bergrettung werden gut angenommen. Dennoch bleibe viel Potenzial, etwa in der verstärkten Nutzung von Infokanälen und Panoramakameras zur Aufklärung über Gefahren und richtiges Verhalten.
Einsatztechnisch verlief der Winter im Pinzgau bislang „normal“, allerdings mit mehr Wanderunfällen aufgrund des Schneemangels. Insgesamt steigen die Anforderungen kontinuierlich, nicht zuletzt durch die wachsende Zahl an Freizeitsportlern.
Sein Appell zum Schluss ist klar: „Nicht das gepostete Powderfoto zählt, sondern wieder gesund heimzukommen.“ In einem Winter wie diesem ist defensiv zu sein kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung.