Aron Stiehl: „Theater ist eine spirituelle Erfahrung!“

Weekend: Können Sie uns bitte kurz Ihre Visionen für die erste von Ihnen programmierte Spielzeit skizzieren?
Aron Stiehl: Die bevorstehende Saison bildet mit der Inszenierung der „Walküre“ den Auftakt zu Richard Wagners Opernzyklus „Der Ring der Nibelungen“, der in den kommenden vier Jahren erstmals seit den 60er Jahren wieder in Klagenfurt aufgeführt wird. Die in ihm verhandelte Thematik ist gerade vor dem Hintergrund der augenblicklichen Klimadebatte aktueller denn je, beschäftigt er sich doch mit der Frage nach dem Umgang des Menschen mit der Schöpfung und den Lehren, die er daraus zieht. Durch die Neuerzählung solch alter Mythen wird uns bewusst, dass sich die großen Fragen, die die Menschheit seit jeher umtreiben, nicht wesentlich verändert haben. Sie drehen sich nach wie vor um Themen wie Liebe, Tod oder den Sinn des Lebens.

Weekend: Liegt Ihnen dieses Projekt besonders am Herzen?
Aron Stiehl: Ich freue mich auf viele spannende Stücke aus unserem vielseitigen Programm. Beispielsweise auch auf „Nicht sehen“ von Noam Brusilovsky, das sich des Falles Franz Wurst annimmt, oder die szenische Lesung zu den Freisler-Prozessen in Kärnten im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Klagenfurt.

Weekend: Sie legen großen Wert darauf, dass Theater immer auch gute Unterhaltung bieten muss. Wie definieren Sie diesen oftmals mit Oberflächlichkeit assoziierten Begriff?
Aron Stiehl: Ich orientiere mich in diesem Zusammenhang an der britischen Unterhaltungsphilosophie. Wir wollen selbstverständlich keine seichte Unterhaltung auf RTL-Niveau bieten, das Publikum jedoch über spannende Geschichten in unbekannte Welten eintauchen lassen, es zu einem Spiel mit seinen Gedanken sowie einer Erweiterung seines Horizonts einladen und es sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringen.

Weekend: Was unterscheidet das Theater in diesem Kontext von anderen Unterhaltungsformen wie etwa dem Kino?
Aron Stiehl: Das Theater kann mit einem noch stärkeren Gemeinschaftserlebnis sowie mit einem unvergleichbaren Live-Erlebnis aufwarten. Jede Vorstellung ist einzigartig und nicht reproduzierbar. Diese Vergänglichkeit verleiht dem Theater eine beinahe spirituelle Erlebnisqualität, die zudem zu einem Gutteil das Ergebnis eines vitalen Wechselspiels zwischen den Darstellern auf der Bühne und dem Publikum ist.

Stadttheater-Intendant Aron Stiehl auf der Bühne seines feierlich beleuchteten Theaters

Weekend: Wie gelingt es dem Theater außerdem, einer weiteren Ihrer Forderungen nachzukommen und das Publikum zum Nachdenken und Reflektieren anzuregen?
Aron Stiehl: Indem es Fragen stellt und keine vorgefertigten Antworten gibt. Es soll die Fantasie des Publikums anregen, ihm jedoch nicht vorschreiben, was es zu denken hat.

Weekend: Sind Sie der Ansicht, dass die Corona-Politik der Bundesregierung ausreichend Respekt vor dem Wert der Kultur im Allgemeinen und des Theaters im Besonderen erkennen ließ?
Aron Stiehl: Vorweg möchte ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass ich in der momentanen Situation mit keinem Politiker den Platz tauschen möchte. Für die einen werden die Regeln nämlich immer zu weit gehen, während sie anderen nicht streng genug ausfallen können. Ich denke, es war richtig als Akt der Solidarität den Kulturbetrieb zunächst ruhen zu lassen. Die Priorisierung im Zuge der anschließenden Öffnungsschritte hat mich jedoch teilweise verwundert. Dass etwa Gottesdienste erlaubt wurden und Theaterbesuche verboten blieben, obwohl wir über hochprofessionelle Sicherheitskonzepte verfügt haben, konnte ich nicht nachvollziehen. Vielen Politikern ist der Wert der Kultur allerdings sehr wohl bewusst. Schließlich ist sie das Einzige, das von einer Zivilisation bestehen bleibt, nachdem zum Beispiel industrielle Produktionsstätten längst in sich zusammengebrochen sind.

Weekend: Wie sind Sie mit dem Status des Abonnement-Verkaufs für die kommende Saison zufrieden?
Aron Stiehl: Leider müssen wir einige Kündigungen verkraften, da unter unseren Abonnenten noch eine erhöhte Furcht in Bezug auf die Corona-Pandemie spürbar ist. Wir werden jedoch alles unternehmen, um den Menschen die Angst zu nehmen und sie erneut für einen Theaterbesuch zu begeistern. Außerdem dürfen wir uns über viele Unterstützter freuen, die gerade deshalb ein Abonnement erworben haben, weil sie damit ihre Wertschätzung für das Theater in herausfordernden Zeiten wie diesen zum Ausdruck bringen wollten.

Autor: Stefan Kohlmaier, 12.08.2021