Ralf Rangnick: Warum er 30 Millionen für uns einfach liegen ließ
Er hätte Bayern München sein Ja gegeben. Er tat es nicht. Was dieser Mann wirklich antreibt — und warum seine Geschichte weit mehr ist als Fußball.
Am 1. Mai 2025, kurz vor dem ÖFB-Cupfinale in Klagenfurt, lehnte Ralf Rangnick ein Angebot des FC Bayern München über kolportierte 30 Millionen Euro ab und blieb beim ÖFB – für ein Zehntel davon. „Ich bin mit vollem Herzen österreichischer Teamchef". Die Presseaussendung erschien wenige Stunden vor Anpfiff, während die deutschen Boulevardmedien noch über eine bevorstehende Zusage spekulierten.
Rangnick: 30-Millionen-Euro-Angebot
Die Zahlen sind bemerkenswert: Der ÖFB bezahlt Rangnick laut profil.at zwischen einer und 1,5 Millionen Euro pro Jahr – Bayern soll das Zehnfache geboten haben, auf drei Jahre gerechnet wären das immerhin rund 30 Millionen Euro.
In einem Interview mit Eurosport hat Rangnick gestanden, dass ihm das tatsächlich auch zumindest eine schlaflose Nacht beschert hat. Seine Begründung für das Nein klang erstaunlich simpel: „Seit 28 Jahren ist Österreich bei keiner WM-Endrunde mehr dabei gewesen. Dieses Ziel möchte ich mit der neu entstandenen Dynamik und Euphorie noch erreichen."
Das klang bereits damals nach einer ordentlichen PR-Aussage, aber ganz so war es dann auch nicht. Als Rangnick das von sich gab, war die WM-Qualifikation alles andere als eine "gmahte Wiesn". Er hätte also noch in aller Würde absagen können. Rangnick blieb trotzdem.
Man kann das jetzt natürlich naiv oder romantisch nennen. Oder aber man sieht es als bewusste Entscheidung eines Mannes, der für sich beschlossen hat, das manche Ziele eben doch mehr wiegen als Einkommen.
Für die Funktionärsebene des ÖFB ist diese Größe manchmal, wie die Wiener Zeitung berichtete, eher Bürde als Segen – aber dazu später.
Der Piefke, der keiner ist
Die Kronen Zeitung hat Rangnick liebevoll zum „Lieblingspiefke" der Nation gekürt, das Magazin profil ernannte ihn 2024 zum „Mensch des Jahres": Beides sagt mehr über Österreichs Verhältnis zu diesem Mann aus als jede Statistik.
Was dabei kaum jemand weiß: Ralf Rangnick, geboren in Backnang in Baden-Württemberg, ist auf eine stille Weise selbst ein Mensch mit Entwurzelungsgeschichte. Seine Eltern lernten sich 1945 als Heimatvertriebene kennen, seine Mutter stammte aus Breslau (heute Wrocław, Polen), sein Vater aus Königsberg (heute Kaliningrad, Russland). Als Kind heimatvertriebener Eltern weiß er, was es bedeutet, in einfachen Verhältnissen zu leben. Dieser Erfahrungsschatz prägte laut eigenen Angaben sein Denken über Solidarität und Chancengleichheit nachhaltig.
Rangnick lebt heute in Obertrum im Salzkammergut. Die Natur, der Schnee, das Essen und der Schmäh der Leute faszinieren ihn nach eigener Aussage. Das Kabinen-Motto, das sein Team gemeinsam gewählt hat, lautet „MANNSCHAFFTALLES" — ein Wortspiel, das den Geist dieser Mannschaft besser beschreibt als alle Presseaussendungen zusammen. Der "Piefke" versteht dieses Land wohl einfach.
Klopps Lehrer — und unser Trainer
Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Julian Nagelsmann: Sie alle nennen Ralf Rangnick öffentlich als zentrale Inspirationsquelle. Rangnick selbst schilderte gegenüber ESPN einen Schlüsselmoment: Als Hoffenheim 2008 Borussia Dortmund mit 4:1 dominierte, erklärte Klopp danach, genau diesen Fußball wolle er künftig mit Dortmund spielen. Zwei Meisterschaften und später die Champions League mit Liverpool folgten. Der Fußball, den Millionen Menschen an diesen Klubs lieben –Pressing, Tempo, Kollektiv – wurde von einem Trainer aus Backnang entwickelt, den Österreich jetzt als seinen eigenen beansprucht.
In Wien, Graz und Linz sieht man die Früchte dieser Arbeit heuer unmittelbar. Der österreichische WM-Kader strotzt vor Bundesliga-Profis. Konrad Laimer spielt bei Bayern München, Marcel Sabitzer bei Borussia Dortmund, und viele weitere Kicker kommen aus deutschen oder englischen Profiligen. Bei der EM 2024 schloss Österreich die Vorrunde als Gruppensieger ab, sogar vor Frankreich und den Niederlanden. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Systems, das Rangnick mit jahrelanger Aufbauarbeit verankert hat.
Rangnicks Erschöpfung: Der Montag in Obertrum
September 2011: Ralf Rangnick trat als Cheftrainer des FC Schalke 04 mit sofortiger Wirkung zurück, die Diagnose lautete „vegetatives Erschöpfungssyndrom". Die Auszeit dauerte fast zehn Monate. Sportpsychologin Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule Köln beschrieb sein öffentliches Bekenntnis damals als mutig und vorbildlich. Rangnick habe damit der Entstigmatisierung von Burnout im Spitzensport einen echten Dienst erwiesen.
Seither ist der Montag sein fester Familientag. An diesem Tag ist er für niemanden erreichbar: nicht für den Verband, nicht für die Medien, laut Stuttgarter Zeitung auch nicht für den Papst oder die „Bild"-Zeitung. Das ist alles andere als eine Kleinigkeit.
2018 gründete Rangnick die Ralf Rangnick Stiftung, nachdem sein bester Freund und langjähriger Berater Volker Weiß an Leukämie gestorben war. 200.000 Euro flossen allein in einen Bus mit integrierter Küche für Grundschulen, um mit dem Vorurteil aufzuräumen, gesundes Essen müsse teurer sein als Fast Food. „Für mich gibt es zwei Dinge, die das Leben lebenswert machen: lieben und helfen", sagte er in einem APA-Interview.
Was die Kritiker über den Trainer sagen
Eine vollständige Geschichte kommt ohne Gegenstimmen nicht aus. ÖFB-Aufsichtsratsmitglied Johann Gartner formulierte es gegenüber der Wiener Zeitung unverblümt: „Es hilft nichts, wenn das Volk schreit, weil das Volk zahlt ihn ja nicht." Gartner kritisierte auch das WM-Qualifikationsspiel gegen Bosnien — die erste halbe Stunde sei „Krampf ohne Konzept" gewesen, und einige auf der Ehrentribüne hätten „geschmunzelt".
Das EM-Achtelfinale 2024 gegen die Türkei verlor Österreich mit 1:2 — trotz eines Torschussverhältnisses von 21:6. Das schmerzte und erinnerte daran, dass Rangnick kein Zauberer ist.
Sein erstes ÖFB-Verlängerungsangebot lehnte er ab, die Gespräche laufen noch. Im Hintergrund wartet zudem dem Vernehmen nach AC Milan: Laut übereinstimmenden Berichten sollen Zlatan Ibrahimović und Clubeigner Gerry Cardinale Rangnick bei einem Wien-Treffen den Sportdirektor-Posten angeboten haben.
WM-Traum statt Millionenvermögen
Am 4. Juni geht der Flieger nach Kalifornien: mit 26 österreichischen Nationalspielern, einem Trainerstab und einem Deutschen, den Österreich inzwischen als seinen eigenen betrachtet. Ob Rangnick danach bleibt, weiß derzeit niemand mit Sicherheit. Ob Österreich weit kommt, auch nicht.
Aber heuer ist etwas anders als in den 28 Jahren davor: Ein Mensch hat gezeigt, dass man 30 Millionen Euro liegen lassen kann und dafür etwas bekommt, das sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses WM-Sommers: Nicht die Taktik, nicht die Gruppe, nicht einmal das Ergebnis. Sondern die Frage, ob wir selbst auch so viel mehr als nur eine schlaflose Nacht für etwas riskieren würden, das uns wirklich wichtig ist.
Wann reiste Österreich zur WM?
Das ÖFB-Team flog am 4. Juni 2026 von Wien nach Los Angeles. Damit steht Österreich erstmals seit 1998 wieder bei einer Weltmeisterschaft.
Gegen wen spielt Österreich bei der WM?
In der Gruppe J treffen die Österreicher auf Argentinien, Algerien und Jordanien. Den Auftakt macht das Spiel gegen Jordanien am 17. Juni in San Francisco.
Was ist mit Rangnicks Vertrag?
Der Vertrag von Ralf Rangnick läuft nach der WM 2026 aus. Der ÖFB-Aufsichtsrat hat einstimmig für eine Verlängerung gestimmt, Rangnick hat das erste Angebot jedoch abgelehnt. Gleichzeitig gibt es offenbar konkretes Interesse von AC Milan.
Was macht die Ralf Rangnick Stiftung?
Die Ralf Rangnick Stiftung, gegründet 2018 in Leipzig, fördert Bildung und Chancengleichheit für Kinder. Dazu gehört unter anderem ein mobiles Küchenprojekt, das an Grundschulen Ernährungsbildung vermittelt.