Wie viel Reichtum ist noch anständig?

CHEFINFO: Ist es eigentlich noch „anständig“, wenn Menschen 200 Milliarden Dollar und mehr besitzen?
Rainer Zitelmann: Kein Mensch hat so viel Geld auf dem Bankkonto. Der überwiegende Teil eines solchen Vermögens ist in Unternehmen gebunden – bei Jeff Bezos in Amazon oder bei Elon Musk in Tesla und anderen Firmen. Vermögend sind solche Menschen, weil sie für eine Vielzahl von Konsumenten Nutzen gestiftet haben, so wie Bill Gates mit Microsoft. Lange Zeit waren die reichsten Deutschen die Albrecht-Brüder, die Aldi gegründet haben: Millionen Menschen konnten dadurch billiger einkaufen in guter Qualität. Reich wurden sie, weil sie diesen Nutzen gestiftet haben.

Verlieren solche sehr reichen Menschen nicht irgendeinmal zwangsläufig den Bezug zur Realität, weil sie vermeintlich von Jasagern und Bittstellern umgeben sind?
Zitelmann: Ein Reicher, der den Bezug zur Realität verliert, wird bald nicht mehr reich sein. Seine Realität sind die Wünsche der Konsumenten. Verfehlt er diese, fängt der Reichtum automatisch an zu schrumpfen.

Welches Korrektiv haben diese Menschen dann?
Zitelmann: Den Markt.

Ich war öfter in China, aber niemand sehnte sich nach der Mao-Zeit zurück, nur weil damals die Menschen gleicher waren.

Rainer-Zitelmann

Könnte eine Art „globale Vermögenssteuer“ –  als reines Gedankenspiel –, bei der man Vermögen begrenzt, die Ungleichheit bekämpfen, oder wäre das reiner Populismus?
Zitelmann: Der linke französische Ökonom Thomas Piketty fordert das, andere auch. Sie beklagen die Ungleichheit. Piketty gibt jedoch zu, dass im größten Teil des 20. Jahrhunderts in kapitalistischen Ländern die Ungleichheit reduziert wurde und nicht gestiegen ist. Das hat sich laut seinen Zahlen erst ab 1990 geändert. Für ihn hat damit die schlimme Zeit steigender Ungleichheit begonnen. In der Tat hat sich seit dem Jahr 2000 die Zahl der Milliardäre auf der Welt verfünffacht, von etwa 500 auf mehr als 2.500. Im gleichen Zeitraum ist jedoch die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, von 24 Prozent (im Jahr 2000) auf heute unter zehn Prozent gesunken. Das zeigt doch, dass der Nullsummenglaube, wonach die Reichen nur reich seien, weil sie den Armen etwas weggenommen haben, einfach Unsinn ist. Die Schere zwischen Arm und Reich ist im Weltmaßstab gar nicht auseinandergegangen. Ich interessiere mich nicht für Ungleichheit, sondern für Armut. Ungleichheit ist ein Thema für Neider, die sich vor allem dafür interessieren, ob und wie viel der andere mehr hat als er selbst. Mir geht es um die Frage, wie Armut reduziert wird. Und da hat der Kapitalismus Großartiges geleistet, wie ich in meinem Buch „Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten“ belege: 1820, bevor der Kapitalismus entstanden ist, lebten 90 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute sind es weniger als zehn Prozent. Nehmen Sie China als Beispiel: Die Ungleichheit, gemessen im Gini-Index, ist seit dem Ende der Mao-Zeit gestiegen. Heute gibt es so viele Milliardäre in China wie nirgendwo auf der Welt – nur in den USA gibt es genauso viele. Aber die Zahl der Menschen in extremer Armut ist seit der Einführung von Privateigentum und Marktwirtschaft von 88 Prozent (1981) auf unter ein Prozent gesunken. Ich war öfter in China, aber niemand sehnte sich nach der Mao-Zeit zurück, nur weil damals die Menschen gleicher waren.

Was bräuchte es, um sehr große Vermögen, die ja oft durchaus mobil sind, in ihrem Ursprungsland zu besteuern bzw. wie könnte man Steuerflucht vermeiden?
Zitelmann: Der Anreiz zur Steuerflucht ist umso höher, je höher die Steuern sind. Die beste Maßnahme, um Steuerflucht zu bekämpfen, sind niedrigere Steuern.

Gibt es Daten oder Studien, wie sich die oft philanthropischen Projekte Superreicher auf die Gesellschaft auswirken?
Zitelmann: Bill Gates hat mehr geleistet im Kampf gegen Krankheiten als viele Staaten. Aber ich möchte hinzufügen: Selbst wenn er keinen einzigen Dollar für wohltätige Zwecke ausgegeben hätte, hätte er der Gesellschaft hohen Nutzen gestiftet durch Microsoft. Ich benutze das gerade und Sie als Leser vielleicht auch, so wie viele Milliarden Menschen. 

Autor: Jürgen Philipp, 12.05.2022