olksschule soll sechs statt vier Jahre dauern: Was sich für Kinder ändert
- Entscheidung über Schulweg erst mit zwölf
- So funktioniert die sechsjährige Volksschule
- Neues Pflichtfach kommt in der fünften Klasse
- Platz in Mittelschule oder AHS wird garantiert
- Schulversuch startet im Herbst 2027
- Kritik von ÖVP und FPÖ
Die Volksschule soll in Österreich an ausgewählten Standorten künftig sechs statt vier Jahre dauern. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) startet dazu ab dem Schuljahr 2027/28 einen Schulversuch. Kinder sollen damit erst im Alter von zwölf statt wie bisher mit rund zehn Jahren zwischen Mittelschule und AHS-Unterstufe wechseln. Zunächst ist das Modell an mindestens fünf Standorten in wenigstens drei Bundesländern vorgesehen.
Das Wichtigste zur sechsjährigen Volksschule
- Start: Der Schulversuch beginnt im Schuljahr 2027/28.
- Dauer: Kinder können sechs statt vier Jahre gemeinsam die Volksschule besuchen.
- Schulwechsel: Die Entscheidung zwischen Mittelschule und AHS-Unterstufe fällt erst nach der sechsten Schulstufe.
- Standorte: Geplant sind zunächst mindestens fünf Standorte in wenigstens drei Bundesländern.
- Teilnahme: Die Teilnahme der Schulen am Schulversuch ist freiwillig.
- Danach: Die Kinder wechseln direkt in die dritte Klasse einer Mittelschule oder AHS-Unterstufe.
Entscheidung über Schulweg erst mit zwölf
Derzeit besuchen Kinder vier Jahre lang die Volksschule. Danach steht bereits die Entscheidung zwischen Mittelschule und AHS-Unterstufe an. Für Wiederkehr kommt diese Weichenstellung zu früh. Kinder würden sich unterschiedlich schnell entwickeln, zudem spiele die soziale Herkunft bei der Wahl der weiteren Schule eine große Rolle.
Die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit sei deshalb „vor allem eine Frage der Chancengerechtigkeit“, erklärt Wiederkehr. Zwei zusätzliche Jahre sollen den Kindern mehr Zeit geben, ihre Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln. „Ziel ist ein Schulsystem, das Kinder nicht schon mit zehn Jahren schubladisiert“, so der Bildungsminister.
So funktioniert die sechsjährige Volksschule
Die ersten beiden Schulstufen bleiben im geplanten Schulversuch weitgehend unverändert. Auch in der dritten und vierten Klasse gilt weiterhin der Lehrplan der Volksschule. Zusätzlich können dort bereits punktuell Lehrkräfte aus Mittelschulen oder AHS-Unterstufen zum Einsatz kommen.
Deutlich stärker verändert sich der Unterricht in der fünften und sechsten Schulstufe. In dieser sogenannten Grundstufe III gilt der Lehrplan der Sekundarstufe I. Der Unterricht wird überwiegend von Fachlehrkräften aus Mittelschulen oder AHS-Unterstufen übernommen. Die bisherige Volksschullehrkraft bleibt den Kindern mit mehreren Wochenstunden als Klassenvorstand und zentrale Bezugsperson erhalten.
So sind die sechs Jahre Volksschule aufgebaut
| Stufe | Klassen | Was vorgesehen ist |
|---|---|---|
| Grundstufe I | 1. bis 2. | Volksschullehrplan und Klassenlehrersystem |
| Grundstufe II | 3. bis 4. | Volksschullehrplan, punktuell unterstützt durch Lehrkräfte aus Mittelschule oder AHS |
| Grundstufe III | 5. bis 6. | Lehrplan der Sekundarstufe I und verstärkter Einsatz von Fachlehrkräften aus Mittelschule oder AHS |
Neues Pflichtfach kommt in der fünften Klasse
In der fünften und sechsten Schulstufe ist außerdem das neue Pflichtfach „Persönlichkeitsbildung“ mit jeweils einer Wochenstunde vorgesehen. Dabei sollen unter anderem Selbstvertrauen und der Umgang mit anderen gestärkt sowie die Kinder auf den nächsten Bildungsabschnitt vorbereitet werden.
Der Unterricht kann auch in den beiden zusätzlichen Jahren am bisherigen Volksschulstandort stattfinden. Möglich ist aber ebenso ein Wechsel an eine kooperierende Mittelschule oder AHS. Voraussetzung für den Schulversuch ist deshalb die Zusammenarbeit einer Volksschule mit einer nahe gelegenen Schule der Sekundarstufe I.
Platz in Mittelschule oder AHS wird garantiert
Nach Abschluss der sechsjährigen Volksschule wechseln die Schülerinnen und Schüler direkt in die dritte Klasse einer Mittelschule oder AHS-Unterstufe. Dafür ist eine Platzgarantie vorgesehen. Bei entsprechender AHS-Reife soll laut Bildungsministerium ein Platz in einem Gymnasium garantiert sein.
Am Ende der fünften und sechsten Schulstufe erhalten die Kinder ein Zeugnis der Mittelschule beziehungsweise AHS mit einem Vermerk über den Schulversuch. Vorgesehen sind dabei auch Ziffernnoten.
Schulversuch startet im Herbst 2027
Der Schulversuch beginnt mit dem Schuljahr 2027/28 und wird wissenschaftlich begleitet. Eine erste Kohorte startet im September 2027 mit der ersten Schulstufe, eine zweite folgt im September 2028. Interessierte Schulen können sich bis 16. Oktober 2026 beim Bildungsministerium melden.
Die Teilnahme ist freiwillig. Neben der Kooperation mit einer Mittelschule oder AHS braucht es entsprechende Zustimmungen am jeweiligen Schulstandort. Eine flächendeckende Einführung ist laut Bildungsministerium nicht vorentschieden. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung sollen zeigen, ob und in welcher Form das Modell später ausgeweitet wird.
Kritik von ÖVP und FPÖ
Politisch sorgt das Vorhaben bereits für Diskussionen. Der Schulversuch wurde laut ORF nicht mit den Koalitionspartnern ÖVP und SPÖ abgestimmt. Wiederkehr verwies darauf, dass Schulversuche in seinen Zuständigkeitsbereich als Bildungsminister fallen.
ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti zeigte sich skeptisch und sprach von einem „neuen Türschild“ ohne echten Mehrwert. Die FPÖ bezeichnete das Modell als „ideologischen Kniefall vor der Mittelmäßigkeit“ und sieht darin „keinen pädagogischen Mehrwert“. Der Arbeiterkammer geht das Vorhaben hingegen nicht weit genug. Sie fordert eine gemeinsame Schule für Zehn- bis 14-Jährige.
FAQ: Die sechsjährige Volksschule in Österreich
Wann startet die sechsjährige Volksschule?
Der Schulversuch startet mit dem Schuljahr 2027/28. Eine erste Kohorte beginnt im September 2027 mit der ersten Schulstufe. Eine zweite Kohorte folgt im September 2028.
Müssen künftig alle Kinder sechs Jahre in die Volksschule?
Nein. Bei der sechsjährigen Volksschule handelt es sich zunächst um einen freiwilligen Schulversuch an ausgewählten Standorten. Eine österreichweite Einführung ist derzeit nicht beschlossen.
Was passiert nach der sechsten Klasse Volksschule?
Nach der sechsten Schulstufe wechseln die Schülerinnen und Schüler direkt in die dritte Klasse einer Mittelschule oder AHS-Unterstufe.
Kann mein Kind danach ins Gymnasium wechseln?
Ja. Bei entsprechender AHS-Reife soll laut Bildungsministerium ein Platz in einem Gymnasium garantiert sein.
Warum soll die Volksschule auf sechs Jahre verlängert werden?
Die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg soll später getroffen werden. Kinder sollen mehr Zeit für den Erwerb von Grundkompetenzen und die Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Interessen erhalten.
Wird die sechsjährige Volksschule in ganz Österreich eingeführt?
Das steht noch nicht fest. Der Schulversuch wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Eine flächendeckende Einführung ist derzeit nicht beschlossen.
Weiterführende Informationen
Bundesministerium für Bildung: Länger gemeinsam lernen in der 6-jährigen Volksschule