Wladimir Putin fühlt sich vom Westen nuklear bedroht

Daher droht der Kremlchef seinerseits mit Atomwaffen. Wie ernst muss man das nehmen und was hat er gestern eigentlich gesagt?
Autor: Gert Damberger, 22.09.2022 um 13:24 Uhr

ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz hat sich die gestrige Rede Wladimir Putins aus Anlass der Teilmobilisierung der russischen Streitkräfte genau angehört – in der Originalsprache natürlich und mit dem Ohr des Slawisten und Russland-Kenners auf die feinen Zwischentöne gerichtet. Wehrschütz‘ Analyse ist niederschmetternd. Für ihn rutscht die Welt nach dieser Ansprache in die “gefährlichste Eskalation seit der Kuba-Krise“.

Kubakrise 1962

Joschka Fischer: "Die Drohung ist real"

Auch für den ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer ist die TV-Ansprache des Kremlchefs mehr als Säbelgerassel. „Putins Drohung mit Atomwaffen ist real“, meinte der Ex-Politiker in einem Interview auf dem Sender Puls 24. Die russische Nukleardoktrin besage immerhin, dass russisches Territorium mit Atomwaffen zu verteidigen sei, was auch für etwaige annektierte ostukrainischen Provinzen gelten würde. Schon bald sollen ja in den Bezirken Luhansk, Donezk und Cherson "Volksabstimmungen" über den Beitritt zu Russland beginnen.

Rußlands „Achse“ würde zerbrechen

Armin Wolf wollte in der ZIB von Außenminister Alexander Schallenberg wissen, was er als aktiver Diplomat von der Drohung Putins hielte. Bestehe die Gefahr, dass Putin aufgrund des für ihn frustrierenden Kriegsverlaufs irgendwann mal irrational reagieren werde und den Atomknopf drücke? „Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass er zu diesem letzten und absoluten Tabubruch bereit ist“, sagte der aus New York zugeschaltete Schallenberg. Putin würde wohl nicht riskieren, seine einzigen „Verbündeten“ zu verlieren, denn Indien und China würden diesen Akt nicht gutheißen.

Verwüstet man, was man erobern will?

Außerdem könne er sich nicht vorstellen, dass Russland Gebiete, die es ja zu erobern gedenke, in „eine nukleare Wüste“ verwandeln werde. „Und wenn er es doch tut?“, meinte Wolf mit Verweis auf die bereits jetzt von der russischen Armee verwüsteten Städte der Ostukraine. „Dann hoffe ich“, meinte der österreichische Außenminister nach einer kurzen Nachdenkpause, „dass es im Umfeld Putins vernünftige Leute gibt, die ihm Einhalt gebieten“. Schallenberg hält Putin „für rationaler, als man denkt“. Europa müsse jetzt „Nervenstärke und Ruhe bewahren“, aber auch „klare Kante“ zeigen, im Vertrauen darauf, dass „sechs massive Sanktionspakete“ schon wirken würden.

Was Putin am Mittwoch gesagt hat:

Auch nukleare Erpressung wurde eingesetzt. Wir sprechen (…) auch über Äußerungen hochrangiger Vertreter der NATO-Länder über die Möglichkeit und Zulässigkeit des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen gegen Russland.

Ich möchte diejenigen, die solche Äußerungen über Russland machen, daran erinnern, dass auch unser Land über Zerstörungsmittel verfügt und in einigen Fällen sind sie moderner als die der NATO-Länder.

Das ist kein Bluff. Und diejenigen, die versuchen, uns mit Atomwaffen zu erpressen, sollten wissen, dass sich die Wetterfahne drehen und auf sie zeigen kann.