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In Linz beginnt`s
In Linz beginnt`s
gremlin / iStock / Getty Images Plus, oberbank, fabasoft, BODNER Gruppe

Walk the Mile

25.02.2026 um 00:00, Klaus Schobesberger
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Wo Innovation Kilometer macht: Für Gründer:innen, Investor:innen und Top-Talente ist der Linzer Hotspot zwischen Tabakfabrik und Hafen der Place to be.

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Die letzten spiegelnden Glaselemente der Fassade sind montiert, die ersten Mieter:innen hauchen den 27 Stockwerken bereits Leben ein. Nun feilt man noch am letzten Schliff des neuen Wahrzeichens der Stahlstadt-Skyline bis zur offiziellen Fertigstellung im Februar. Unübersehbar – besonders für Autofahrer:innen, die sich morgens durch das Nadelöhr der Linzer Donaulände quälen – prangt über der neuen Tiefgarageneinfahrt zwischen Parkbad und Tabakfabrik der markante Schriftzug: „Quadrill“. Dieser Name steht für das derzeit spektakulärste Bauprojekt aller österreichischen Landeshauptstädte und markiert (wörtlich wie metaphorisch) den vorläufigen Höhepunkt einer städtebaulichen Entwicklung in der ober­österreichischen Donaumetropole. Mit 109 Metern überragt der Quadrill jedes andere Büro- oder Hotelgebäude außerhalb Wiens. Aber das aus vier Bauteilen bestehende Ensemble zeigt auch eindrucksvoll, wo in Linz die Zukunft pulsiert: Vom Donaupark bis ins Hafengebiet entsteht ein einzig­artiges Ökosystem aus Startups, ­Scale-ups, globalen Playern, Hidden Champions, Netzwerkorganisationen, Gastronomie, Hotellerie sowie Sport-, Kultur- und Gesundheitseinrichtungen. Das Fundament dieses ungewöhnlichen Aufschwungs bildet ein breit aufgestellter IT-Cluster mit ­namhaften Unternehmen, die dieses Wachstum nachhaltig antreiben. Mit dabei auch ein Ableger des US-Computer-Giganten Apple. Die Apple Technology Engineering Austria B.V. & Co. KG hat ihren Sitz in der Regensburger Straße 1 im Hafenportal und ist die Nachfolgefirma der übernommenen DMCE, eines Spin-offs des ­früheren Rektors der Johannes Kepler Universität (JKU) Richard Hagelauer. Der Fokus von Apple in Linz liegt in der Entwicklung von Wireless-­Technologien wie 5G/6G-Modems, RF-Technik (Radio Frequency) sowie Digital Signal Processing für iPhones und andere Geräte. Seit 2023 wird der Standort massiv ausgebaut – mit inzwischen rund 500 Mitarbeiter:innen. Linz liegt eben nicht mehr nur an der Donau – sondern zunehmend auch an der Digitalen Meile. 

Die Treiber der Idee.

Ursprünglich stammt der Begriff „Digitale Meile“ von Robert Stubenrauch, einem ­Projektmanager des IT-Clusters. Das erzählt Georg Spiesberger, Geschäftsführer des Tech Harbor: „Er hat ihn in einem ganz anderen Zusammenhang mir gegenüber fallen lassen. Wir fanden ihn sofort passend, haben ihn aufgegriffen – und ich habe ihn dann 2019 für unser Projekt ‚ge­kapert‘.“ Ziel ist es, schnell wachsende Digitalunternehmen aus dem un­­mittelbaren Umfeld wie Dyna­trace, ­Kontron, karriere.at, Keba, ­bet-at-home.com, Netural oder MIC miteinander zu vernetzen. Dynatrace ist dabei ein zentraler Player der Digitalen Meile und weltweiter Topleader für Software Intelligence. Das Unternehmen wurde 2005 als Spin-off von drei Absolvent:innen der JKU unter der ­Leitung von Bernd Greifeneder gegründet. 20 Jahre später ist daraus ein milliardenschwerer Konzern geworden, der an der New Yorker Börse notiert ist. Obwohl die Gründer:innen nicht mehr Eigentümer:innen sind, blieb das Forschungs- und Entwicklungszentrum von Dynatrace in Österreich bestehen. Der neue Dynatrace Campus in Linz, dessen Bezug für 2026 geplant ist, erweitert das bestehende Engineering Headquarter auf Kapazitäten für rund 1.500 internationale Software-Expert:innen. „Alles begann mit der zentralen Frage: Wie gewinnen wir gemeinsam mehr IT-Fachkräfte? Wenn wir uns nur gegenseitig die Leute ab­jagen, wird es teurer, ohne dass jemand profitiert“, sagt Spiesberger. In den vergangenen fünf Jahren wurden daher erfolgreich gemeinsame HR-­Programme aufgesetzt: vom Sommer-Kinder­betreuungscamp für 200 MINT-Kinder (mit Robotik, Spaß und mehr) über Sportprogramme, Events bis hin zu Weiterbildungen.“ Solche Aktionen sind in kritischer Masse viel einfacher und wirkungsvoller als allein”, erklärt der „Tech Harbor“-Manager.

Oberbank 3 Banken IT. 1991 gegründet, 474 Mitarbeiter:innen an drei Standorten.

Andocken im neuen Hafen.

Spiesberger hat sein Büro im TechCenter, nur wenige hundert Meter entfernt vom Quadrill am Winterhafen – einem kleinen, abgetrennten Ausläufer des Linzer Hafensystems, der früher als Schutzhafen diente, um Schiffe vor winterlichem Eis zu bewahren. Das Gebäude entstand Anfang der 2000er Jahre als Neubau-Projekt, um innovative Tech-Unternehmen anzusiedeln. Es gilt neben der 1988 gegründeten Fabasoft AG als Keimzelle der Digitalen Meile. 2017 kam die Neue Werft hinzu – ein weiteres Gebäude mit maßgeschneiderter Infrastruktur für Startups und wachsende Firmen. Seitdem treten beide Standorte gemeinsam unter dem Markennamen „Tech Harbor“ auf. Als Eigentümerin fungiert zu je einem Drittel die Business Upper Austria: OÖ Wirtschaftsagentur GmbH, die Stadtentwicklung & Immobilien der Stadt Linz Holding GmbH sowie die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft mbH (FFG). „Die breite Trägerstruktur mit Stadt Linz, Land Oberösterreich und Bund sorgt für eine starke Unterstützung und hat sich massiv ausgezahlt“, resümiert Spiesberger. Inspiriert vom Aufschwung der New Economy und von den Erfolgen im kalifornischen Silicon Valley, gründete das Land Oberösterreich vor über 20  Jahren die tech2b GmbH. Der Inkubator unterstützt Tech-Gründer:innen gezielt in der Anfangsphase. Unter den mehr als 450 betreuten Gründungs­projekten finden sich klangvolle Namen wie FerRobotics – weltweit führend in der sensiblen Roboter-Oberflächen­bearbeitung –, Tractive mit ihren GPS-Trackern für Haustiere oder die Lauf-App „Runtastic“. Deren Mitgründer Florian Gschwandtner ist nach dem Verkauf an Adidas heute selbst als erfolgreicher Investor aktiv und sitzt in der Jury der „PULS 4“-Show „2 Minuten 2 Millionen“.

Fabasoft AG. Börsennotiert, einer der ersten Softwarebetriebe an der Donaulände.

Willkommen im „Nikotin-Valley“.

Die Erfolgsgeschichte der Digitalen Meile hätte es allerdings ohne kreative Zerstörung einer alten Industrie nie ge­geben. Im September 2007 gab Japan Tobacco International bekannt, dass es die Zigarettenproduktion in der Tabakfabrik einstellt. Was also tun mit dem 1935 von Peter Behrens und Alexander Popp entworfenen Industrie-Prachtbau? Die Stadt Linz entschied sich, das 38.148 m2 große Fabriksareal zurückzukaufen – und einer völlig neuen Nutzung zuzuführen. Sie engagierte den Kreativ-Zampano Chris Müller, um aus der „Tschickbude“ ein „Nikotin-Valley“ zu formen. In den weitläufigen Hallen, in denen acht Jahrzehnte Zigaretten am laufenden Band produziert wurden, rauchen heute die ­Köpfe von Innovator:innen und digitalen Dienstleister:innen, die gegenseitig von der „Open Space“-Philosophie profitieren sollen. Von Anfang an war die ­Vision da, einen vibrierenden Stadtteil zu schaffen – mit der neu ausgerichteten Tabakfabrik „als Lagerfeuer“ einer neuen Community. Der Erfolg überzeugte selbst eingefleischte Skepti­ker:in­nen: 250  Organisationen mit 3.000 Menschen aus IT, Bildung, Werbung, Design, Architektur, Handwerk, Kunst und Sozialem haben heute ihren Sitz in dem denkmalgeschützten Bau. Darunter befinden sich international erfolgreiche Scale-ups wie die Krypto-Steuerexpert:innen Blockpit – oder ­Storyblok. Mit seinem Headless Content Management System lassen sich Websites in atemberaubendem Tempo bauen. Beide haben zuletzt Millionen-Investments für weiteres Wachstum erhalten.

Quadrill. Höchster Büroturm außerhalb Wiens. Die Arcotel Gruppe zieht mit einem 4*-Hotel auf sieben Etagen ein.

Die Hidden Champions.

 Die Tabakfabrik als neuer Anbieter blieb nicht ohne Auswirkung auf Tech Harbor. Dessen Fokus lag lange Zeit auch stark auf Gründungen, bis factory300 und die Strada del Startup mit ihren maßgeschneiderten CoWorking-Spaces in der Tabakfabrik diesen Part übernommen haben. „Konkurrenz zwischen öffentlichen Akteuren macht keinen Sinn. Daher haben wir umgeschwenkt: weg vom reinen Startup-Thema hin zu großen Unternehmen und Standort­relevanz“, sagt Spiesberger. Viele von den Großen sind echte Hidden Champions und einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, aber mit ihren Lösungen weltweit führend. Ein Beispiel ist der ­Spezialist für Zollsoftware MIC (Managing International Customs & Trade Compliance), der im Vorjahr sein neues Headquarter für 500 Mitar­beiter:innen inklusive Betriebsrestaurant und Fitness­bereich fertiggestellt hat. Das Unternehmen mit sieben Standorten außerhalb Österreichs beschäftigt rund 550 Mitarbeiter:innen aus 45 verschiedenen Nationen. „Der Zoll- und Exportkontrollsektor unterliegt nahezu täglichen Änderungen. Seit unserer Gründung 1988 – also seit 38 Jahren – fokussieren wir uns genau auf diesen Bereich. Viele dieser regulatorischen Entwicklungen erreichen die breite Öffentlichkeit nicht, doch sie haben uns ein konstantes durchschnittliches Wachstum von 15  Prozent jährlich beschert“, sagt ­Rainer Roll, CCO und Mitglied der Geschäftsführung bei MIC. Vor Kurzem hat MIC ein KI-Tool veröffentlicht, das die Bearbeitungszeit für Zolltarifierung bei Zalando um 71 Prozent reduziert. Der Berliner Online-Händler tarifiert jeden Monat immerhin bis zu 540.000 unterschiedliche Artikel. Um weiter wachsen zu können, benötigt MIC qualifizierte Mitarbeiter:innen. Dank der Johannes Kepler Universität und ihres KI-Schwerpunkts, der FH Hagenberg und der neuen Digitaluniversität IT:U ist für Nachschub gesorgt. ­„Dieses Ökosystem ermöglicht IT-Unternehmen in Oberösterreich – besonders an der Digitalen Meile – nachhaltiges Wachstum“, sagt Roll.
 

Tabakfabrik. Zentraler Hotspot. Ein Ökosystem mit 250 Organisationen und 3.000 Menschen.

Den KI-Turbo zünden.

Obwohl die Schulden der Stadt mit dem aktuellen Budget erstmals mehr als eine Mil­liarde Euro betragen und damit den Handlungsspielraum einschränken, wird ein notwendiges Sparpaket verschoben. Bürgermeister Dieter Prammer und Wirtschaftsstadtrat Thomas Gegenhuber (beide SPÖ) präsentieren in den nächsten Wochen den Zukunftsweg der Stahlstadt. Das sogenannte „Wirtschaftsprogramm Neu“ soll sich auf Digitalisierung, KI-Turbo, Klima­neutralität und Internationalisierung – und damit auf die weitere Stärkung der Digitalen Meile – konzentrieren. Auch die Bundesregierung hat mit „Künst­licher Intelligenz und Daten­innovation“ ein Stärkefeld in ihrer im Jänner präsentierten Industriestrategie definiert. Und Landeshauptmann ­Thomas Stelzer (ÖVP) will nach drei Jahren Rezession die Wirtschaft wieder ins Wachstum bringen. Er unterstützt die „Exzellenzstrategie KI“ und plant, gemeinsam mit Banken und Wirtschaft einen Startup-Fonds zu formen, um Gründer:innen in der Upscaling-Phase unter die Arme zu greifen. Das fehlende Venture-Kapital ist ein gravierender Standortnachteil. 
 

Keba AG. Einer der führenden Automatisierungsspezialisten. Liegt auf der anderen Seite der Donau.

Urbaner Hotspot.

Prammer sieht in der Digitalen Meile „einen zusammen­hängenden Zukunftskorridor mit hoher Aufenthaltsqualität, moderner Infrastruktur und starken wirtschaft­lichen Impulsen“. Einer, der das wirtschaftliche Zukunftspotenzial der Digitalen Meile früh erkannt hat, ist der Chef der Nach(t)leben Gruppe Robert Bremmer. Er führt das Lokal „Tante Kaethe“ erfolgreich im neuen Donauparkstadion. Hunderte, zum Teil internationale Mitarbeiter:innen an der Digitalen Meile nutzen den ­großen Gastgarten und genießen die gute Küche. Davon gibt es noch viel zu wenig, sagt Bremmer. „Wir sind gastronomisch in Linz ganz vorn mit dabei. Das Potenzial für einen urbanen Hotspot ist da. Ich wünsche mir eine echte Flaniermeile wie am Wiener Donaukanal mit entspannter Promenaden-Atmosphäre und einer hohen Dichte an hippen Lokalen.“ Bremmer passt mit seiner Vita gut in die ­Digitale Meile. Er ist eigentlich Wirtschafts­informatiker, kommt aber stark aus der betriebswirtschaftlichen Ecke. „Zahlen, Strategie, Analysen, das ist mein Ding. Genau das macht unsere Konstellation seit Jahren so spannend und erfolgreich: Ich sitze auf der ­kaufmännischen, auf der visionär-­gastronomischen Seite sitzen die ­echten ­Profis. Ich sorge für Struktur, Controlling und langfristige Planung, die anderen bringen die Leidenschaft, das Gespür für den Gast und die ­kreativen Ideen. Diese Mischung aus harter BWL und purem Gastro-­Feeling hat uns bei ROX, Empire und jetzt bei ­Tante Kaethe so weit gebracht – und sie funktioniert einfach ­hervorragend.“

Donauparkstadion. Mit XXXLutz und Tante Kaethe inside.

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