Unerfüllter Kinderwunsch: Was tun?

Es zählt zu den sensibelsten Themen überhaupt: Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch wandeln meist auf einem schmalen Grat zwischen Freud und Leid. Sex nach Kalender, Hormontherapien und ständige Untersuchungen nagen an Frau und Mann, Kommentare von außen und die Stigmatisierung der Gesellschaft sorgen für zusätzlichen  psychischen wie auch physischen Stress. Dabei ist es längst überfällig, das Tabu aus diesem Thema zu streichen. Denn ungefähr jedes fünfte Paar hat einen unerfüllten Kinderwunsch oder große Probleme, schwanger zu werden.

Es klappt einfach nicht

Gründe dafür gibt es viele und sie können bei beiden Geschlechtern liegen. Beim Mann betrifft es den Samen, denn die Qualität des Spermas ist ausschlaggebend. Aber auch die Anzahl spielt eine große Rolle. Bei der Frau gibt es drei Faktoren, die meist dafür verantwortlich sind: verschlossene Eileiter, beispielsweise durch Entzündungen, die Krankheit Endometriose sowie unterschiedliche hormonelle Störungen. Weiß man als Paar von diesen Problemen und hat einen Kinderwunsch, gilt es, schnell zu handeln. Das sieht auch Michael Schenk vom Kinderwunsch Institut Schenk in Dobl so: „Schnelles Handeln ist das Wichtigste. Ist man unter 35 Jahre alt und versucht bereits seit einem Jahr, schwanger zu werden, würde ich jedem raten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Denn je früher damit begonnen wird, desto höher stehen die Chancen, zwei Streifen am Schwangerschaftstest zu finden. Gleichzeitig gilt: Vorsorge ist besser als Nachsorge. „Wissen junge Frauen, aber auch Männer, dass sie einmal Kinder haben wollen, ist es ratsam, die eigene Fruchtbarkeit untersuchen zu lassen. Viele vergessen darauf, aber es ist ähnlich wie bei einer jährlichen Gesundheitsuntersuchung“, erklärt der Mediziner. 

"Im 20. Lebensjahr sind noch 90% der Eier fit, im 30ten 50% und mit 40 Jahren nur mehr 10%. Die meisten Frauen kommen erst mit 36 Jahren zu uns, um sich Hilfe zu holen. Dabei ist die Chance, mit 32 Jahren schwanger zu werden, noch doppelt so hoch als beispielsweise mit 37 Jahren."

Michael Schenk, Ärztlicher Leiter Kinderwunsch Institut Schenk 

Nur kein Druck

Die im Menschen tief verwurzelte Sehnsucht nach Nachwuchs kann sich auch negativ auf die Psyche auswirken. Vor allem dann, wenn sie unerfüllt bleibt. Vielen Frauen wird also der Rat gegeben, einen Psychologen oder Therapeuten aufzusuchen, um den Druck abzubauen. Doch welche Rolle spielt der eigene Geist wirklich? „Aus meiner Erfahrung ist die Psyche überbewertet. Viele Frauen kommen zu mir und meinen, dass es am Druck von innen und außen liegt. Aber wenn man so lange einen Kinderwunsch hegt, ist eine Anspannung doch ganz normal“, meint die Psychotherapeutin Anja Gutmann. Die Expertin rät, den Stress zu nehmen, indem er akzeptiert wird. „Das ist einfach eine angemessene Reaktion auf eine schwierige Situation. Und es ist ein Thema, bei dem sich Frauen gerne selbst die Schuld geben. Hier gilt es, entgegenzuwirken“, erklärt Gutmann.

Die Schuldfrage

Dabei docken wir bei einem Problem an, das viele Frauen verzweifeln lässt. Das weibliche Geschlecht sucht die Schuld generell gerne bei sich, bei einem unerfüllten Kinderwunsch kann dies aber verheerende Auswirkungen haben: Viele Frauen glauben, dass etwas nicht mit ihrem Körper stimmt. Sie sehen ihn als Baustelle, der nicht richtig funktioniert. „Der weiblichste aller Akte ist die Schwangerschaft. Gibt es dabei Probleme, wird die eigene Weiblichkeit in Frage gestellt“, so die Therapeutin. Das macht Frau (leider) selbst, aber auch die Gesellschaft. Gutmann dazu: „Doch Schwangerwerden ist keine Leistung, sondern hängt mit den Umständen zusammen. Es ist Glück oder Schicksal.“

Hilfe von außen

Und weil das eben so ist, ist es keine Schande, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Das weiß auch Anna Wilken. Die deutsche Influencerin, bei der Endometriose diagnostiziert wurde, ist seit November 2018 in Kinderwunschbehandlung. Nach sieben unterstützten Reproduktionsversuchen und einer Fehlgeburt im letzten Jahr blickt sie noch immer hoffnungsvoll in die Zukunft. Tipps gibt sie nur ungern: „Weil das Thema so individuell ist. Jedem hilft etwas anderes. Mir selbst tut es gut, darüber zu reden und mich nicht zu verstecken“, so die 25-Jährige. Die Strapazen merkt sie: „Gekoppelt mit der Geduld, die man braucht, sind die Nebenwirkungen der Hormone sehr anstrengend. Das Hoffen und Bangen ist nicht immer leicht. Ich habe mir aber von Beginn an die Hilfe eines Psychologen gesucht.“

Gemeinsam statt einsam

Ein Kinderwunsch ist immer auch Beziehungssache und kann Paare vor eine Zerreißprobe stellen. Damit das überhaupt gar nicht erst so weit kommt, rät Gutmann einem Paar Folgendes: „Man sollte immer im Gespräch bleiben und über Ängste und Sorgen reden. Außerdem ist es wichtig, Termine und Untersuchungen als Paar gemeinsam wahrzunehmen. Sonst wird es schnell zum Einzelkampf der Frau.“ Generell fällt es Frauen leichter, lockerer zu bleiben, wenn sie die Unterstützung ihres Partners spüren. Ob sich in der Beziehung von Anna etwas geändert hat? „Uns hat es mehr zusammengeschweißt. Es ist auf jeden Fall wichtig, dem Partner, aber auch sich selbst genügend Raum zu geben. Ein unerfüllter Kinderwunsch kann sehr auslaugend sein“, meint sie.

Finanzielle Unterstützung

Ein Kinderwunsch ist nicht nur anstrengend, sondern kostet auch. In Österreich gibt es aber mittlerweile Maßnahmen, um Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch finanziell unter die Arme zu greifen. „Bei Frauen vor dem 40. Geburtstag, die unter verschlossenen Eileitern, Hormonstörungen oder Endometriose  leiden, übernimmt der IVF-Fonds 70 Prozent der Kosten der In-vitro-Fertilisation“, erklärt Michael Schenk. In Österreich hängen die Kosten von der Methode und dem Alter der Frau ab. Sie variieren, ohne Fonds-Unterstützung und ab einem Alter von 35 Jahren zwischen 4500 und 4950 Euro (inkl. Narkose, Embryoglue usw.). Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich unter www.sozialministerium.at Informationen einholen.

Nur nicht aufgeben

Das Thema ist zwar kräftezehrend, aber nicht ausweglos: Früher oder später halten fast alle Paare mit Kinderwunsch ein Baby im Arm. Oft braucht es dafür aber einen Perspektivenwechsel. „In vielen Partnerschaften wird eine Adoption nicht einmal in Erwägung gezogen. Dann gilt es, zu hinterfragen, warum das so ist. Oft sind es tief verwurzelte Denkmuster, aus denen man ausbrechen muss“, so Gutmann. Je offener man gegenüber anderen Optionen wird, desto schneller baut man den Druck ab, dass es ohne medizinische Hilfe funktionieren muss. Manchmal klappt es dann sogar ohne Hilfe. Und falls nicht: Ein Kind ist ein Kind und immer Teil einer Familie. „Die Gesellschaft glaubt nach wie vor, dass Kinder auf romantischem Wege entstehen müssten. Viele Paare fürchten sich dann davor, zuzugeben, dass ihr Baby auf Umwegen zu ihnen kam. Dabei ist das wirklich nichts, wofür man sich schämen muss“, meint Michael Schenk. Möchte man eine Familie gründen, gibt es mittlerweile unzählige Möglichkeiten. Und für keine einzelne davon braucht es eine Rechtfertigung. Paare mit Kinderwunsch dürfen also eines nicht vergessen: Auch sie werden ihr Wunder im Arm wiegen.

Interview mit Anna Wilken

weekend: Wie ist es dir nach der Fehlgeburt ergangen?

Anna:  Die Fehlgeburt war für mich das Schlimmste, das ich je erlebt habe. Der Verlust tut mir bis heute weh und ich wünsche es wirklich keiner Frau. Es war keine schöne Zeit für uns als Paar, aber es hat uns auch näher zusammengebracht. So schlimm es auch war, es hat mir trotzdem gezeigt, dass es „klappen kann“. Ich bin einmal schwanger geworden und das sogar auf natürlichem Wege.

weekend: Was wünscht du dir von der Gesellschaft?

Anna: Ich wünsche mir, dass der unerfüllte Kinderwunsch kein Tabuthema mehr ist und dass die Gesellschaft ihren Zugang zum Bild einer Familie ändert. Paare, die sich gegen ein Baby entscheiden, sind genauso vollkommen. Das Gleiche gilt für gleichgeschlechtliche Paare, die Kinder wollen oder nicht. Ich verstehe nicht, wieso man sich für so vieles rechtfertigen muss.

weekend: Vor kurzem ist dein neues Buch "Na, wann ist es denn soweit?" erschienen. Wie kam es dazu?

Anna: Für mich war von Anfang an klar, dass ich zu diesem Thema ein Buch schreiben möchte. Einfach um noch mehr aufzuklären und Menschen zu erreichen. Ich möchte damit jetzt kein Guru sein, es gibt kein Rezept. Jeder Kinderwunsch ist anders und genau darauf möchte ich aufmerksam machen. Viele bekommen vermittelt, dass sie alles probieren müssen. Dabei müssen wir gar nichts, können aber vieles.

Autor: Cornelia Scheucher, 21.05.2021