Sleeping Beauty

Lebenswichtig. Der Schlaf ist so alt wie die Menschheit selbst. Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir schlafend, dabei träumen wir und eine Vielzahl regenerierender Prozesse im Körper sorgt für Erholung. Unsere schnelllebige Welt will uns immer wieder vom Schlaf abbringen – umso wichtiger ist es, sich gut zu betten.
Autor: Magdalena M. Fuchs, 02.11.2022 um 21:28 Uhr

Unproduktiv? Von wegen. Ohne Schlaf können wir nicht leben. Wir brauchen den Schlaf zur Erholung und Ruhe, unsere Systeme fahren sozusagen runter, für Vorgänge wie die Zellerneuerung braucht unser Körper mehrere Stunden Schlaf. Vor allem das Gehirn braucht diese Pause in Form von Schlaf, Muskeln und Organe benötigen nur Entspannungsphasen. Tests zeigen, dass beim Muskeltraining etwa der Bizeps Ruhepausen braucht, Entlastung führt zu Erholung, allerdings brauchen Muskeln keinen Schlaf per se. Gleichzeitig ist guter Schlaf für Sportler eine wichtige Voraussetzung für Höchstleistungen. Studien zeigen, dass Konzentration und Koordination bei Sportlern, die neun Stunden schlafen, deutlich höher sind als bei jenen, die weniger schlafen. Schlafmangel stellt für jegliche Aktivität – vom Autofahren bis zum Leistungssport, von wissenschaftlicher Arbeit bis zur Kinderbetreuung – eine große Gefahr dar.

Rapid Eye Movement. Durchschnittlich verbringt der Mensch ein Drittel seines Lebens schlafend. Lange wurde der Schlaf von der Wissenschaft geradezu ignoriert. Erst seit den 1950er Jahren werden mithilfe der Elektroenzephalografie, auch EEG, die Hirnströme während des Schlafprozesses erforscht. Die Schlafmedizin brachte neue Entdeckungen zum Thema „Schlaf“: Nach dem Einschlafen entspannt sich das Gehirn, in der ersten Schlafphase fällt man in leichten, dann in tiefen Schlaf. Das Gehirn erholt sich. Im sogenannten REM-Schlaf sind Träume möglich. Die REM-Phasen Erwachsener machen etwa 20 bis 25 Prozent des Schlafes aus, bei Säuglingen nehmen die Traumphasen sogar bis zu 50 Prozent ein. Wir sind dabei aber keineswegs „ausgeschaltet“. Die Gehirnaktivität ähnelt während des Schlafes der des Wachzustandes! Wir sind mit unserem Bewusstsein der Welt fern, unser Gehirn arbeitet aber weiter und ist aktiv. Die Augen bewegen sich in dieser Phase sehr schnell, während der Rest unseres Körpers wie gelähmt ist.

Schlafzyklen. Unser Schlaf lässt sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen in verschiedene Schlafzyklen einteilen. Ein Schlafzyklus dauert zwischen 90 und 100 Minuten. Innerhalb einer Nacht gibt es etwa drei bis sechs dieser Zyklen. Die ganze Nacht über wechseln sich REM- und Non- REM-Schlaf ab. Die ersten Zyklen sind Tiefschlafphasen, denn zu Beginn braucht der Körper vor allem Erholung. Dabei wird unser Immunsystem gestärkt. Gegen Morgen träumen wir dann vermehrt, es sind die sogenannten REM-Schlafphasen, und die Tiefschlafphasen nehmen ab.

Melatonin. Unsere Körper und damit die Schlafphasen orientieren sich am Licht: dem natürlichen Sonnenlicht. Das führt dazu, dass wir tagsüber aktiv sind und wenn das Licht abnimmt, produziert unser Gehirn das Hormon Melatonin. Es funktioniert sozusagen als Informationsgeber und signalisiert, dass es Schlafenszeit ist. Der Schlaf-Wach-Zyklus wird im Gehirn gesteuert und durch Neurotransmitter reguliert, so werden die Übergänge vom Wach- zum Schlafzustand und umgekehrt balanciert. Die perfekte Bettgehzeit und die optimale Schlafdauer in diesem Sinn gibt es nicht. Abhängig von körperlicher und geistiger Aktivität, Genen, Alter und vielen weiteren Faktoren muss jeder für sich herausfinden, wie viel Schlaf nötig ist, um im Wachzustand ausreichend ausgeruht zu sein.

Ruhephasen. Gesellschaftliche Normen und Zwänge haben über Jahrhunderte unseren Schlafrhythmus beeinflusst. Heute gelten Langschläfer als faul und schläft man wenig, gilt man oft als besonders fleißig. Dass Schlafentzug für das Gehirn und den ganzen Körper außerordentlich gefährlich ist, sollte dabei nicht vergessen werden. Auch Wissenschaftler sprechen von der sogenannten inneren Uhr, die uns unseren Schlafbedarf anzeigt. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Schlafzeit der westlichen Welt Schätzungen zufolge um ein bis zwei Stunden verkürzt. 24-Stunden-Verfügbarkeit im Job, dauerhaft online auf Social Media und die Angst, etwas in der Welt zu verpassen, kosten uns wertvolle Schlafenszeit. Trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse, die zeigen, dass Schlafmangel für Unmengen an Krankheiten der Ursprung oder Mitgrund ist, nehmen wir lieber Wachmacher, als uns ungestört auszuruhen.

Warum schlafen wir? Bis heute lässt sich diese banale Frage schwer beantworten und Schlafforscher der ganzen Welt forschen an der Beantwortung dieser Frage. Klar ist, dass Menschen und Tiere ohne Schlaf nicht leben können. Evolutionär betrachtet ist Schlaf unabdingbar, sonst würden wir ihn heute nicht mehr benötigen. Fest steht, dass unser Gehirn durch die nächtliche Aktivität während des Schlafes Vorgänge und Bewegungen, die während des Tages trainiert wurden, wiederholt. Dieses mentale Training ist sehr effektiv, denn neue Informationen, die im Wachzustand erlernt werden, festigen sich während der Schlafphasen. Im Jahr 2013 wurde von US-amerikanischen Forschern entdeckt, warum der Mensch ohne Schlaf nicht funktionieren kann. Die hohe Aktivität des Gehirns im Wachzustand produziert Giftstoffe, und diese müssen wieder absorbiert werden. Das geschieht nur im Schlaf. Die toxischen Stoffe würden ohne Schlaf im Gehirn bleiben und die Funktionen würden so beeinträchtigt werden, dass der Mensch ohne Schlaf nicht überlebt.

Sleep, Baby! In Morpheus Armen zu schlummern ist also nicht nur lebensnotwendig, es sollte in unserem Bewusstsein verankert werden, dass eine gute Schlafhygiene mit ausreichenden Stunden nächtlichen Schlafes für eine gesunde Lebensweise spricht. Wenig Schlaf und viel Arbeit sollten kein Vorbild sein. Kreativität, Energie und Konzentration erhalten wir erst durch ausreichend Schlaf. Schlaf ist kein Luxus, sondern eine biologische Notwendigkeit. Um wirklich zu erkennen, wie unser eigenes Schlafbedürfnis ist, braucht man zwei Wochen Urlaub, sagt der der Neurologe Dr. José Haba-Rubio.

Traumland. Sie sind oft wirr, schwer zu verstehen, höchst kurios und ganz schnell wieder verschwunden: die Träume. Schon Sigmund Freud hat mit seiner Psychoanalyse die Träume erforscht. Heute gibt es eine Traumwissenschaft, Träume werden durch neue Technologien analysiert. Der Traum beschreibt einen Zustand, losgelöst von der Umwelt, es ist ein inneres Erlebnis ohne Einfluss äußerer Faktoren. Wenn der Traum aber aus sich selbst heraus entsteht, wie macht das Gehirn das? An dieser Frage arbeitet die aktuelle Forschung – klar ist mittlerweile, dass nicht das gesamte Gehirn träumt. Außerdem sind Träume multisensorisch, man sieht, hört und spürt, während man träumt. Warum wir träumen, bleibt eine komplexe Frage, auf die es bislang keine klare Antwort gibt.

Wie und wo. Embryostellung oder alle Viere von uns gestreckt, auf der Matratze, der Couch, im Flugzeug, auf der Rückbank des Autos. Wo und wie man gerne schläft, ist eine Angelegenheit für sich. Kinder und Tiere schlafen oft an den undenkbarsten Stellen: das Kind auf dem Rücken des Papas, die Katze im Schuhkarton. Moderne Schlafsysteme, hochkomplexe Matratzen und absolute Verdunklungen für Fenster im Schlafzimmer versprechen gesunden Schlaf. Längst dient das Bett nicht mehr nur dem nächtlichen Schlaf, sondern ersetzt oft den Kinosessel für abendliche Filme, es ist der Ort des Rückzugs, des Lesens, zum Nachdenken, zum Kuscheln und nicht selten Spielwiese für die ganze Familie.