Reihenhaus Revival

Reihenhäusern haftet ein etwas spießiges Image an und tatsächlich scheint diese Wohnform nicht unbedingt ein Ausdruck von Individualität zu sein. Dabei bringt sie bis heute einige entscheidende Vorteile mit sich.
Autor: Sarah Estermann, 23.05.2022 um 17:54 Uhr

Aber was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff Reihenhaus? Wie der Name schon sagt, sind damit Einfamilienhäuser gemeint, die eine geschlossene Reihe bilden und äußerlich meist ein einheitliches Erscheinungsbild haben. Stoßen zwei Einheiten aneinander spricht man von Doppelhäusern, ab drei Einheiten haben wir es mit einem Reihenhaus zu tun. Reihenhäuser stehen also Seite an Seite mit anderen Häusern, wobei heutzutage mittlerweile zwei fensterlose Mauern parallel zueinander errichtet werden, für die besondere Richtlinien hinsichtlich Brandschutz, Schall- und Wärmedämmung gelten. Einzig das Eckreihenhaus hat nur einen Nachbarn und ist aus diesem Grund häufig auch etwas teurer. Meist verfügt jede Einheit über einen eigenen Garten, der zwar klein, aber dennoch sehr fein sein kann. Wie groß die gesamte Reihenhausanlage ausfällt, ist sehr unterschiedlich, nach oben hin sind im Prinzip keine Grenzen gesetzt.

Moderne Reihenhäuser

Geschichtsträchtig.

Man könnte fast meinen, das Reihenhaus sei eine Erfindung der Neuzeit. Tatsächlich aber ist diese Wohnform eine der ursprünglichsten und kam in Nordafrika schon vor Jahrhunderten vor, ebenso wie im Iran und schließlich in Europa. Sie wurde aus der Not geboren, denn die Industrielle Revolution führte zu schrecklichen Lebensund Wohnbedingungen in den Städten. Man begann sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Situation verbessern könnte und entdeckte schließlich das Potential des Reihenhauses. Vor allem in England begann man auf diese Wohnform zu setzen, aber auch in anderen Ländern, allen voran in Deutschland und Holland breitete sich die Idee weiter aus. Schließlich kam Ende des 19. Jahrhunderts das Konzept der Gartenstadt in England auf. „Man hatte die Kernstadt, die alte Stadt“, erklärt Architekturhistorikerin Dr. Maria Welzig. „Damit die sich nicht immer weiter ausbreitete und alles verbaut wurde, sollte es rundherum einen Grüngürtel geben. Und in einiger Entfernung, mittels öffentlichem Verkehr mit der Kernstadt verbunden, hatte man die einzelnen Gartenstädte, die kleinere Gemeinschaften waren. Jede Gartenstadt bestand aus Reihenhäusern zum Wohnen mit eigenem Garten, aber auch mit den entsprechenden Infrastruktureinrichtungen. Das war das Grundkonzept, das aber so in seiner umfassenden Form nirgendwo realisiert wurde."

Mag. Dr. Maria Welzig, Architekturhistorikerin, Wien:

Das Reihenhaus ist eigentlich nichts Neues. Es war in den Städten die übliche Form des Wohnens.

Gartenstadt Puchenau.

Einzelne Gartenstädte wurden aber sehr wohl errichtet und eine davon ist die Gartenstadt Puchenau, die von Architekt Roland Rainer entworfen und in mehreren Bauabschnitten zwischen 1963 und 2000 errichtet wurde. Ziel war dabei die soziale und ökonomische Optimierung eines verdichteten Flachbaus. Die einzelnen Reihenhäuser verfügen jeweils über einen kleinen uneinsehbaren Garten, die Siedlung selbst ist in erster Linie durch Fußwege erschlossen, die Autos bleiben draußen, in eigens errichteten Tiefgaragen. Darüber hinaus gibt es Grünräume zur gemeinschaftlichen Nutzung. Weitere wichtige Bestandteile des Konzeptes sind eine gute Infrastruktur in Form von Kindergarten, Schule, Ärzten, Geschäften einerseits und andererseits eine gute öffentliche Anbindung an die Stadt. Bis heute erfreut sich die Siedlung mit mittlerweile knapp 1000 Wohneinheiten großer Beliebtheit.

Claudia Schaller, Beratung & Vertrieb OÖ Wohnbau:

Vorteile gibt es beim Reihenhaus viele: Zum Beispiel bietet es eine sehr gute Energiebilanz und man hat im Unterschied zu einer Wohnung auch mehr Freiraum. Die Wohnfläche von rund 105 m² - aufgeteilt auf zwei Geschoße - mit einem Terrassen- und Gartenanteil kombiniert – ist für viele Menschen ein wesentliches Kaufargument. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich viele Personen durch die Pandemie bzw. Home-Office vermehrt in den eigenen vier Wänden aufhalten, schaut man sich nach einem Zuhause um, das genug Raum und Rückzugsmöglichkeiten bietet. Da ist es kein Wunder, dass sich Reihenhäuser wieder zunehmender Beliebtheit erfreuen.

Reihenhausanlage in Wilhering

Ein Mittelweg.

In den letzten Jahrzehnten hat das Reihenhaus etwas von seinem innovativen Image verloren, galt es doch zuletzt eher als Mittelweg für all jene, die zwar raus aus der beengten Wohnung in der Stadt wollen, sich aber noch kein alleinstehendes Einfamilienhaus leisten können. In aller Regel ist ein Reihenhaus nämlich günstiger als das klassische Einfamilienhaus. Schließlich kann der Bau eines Reihenhauskomplexes viel effizienter vonstattengehen als der eines oder mehrerer einzelnstehender Häuser. Das Grundstück wird effizienter genützt und man hat eine einzige Baustelle – das wirkt sich auf die Entstehungskosten und letztlich auch auf den Kaufpreis aus. Als Käufer oder künftiger Eigentümer hat man auf diesem Wege auch ein geringeres Risiko und weniger Aufwand, denn all das übernimmt üblicherweise der Bauträger. Ein kleinerer Garten bedeutet darüber hinaus auch weniger Zeitaufwand bei der Pflege. Für den Einzelnen bringt das Reihenhaus also eine ganze Menge Vorteile. Wer wiederum Zurückgezogenheit und ein Maximum an individuellem Wohnkomfort plus großem Grundstück wünscht, der sollte doch besser eine andere Wohnform vorziehen. Und wer sich noch nicht sicher ist, ob ein Haus in der Reihe zu einem passt, kann es auch auf Probe bewohnen, zum Beispiel indem er sich für Miete oder Mietkauf entscheidet. Schließlich muss nicht jedes Reihenhaus gleich gekauft werden.

Reihenhaus Wilhering innen

Zukunftsweisend.

Allerdings wird dem Reihenhaus in Zukunft höchstwahrscheinlich eine gewichtige Rolle in der Raumentwicklung zukommen. Denn in Zeiten steigenden Bevölkerungswachstums einerseits und zunehmender Ressourcenknappheit und Bodenversiegelung andererseits kann die Zukunft nicht in erster Linie im Einfamilienhaus liegen. Zu hoch ist der Bodenverbrauch nicht nur für die Bauflächen an sich, sondern auch für die notwendige Infrastruktur. Auch die Abhängigkeit von Autos und die damit in Verbindung stehenden Mobilitätskosten können auf Dauer problematisch sein. Kompakte Wohnformen wie Hochhäuser bieten nicht immer befriedigende Alternativen. Das gilt im städtischen, im suburbanen, ebenso wie im ländlichen Raum. Gut durchdachte Reihenhauprojekte helfen dabei Ressourcen zu sparen, bei der Errichtung aber auch bei den Betriebskosten. Sie können ein nachbarschaftliches Zusammenleben bieten und gleichzeitig Privatheit mit eigenem Außenraum. Auch dem Thema Selbstversorgung mittels eigenem Garten könnte wieder mehr Bedeutung zukommen. Wie überall, wenn es darum geht, dass viele Menschen auf relativ engem Raum zusammenleben sollen, gibt es auch beim Reihenhaus Konfliktpotential, keine Frage. Doch das Konzept ist weit besser als sein heutiger Ruf und es birgt noch viel Potential für die Zukunft. Wünschenswert wären jedenfalls mutige und innovative Gesamtkonzepte und spannende, neue Wege in punkto Architektur und Ästhetik.

Stefan Gringer, Projektverantwortlicher bei Bau & Boden:

„Entspannung und Erholung im eigenen Garten wünschen sich immer mehr junge Familien und diese zieht es aufgrund der weiterhin steigenden innerstädtischen Wohnungspreise in ländlichere Wohlfühlgemeinden wie der Koglerau in Gramastetten. Dem entsprechend realisiert Bau & Boden das Reihenhausprojekt THE NATURE.“

Reihenhausprojekt THE NATURE.

Neue Wege.

Wohnen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Damals wie heute braucht es Mut und den politischen Willen, um praktikable Wohnformen zu finden. Noch lange vor der Puchenauer Gartenstadt gab es beispielsweise die Wiener Siedlerbewegung. In der ärgsten Wohnungsnot nach dem 1. Weltkrieg schlossen sich Menschen zusammen und begannen gemeinsachftlich Siedlungen zu bauen, unterstützt wurden sie dabei von Architekten mit dem nötigen Knowhow. Da es den Beteiligten meist am Geld fehlte, brachten sie ihre Arbeitsleistung ein. Am Ende, also erst nach dem Bau, wurden die Häuser an die einzelnen Familien verlost. Aus den Siedlern wurde unterwegs eine eingeschworene Gemeinschaft.

Wiener Werkbundsiedlung.

1932 wurde im 13. Wiener Gemeindebezirk eine Musterhaussiedlung eröffnet. Die ursprünglich 70 Häuser wurden von rund 30 Architekten aus dem In- und Ausland geplant und der Öffentlichkeit als Beispiele für „Neues Wohnen“ präsentiert. Die künstlerische Gesamtleitung oblag dem Architekten Josef Frank. Heute gilt die Siedlung als eines der bedeutendsten Dokumente des kommunalen Wohnbaus. und steht zum Großteil im Eigentum der Wiener Stadtverwaltung.

Werkbundsiedlung

TRAUDLINDE KREMSNER - Compact Immobilien

Traudlinde Kremsner

Mein aktuelles Reihenhaus-Highlight im Portfolio:
Das Projekt PURE URBAN in Wels-Berg, bei dem im September ein Musterhaus fertig sein wird, das besichtigt werden kann. Die ersten Häuser sind im Frühjahr 2023 bezugsbereit.

PURE URBAN