Marie-Luise Stockinger leitet Festwochen Gmunden
- Schauspiel und neue Verantwortung
- Festwochen Gmunden: Blick auf 2027
- Neugier auf Unbekanntes
- Was Kunst für eine Region bewirken kann
Schauspiel und neue Verantwortung
Sie sind am Burgtheater ebenso zu Hause wie vor der Kamera. Was muss eine Rolle heute mitbringen, damit sie Sie wirklich interessiert?
Mich interessieren Brüchigkeit, Verletzlichkeit. Der Schutz, den wir uns zulegen, um in der Welt zu bestehen. Da wird es für mich spannend: Wie kompensieren Menschen unerfüllte Sehnsüchte, Ängste und Verletzungen, und wie machen sie danach weiter?
Karin Bergmann hat Sie als ihre Nachfolgerin bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden vorgeschlagen. Wie haben Sie auf diesen Vorschlag reagiert?
Verhalten. Aber natürlich auch geschmeichelt. Als Schauspielerin kann man sich ja immer hinter der Regie verstecken und dort auch die Verantwortung abgeben. In einer Leitungsposition muss man für seine Fantasie einstehen und – und das ist für mich manchmal schwer – auch daran glauben, dass sie etwas wert ist. Das nehme ich mir jetzt zur Aufgabe! Und dass ich meinen langjährigen Freund und Studienkollegen Sahba Sahebi als Dramaturg zu den Festwochen mitbringen darf, hilft auch beim Mutigsein.
Als Schauspielerin interpretieren Sie, als künstlerische Leiterin treffen Sie die Auswahl. Wie verändert das Ihren Blick auf Theater?
Nicht so sehr. Es macht mich freudig nervös, Abende zu konzipieren, in der Hoffnung, damit möglichst viele Menschen zu begeistern. Das tue ich ja als Spielende in einem gewissen Sinne auch. Der einzige Unterschied: Ich denke mehr darüber nach: Eignet sich das für ein breiteres Publikum? Kriege ich damit den Saal voll?
Festwochen Gmunden: Blick auf 2027
2027 feiern die Salzkammergut Festwochen Gmunden ihr 40-jähriges Bestehen. Was möchten Sie bewahren – und wo soll Ihre eigene Handschrift sichtbar werden?
Die Festwochen haben schon ein Programm mit den Highlights der 40 Jahre zusammengestellt, darauf kann man sich freuen. Und ehrlich gesagt, sind Sahba Sahebi und ich dabei, Veranstaltungen für den Sommer zu programmieren, die wir selber gerne besuchen würden. So egozentrisch das klingt, ich glaube, nur so kann man das Publikum begeistern: mit dem, was einen selbst begeistert. In meinem Fall: Thomas Bernhard genauso wie österreichische Gegenwartsliteratur, junge Künstler:innen sowie Etablierte in gewagteren Konstellationen.
Was müssen ein Stoff, eine Produktion oder eine künstlerische Persönlichkeit mitbringen, damit Sie sagen: Das gehört nach Gmunden?
So denke ich nicht. Alles kann nach Gmunden gehören oder kommen! Man muss nur den passenden Rahmen finden, damit Menschen Lust haben, Neues kennenzulernen. Ich finde nichts Langweiligeres, als Altbewährtes neu aufzukochen, weil man Unbekanntes nicht zumuten will. Neugier macht uns Menschen doch aus! Und meine Aufgabe ist es jetzt, sie zu wecken.
Neugier auf Unbekanntes
Künstlerischer Anspruch und Publikumserfolg gehen nicht immer Hand in Hand. Wie möchten Sie auch Neugier auf Unbekanntes und Unerwartetes wecken?
Indem wir Veranstaltungen so konzipieren, dass sie Menschen auf verschiedenen Ebenen ansprechen: hochunterhaltsam, mit unkonventionellen Themen, neuen Blickwinkeln, spannenden Künstler:innen – und vielleicht sogar nachhaltig bewegend. Das wäre der Idealfall.
Was Kunst für eine Region bewirken kann
Die Festwochen prägen auch die Wahrnehmung Gmundens und des Salzkammerguts als Kultur- & Wirtschaftsstandort. Was kann Kunst für eine Region bewirken?
Räume des Zusammenkommens schaffen. Und miteinander ins Gespräch finden oder im Gespräch bleiben. Kunst und Kultur – das ist für mich starker gesellschaftlicher Klebstoff.
Sie sind in Oberösterreich aufgewachsen. Welche Rolle spielt diese Herkunft für Ihren Blick auf die Festwochen?
Das „Anpacken“? Das Unprätentiöse und Bodenständige? Das hat mir in meinem Beruf schon immer geholfen.
Was bedeutet Erfolg für Sie heute – und woran möchten Sie ihn bei den Festwochen messen?
Erfolg ist so relativ. Ich bin glücklich, wenn ich frohe, wache Gesichter nach einer Vorstellung sehe. Dann hat das alles einen Mehrwert für mich. Und daran kann ich mich lange wärmen.
Marie-Luise Stockinger
Alter: 33 Jahre
Ausbildung: Max Reinhardt Seminar, Wien
Bühne: seit 2015 Ensemble-Mitglied des Wiener Burgtheaters; u. a. Salzburger Festspiele und Ruhrtriennale
Film & TV: „Maria Theresia“, „Schnee“, „Kafka“, „Gina“, …
Ausgezeichnet: Romy 2018, Diagonale-Schauspielpreis 2025 – mehrfach für den Nestroy-Preis nominiert
Aktuell: künstlerische Leiterin für Literatur & Theater der „Salzkammergut Festwochen Gmunden“