Es muss möglich sein - Interview mit Susanne Raab

Ministerin Susanne Raab (ÖVP) über eine neue Ära in der Familien­politik, ihren Alltag als berufstätige Mutter und den Schutz vor Frauen gegen Gewalt.
Autor: Andrea Schröder, 03.10.2022 um 11:01 Uhr

Ihr Sohn Benedikt ist ein Jahr alt. Was sollte sich politisch und gesellschaftlich geändert haben, wenn er einmal eine Familie gründet?

Ich würde mir wünschen, dass er unser Modell, das wir ihm vorleben, mit seiner künftigen Familie auch so leben kann. Bei uns zu Hause ist es so, dass mein Mann ein Jahr in Karenz war und wir alles tun, damit wir gemeinsam als Familie funktionieren. Dass es dem Kind gut geht, aber dem Papa und der Mama auch. Wenn sich alle bemühen, einen Beitrag zu leisten – zum Haushalt, zur Organisation des Familienlebens, zum Einkaufengehen, auch zu dem, wie man Beruf und Familie vereinbart –, dann ist es machbar. Hart ist es natürlich dennoch, wenn beide Elternteile ganztags arbeiten. Es ist ein riesiger organisatorischer Aufwand und nicht immer leicht. Mein Mann ist jetzt wieder Vollzeit im Erwerbsleben und ich habe ­gerade im Sommer die Eingewöhnung von meinem Sohn in der Kinderbetreuungseinrichtung gemacht, das hat Gott sei Dank gut funktioniert. Wir treten jetzt also gemeinsam in einen neuen Lebensabschnitt ein. Einmal in der Woche gibt es eine Lagebesprechung, wir schauen, was steht an und wie tun wirs, sodass wir auch Familienzeit haben und Zeit mit unserem Sohn verbringen.

Bei der Väterkarenz haben Sie als Ministerin nachgebessert.    

Mir war das schon lange ein Dorn im Auge: Wenn man einen Papa-Monat nimmt, wird einem das Geld, welches man als Bonus bekommt, später vom Kinderbetreuungsgeld wieder abgezogen. Das haben viele Väter als ungerecht empfunden, ich auch. Das Beispiel zeigt: Man kann auch mit vermeintlich kleinen gesetzlichen Änderungen einen Beitrag zu einer gleichberechtigteren Aufteilung der Karenz und Kinderbetreuung leisten.  

Sind Sie ein Rolemodel?    

Ich probiere auch nur aus, ich tue auch nur mein Bestes. Es gibt ganz viele Fauen vor mir, die enorm gekämpft haben, damit ich überhaupt die Möglichkeit habe, Beruf und Familie so zu leben, wie ich mir das wünsche. Ich lerne auch viel von anderen großartigen Frauen, Managerinnen oder alleinerziehenden Müttern mit drei Kindern.  Das sind für mich Rolemodels, davor habe ich den höchsten Respekt. Ich denke, dass es wichtig ist, hier auch die Männer sprechen zu lassen, was es für eine wertvolle Zeit ist und wie wichtig es ist, Familienzeit mit dem Kind haben zu können. Die Wirtschaft müssen wir dabei mitnehmen, ein gewisses Bewusstsein von den Arbeitgebern braucht es auch: ein Verständnis für den Mehrwert, der für Unternehmen entsteht, wenn es für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer möglich ist, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Das ist doch, wo wir als Gesellschaft hinwollen: einen gewissen Ausgleich zwischen Familie und Berufsleben schaffen. Es muss möglich sein. Das zeigt auch die Zertifizierung „Familie und Beruf“. Mehrere Hundert Unternehmen lassen sich laufend ihre Familienfreundlichkeit zertifizieren und teilen die Beispiele, wie das gelingen kann, miteinander. Das fängt bei einer Tagesmutter oder einer Ferienbetreuung an, geht aber weit darüber hinaus.

Interview

Stichwort Teilzeitfalle, die bei Frauen häufig zu  geringeren Pensionen führt. Wie wollen Sie  diesem Phänomen begegnen?

Ich denke, da kann man an drei Schrauben drehen. Zum einen hängt es natürlich mit dem Angebot an Kinderbetreuung zusammen, das ist die strukturelle Voraussetzung. Dafür haben wir eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt und unterstützen damit zum Beispiel die Bundesländer beim Ausbau in den unterversorgten Gebieten am Land. Außerdem geht es um Bewusstseinsbildung. Wenn man ein Kind bekommt, steht es natürlich im Fokus und man denkt vielleicht nicht an die eigene Pension oder das berufliche Vorankommen. Jede Entscheidung diesbezüglich sollte allein bei den Eltern liegen, aber in hundertprozentigem Bewusstsein der Konsequenzen getroffen werden. In Frauen- und Familienberatungsstellen, die wir stark ausgebaut haben, wird über dieses Thema auch informiert und gesprochen. Und was wir im Regierungsprogramm haben, aber beim Sozialminister liegt, ist das automatische Pensionssplitting. Eine weitreichende gesellschaftspolitische ­Maßnahme: Wenn zwei Menschen ein Kind miteinander in die Welt setzen und der eine daraufhin arbeitet, der andere die Kinderbetreuung übernimmt, soll jener, der mehr verdient, dem Partner für diese Kinderbetreuungszeiten von seiner Pension etwas abgeben. Und zwar nicht nur in einer aufrechten Partnerschaft, sondern auch im Falle einer Scheidung. Es darf bei der Pension kein Nachteil für jene Person entstehen, die beim Kind ist. Das ist nun mal meistens die Frau.

Stand Anfang September verzeichnet Österreich heuer 23 Femizide – warum ist die Zahl bei uns so hoch, wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Die grausamen Morde an Frauen machen ­völlig fassungslos. Gewaltschutz von Frauen und ­Kindern muss auf allen Ebenen absolute Priorität haben, denn Gewalt gegen Mädchen und Frauen hat in unserer Gesellschaft keinen Platz – egal in welcher Form. Und hier wird auch enorm viel gemacht. Klar ist aber: Jeder einzelne Fall ist natürlich einer zu viel.

Was wird von der Politik konkret dagegen unternommen? 

Zusammen mit Innen-, Justiz- und Sozialministerium haben wir das Gewaltschutzpaket verabschiedet, mit 24,6 Millionen Euro ein Meilenstein. Mit diesem Paket haben wir Gewaltschutzzentren ausgebaut, damit jede Frau, die Hilfe braucht, diese auch bekommen kann. Darüber hinaus wurde das Frauenbudget seit Beginn meiner Amtszeit um rund 80 Prozent erhöht. Der Großteil wird für den Gewaltschutz eingesetzt.

Susanne Raab