Eine Frage der Menschlichkeit
Inhalt
- Kunst kennt keine Vorurteile.
- Gelebte Nachhaltigkeit.
- Begegnung auf Augenhöhe.
- Spezialanfertigungen.
- Schwere körperliche Arbeit.
- Unterstützung ist gefragt.
„Wir sind Familie“ … Diese scheinbar simple Aussage beschreibt die Philosophie des Instituts Hartheim wohl treffender als jedes Leitbild. Hier wird sie nicht nur formuliert, sondern tagtäglich gelebt. Seit der Gründung im Jahr 1965 und dem Einzug der ersten Bewohner:innen 1968 hat sich die Welt rasant verändert. Geblieben ist jedoch eine zentrale Aufgabe: Sich um die Schwächsten der Gesellschaft zu kümmern – mit Menschlichkeit, Respekt, Mitgefühl und vielleicht dem anspruchsvollsten Ziel von allen, ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Sandra Wiesinger, Geschäftsführerin des Instituts Hartheim, bringt es auf den Punkt: „Seit rund 60 Jahren betreut, begleitet und fördert das Institut Hartheim Menschen mit kognitiven und mehrfachen Beeinträchtigungen. Bei uns wird jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen, wertgeschätzt und entsprechend seinen Fähigkeiten unterstützt – ganz nach unserem Motto ‚Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt‘.“
Kunst kennt keine Vorurteile.
Doch wie gelingt Förderung in einem Umfeld, in dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Beeinträchtigungen leben – Menschen, die ihre Gefühle oft nur schwer in Worte fassen können, auf einen Rollstuhl angewiesen sind oder mehrere Einschränkungen gleichzeitig bewältigen müssen? Ein Rundgang durch das Institut zeigt eindrucksvoll, wie das nicht nur funktionieren kann, sondern wie es idealerweise aussehen sollte. Im hauseigenen Atelier lassen kreative Bewohner:innen Bilder und andere Kunstwerke entstehen, die berühren und überraschen – getreu dem Leitsatz „Kunst kennt keine Barrieren, keine Grenzen und keine Vorurteile“. „Ich male gern. Das mache ich öfter“, sagt Markus (Name von der Redaktion geändert), lacht und fügt hinzu: „Mit meinen Bildern war ich auch schon bei Ausstellungen.“
Gelebte Nachhaltigkeit.
Wechselt man als Besucher:in den Standort, riecht es selbst an kalten Wintertagen nach Frühling – nach Farbe, nach Freude, nach Leben. Auch in der Gärtnerei wird mit Hingabe gearbeitet. Fleißige Hände sortieren Samen seltener heimischer Pflanzen und bereiten sie für die Aussaat vor. So entsteht nicht nur Sinnstiftung für die Bewohner:innen, sondern auch ein wertvoller Beitrag für die Umwelt: Bedrohte Wildbienen-Arten finden neue Nahrungsquellen. „Nachhaltigkeit ist für uns kein Schlagwort. Wir leben sie jeden Tag“, erklärt Wiesinger, die viele liebevoll als die Stimme von Hartheim bezeichnen.
Begegnung auf Augenhöhe.
Ortswechsel: Das hauseigene Kaffeehaus hat gerade geöffnet. Auch hier ist die Atmosphäre entspannt, beinahe entschleunigt. Zeit scheint hier eine andere Dimension zu haben. Wobei die Wartezeit, bis die Bestellungen serviert werden, mit jener in anderen Gastronomiebetrieben durchaus vergleichbar ist. Der Unterschied liegt woanders: Hier bedienen Menschen mit Beeinträchtigungen die Gäste. Sonja (Name von der Redaktion geändert) serviert die bestellten Kaffees mit einem natürlichen Lächeln – professionell und mit dem spürbaren Wunsch, alles richtig zu machen. Dass dieser Anspruch nicht aus Unsicherheit gegenüber den Gästen entsteht, erklärt Sandra Wiesinger: „Viele Menschen mit Beeinträchtigungen urteilen nicht darüber, ob hier ein Generaldirektor, dessen Chauffeur oder ein Politiker sitzt. Sie reagieren darauf, wie man ihnen als Mensch begegnet.“ Beeindruckt von dieser Haltung zeigt sich auch „Lenz Moser“-Vorstandsvorsitzender Andreas Pirschl, der sich an diesem Tag ein Bild von der Arbeit des Instituts Hartheim macht. Die Weinkellerei Lenz Moser, eine der größten Weinkellereien Österreichs, die zum Linzer Großhandelskonzern VOG, der unter anderem durch „Rapso Reines Rapsöl“ bekannt ist, gehört, unterstützt die gemeinnützige Einrichtung seit Jahrzehnten finanziell. „Als regionales Unternehmen ist es uns wichtig, Menschen in der Region zu unterstützen. Daraus ist diese jahrzehntelange Partnerschaft mit dem Institut Hartheim entstanden“, erklärt Pirschl.
Spezialanfertigungen.
Doch warum ist der mit rund 700 Beschäftigten größte Arbeitgeber im Bezirk Eferding überhaupt auf Spenden von Unternehmen und Privatpersonen angewiesen? Schließlich übernimmt das Land Oberösterreich die Kosten für Unterbringung, Verpflegung und medizinische Betreuung. Die Antwort darauf wird bei einem weiteren Rundgang schnell sichtbar. So kommt die kleine Besuchergruppe an mehreren Fahrrädern vorbei – wobei der Begriff „Fahrrad“ nur bedingt zutrifft. Tatsächlich handelt es sich um technische Spezialanfertigungen. „Diese Fahrzeuge ermöglichen es unseren Bewohner:innen, trotz ihrer Beeinträchtigungen Bewegung im Freien zu erleben“, erklärt Wiesinger. „Es gibt Modelle mit Elektromotor oder solche, bei denen die Betreuungsperson in die Pedale tritt.“
Schwere körperliche Arbeit.
Finanzielle Zuwendungen dienen jedoch nicht nur der Anschaffung von Fahrrädern und technischen Hilfsmitteln. Sie erleichtern auch die tägliche Arbeit des Pflegepersonals, das sich rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, um Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf kümmert. Wie konkret Spendengelder helfen, wird beim Besuch einer Wohngruppe schnell deutlich. Hier geben die Mitarbeiter:innen den Bewohner:innen das Essen ein, verabreichen Medikamente, waschen und kleiden sie. Gerade diese Tätigkeiten erfordern oft enorme Kraft, hohe Konzentration und körperliche Belastbarkeit. Norbert F. (Name von der Redaktion geändert), der auf der Station Dienst hat, erklärt: „Bei vielen Kolleg:innen macht sich die schwere körperliche Arbeit mit der Zeit im Rücken und in den Gelenken bemerkbar – auch wenn man gelernt hat, Menschen richtig zu heben.“
Unterstützung ist gefragt.
Um die Situation für die Betreuenden zu verbessern, gibt es in der Wohngruppe seit einiger Zeit einen speziellen Hebelift. Mit dem sogenannten Deckenlift ist es möglich, Bewohner:innen sicher und mit minimalem Kraftaufwand etwa vom Schlafraum ins Badezimmer zu bringen. „Das erleichtert unsere Arbeit enorm. Es wäre wünschenswert, wenn alle Zimmer – auch die Wohnbereiche – mit solchen Systemen ausgestattet wären“, sagt Norbert F. Sandra Wiesinger nickt zustimmend: „Derzeit versuche ich, einen möglichst großen Teil der Spenden gezielt in den weiteren Ausbau dieses Liftsystems zu investieren.“ Zeit, sich länger in der Wohngruppe aufzuhalten, bleibt keine mehr. Der Grund: Das Mittagessen für die Bewohner:innen wartet schon. Beim Verlassen der Wohneinheit und bevor der Besuch zu Ende geht, fasst Pirschl die gewonnenen Eindrücke zusammen: „Man kann den Mitarbeiter:innen des Instituts Hartheim nur für ihren wertvollen Einsatz danken. Und jetzt weiß ich noch mehr, wie wichtig ihre Arbeit ist.“