Der lange Weg der Medizin

Vertrauen. Gesundheit ist ein hohes Gut, vielleicht sogar unser höchstes. Deshalb ist unser Verhältnis zu einer bestimmten Berufsgruppe ganz besonders wichtig: zu unseren Ärzten.
Autor: Friederike Ploechl, 14.06.2022 um 10:30 Uhr

Gesundheit ist laut WHO ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten oder Gebrechen. Sie ist also nicht immer nur als Ziel zu verstehen, das es zu erreichen gilt, wenn man krank ist, sondern vielmehr als wesentlicher Bestandteil unseres alltäglichen Lebens. Dieses Verständnis weist auf eine gewisse Balance hin, die es zu finden gilt. Gesundheit ist ein dynamischer Prozess, der sich immer wieder auch neu gestaltet. Gesund ist ein Mensch meist dann, wenn er sich körperlich, geistig und emotional entfalten kann und damit den inneren und äußeren Anforderungen, die an ihn gestellt werden, gewachsen ist.

Harte Zeiten.

Sind wir doch einmal konkret erkrankt oder haben ein Gebrechen, suchen wir einen Arzt mit dem entsprechenden Fachgebiet auf und im Idealfall kann uns geholfen werden. Doch der Weg dorthin war ein weiter. Skelett -Funde aus der Steinzeit zeugen davon, dass schon vor Tausenden von Jahren Kranke gepflegt und Verletzungen behandelt wurden. Allerdings hatte man sich damals statt an Ärzte vorzugsweise an Schamanen und Priester gewandt und von ihnen Hilfe erhofft. Die sahen ihre Aufgabe vor allem darin, Dämonen auszutreiben und die Götter um Hilfe zu bitten. Im antiken Mesopotamien gab es bereits Ärzte, die auch Medikamente verabreichten und sogar Operationen durchführten. Auch im alten Ägypten praktizierten zum Teil versierte Heiler. Schließlich erforderten die Mumifizierungen ebenfalls erhebliche medizinische und konservatorische Kenntnisse.

Eine Medizinerin bei der Arbeit.

Göttliche Hilfe.

Die alten Griechen beteten verschiedene Götter an, unter ihnen einen gewissen Asklepios, der mit Stab und Schlange dargestellt wurde. Noch heute sieht man den Äskulapstab als Symbol der Heilkunde an zahlreichen Apotheken. Lange Zeit vertrauten die Menschen ihren Priestern, wenn es darum ging, von Krankheiten geheilt zu werden. Doch im 5. Jahrhundert vor Christus erschien Hippokrates ein Mann, der in einem Arzt nicht den Fürsprecher bei den Göttern sah, sondern vielmehr als einen weisen Freund und Begleiter am Krankenbett. Auch wenn er sich gelegentlich irrte, so kann man dennoch sagen, dass mit ihm die moderne, rationale Medizin ihren Anfang genommen hat.

Noch heute kennt man den Hippokratischen Eid: „Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde …“ Nicht nur die Einleitung klingt für heutige Ohren seltsam, spätestens bei Formulierungen wie „… auch werde ich den Blasenstein nicht operieren, sondern es denen überlassen, deren Gewerbe dies ist …“ wird offensichtlich, dass der Eid des Hippokrates heute nicht mehr in seinem Wortlaut aktuell ist. Tatsächliche Grundlage der ärztlichen Ethik ist das Genfer Gelöbnis, auch Genfer Deklaration genannt.

Sie wurde in der ursprünglichen Fassung von der Generalversammlung des Weltärztebundes (World Medical Association) im Jahr 1948 in Genf verabschiedet und in den darauffolgenden Jahrzehnten mehrmals aktualisiert. Das Gelöbnis soll die ethischen Prinzipien des medizinischen Berufs schützen, relativ unbeeinflusst vom Zeitgeist und von modischen Strömungen, so heißt es in einem Papier des Weltärztebundes. Zuletzt wurde vor allem der Respekt vor der Autonomie und Würde der Patienten explizit betont.

Innovative Gesundheitstechnologie

Beten und Hoffen.

Im frühen Mittelalter tat sich zwischen Orient und Okzident eine beachtliche Kluft auf: Während im Osten die antiken medizinischen Texte aufgegriffen und übersetzt wurden und Krankenhäuser mit annähernd hygienischen Verhältnissen und verschiedenen Stationen eingerichtet wurden, entwickelte sich die Medizin in Europa kaum weiter. Man suchte Hilfe bei den Heiligen und oft blieb den Betroffenen nicht viel mehr, als zu hoffen und zu beten. Erst im späteren Mittelalter erfuhr in Europa die Medizin ihren Aufschwung. Universitäten wurden gegründet und die alten Texte wiederentdeckt. Doch obwohl die Ärzte mittlerweile studierten, konnten viele Krankheiten bis ins 20. Jahrhundert nicht geheilt werden.

Neugierde und Entdeckergeist trieben den medizinischen Fortschritt voran, manchmal auch der bloße Zufall. Ein Beispiel dafür ist die Entdeckung von Penicillin durch den britischen Mediziner Alexander Fleming. Der Arzt hatte sich gegen Ende der 1920er Jahre intensiv mit dem Bakterienstamm der Staphylokokken beschäftigt und hatte, bevor er 1928 in die Sommerferien aufbrach, eine Agarplatte mit besagten Staphylokokken beimpft und diese über den Sommer versehentlich stehen lassen. Als er im September wieder an seine Arbeitsstätte zurückkehrte, entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz wuchs, in dessen Nachbarschaft sich die Bakterien nicht vermehrt hatten. Diesem eigentlich banalen Umstand ist es zu verdanken, dass das für die Medizin bahnbrechende Penicillin entdeckt worden ist.

Versuch und Irrtum.

Heutzutage ist Schmerzfreiheit bei operativen Eingriffen selbstverständlich. Das war nicht immer so. Bis ins 19. Jahrhundert hinein galt in Europa Schmerz als zur Operation dazugehörig. Schmerzensäußerungen dienten den Chirurgen als wichtige Hinweise während eines Eingriffs. Formen der Narkotisierung waren verpönt und galten als gefährlich, denn unter starkem Opiatoder Alkoholeinfluss waren Operationen noch risikoreicher. Deshalb war die erste öffentliche Äthernarkose durch den Arzt William Morton in Boston bahnbrechend.

Stefanie Schauer und Dr. Philipp Mayr

Naturwissenschaftlich

Trotz besser werdender Hygiene hat die Medizin lange Zeit keine Antwort auf die Frage gefunden, wie sich Menschen wirksam vor Infektionskrankheiten schützen könnten. Das war DIE Stunde des französischen Naturwissenschaftlers Louis Pasteur. Er entwickelte die ersten Impfstoffe im Labor und konnte damit beweisen, dass sich grundsätzlich für jede Infektionskrankheit eine Impfung herstellen lässt. Die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert brachte viele medizinische Neuerungen mit sich. So entdeckte etwa Wilhelm Conrad Röntgen, dass er mit bisher unbekannten Strahlen ein Bild der Knochen von der Hand seiner Frau aufnehmen konnte. Heute ermöglichen die nach ihm benannten Röntgenstrahlen, in Kombination mit Computertomografen, exakte 3DAbbildungen des menschlichen Inneren. Aktuell arbeiten Forscher an einer neuen Generation von Röntgensystemen, die sogar Blutgefäße abbilden können.

Innovativ in die Zukunft.

Eine der bisher wichtigsten medizinischen Entdeckungen für die Menschheit machten James Watson und Francis Crick: die Entdeckung der DNA-Struktur. Sie ermöglichten die Entschlüsselung des gesamten menschlichen Erbguts durch das Humangenomprojekt. Ob die Behandlung von Hämophilie (Bluterkrankheit), die Zucht von Organen aus Stammzellen, die Impfung gegen Hepatitis B oder das Krebsmedikament Trastuzumab – alle diese Errungenschaften der modernen Medizin basieren auf dieser Entdeckung. Eine der faszinierendsten aktuellen Forschungsrichtungen ist das Drucken von menschlichen Organen mit einem 3D-Drucker.

Zuletzt schaffte es eine Gruppe Forscher der ETH Zürich, ein pumpendes Herz aus Silikon zu drucken. Bisher hält es aber bei Belastung nur etwa 30 bis 45 Minuten. Klar ist: Dieses Herz ist noch nicht reif für die Implantation. Auch in der Krebstherapie werden neue Dimensionstore durchschritten: Nanoroboter sollen in Zukunft eingesetzt werden, um Krebszellen abzutöten. Die Medizin hat Meilensteine auf ihrem langen Weg gesetzt und der Weg führt immer weiter.