Baubranche im Ausnahmezustand

Die Krise, die seit Anfang 2020 die Welt in Atem hält, hat in vielen Menschen den Wunsch nach einem Eigenheim geweckt. Neben Wohnungen stehen in Österreich seit jeher Einfamilienhäuser ganz oben auf der Liste. Auch als Anlageform ist das "Betongold" so gefragt wie nie. obwohl die Renditen bei Zinshäusern und Neubauwohnungen sinken, wird nach wie vor investiert. Das wäre vor allem in Hinblick auf die Wirtschaft ja eine gute Nachricht. Aber: Die Nachfrage bei den Professionisten ist so groß, dass diese sich ihre Kunden mittlerweile aussuchen können. Und aufgrund der höheren Wertschöpfung werden gewerbliche und industrielle Bauten mitunter vorgezogen. Nicht zuletzt durch die sogenannte „COVID-19-Investitionsprämie für Unternehmen“ ist die Baufreude hier gestiegen. Der Wohnbau leidet allerdings darunter. Bauunternehmer beklagen bereits, dass sie für geplante Projekte einfach keine Professionisten finden.

Immobilie in Schlüßlberg

Akuter Rohstoffmangel.

Ein noch gravierenderes Problem ist der weltweite akute Rohstoffmangel. Europa wurde plötzlich vom Importeur von Stahl und Holz zum Exporteur. Innerhalb von nur wenigen Monaten stieg etwa der Stahlpreis um 60 Prozent. Der chinesische Markt verschlingt Unmengen an Schrott – und ohne Schrott kein Stahl. Dämmstoffe stiegen im selben Zeitraum um 30 bis 40 Prozent, Holz um bis zu 200 Prozent. Leimholz, das für den Hausbau unerlässlich ist, ist praktisch nicht zu bekommen. Gerade die gestiegenen Holzpreise lassen die Emotionen zurzeit hochgehen.

Florian Kammerstätter, Consulting Company:

Teilweise erleben wir die aktuelle Situation genau so, wie sie in den Medien beschrieben wird – einerseits schwer oder nicht verfügbare Materialien, Materialien zu utopischen Preisen. Oft ist es auch schwierig, Professionisten für die einzelnen Gewerke zu finden. Andererseits stellen wir eine erste Verbesserung und eine minimale Entspannung fest. Das hängt wohl damit zusammen, dass viele der in den letzten zwölf Monaten begonnenen Projekte kurz vor dem Abschluss stehen.

Consulting Company

Beliebtes Holz.

Die enorme Nachfrage treibt die Holzpreise in schwindelerregende Höhen, zur Freude von Sägewerken und Waldbesitzern. Für Gewerbetreibende platzen allerdings Kalkulationen und für Familien Lebensträume. Sägewerke produzieren seit Monaten auf Anschlag und trotzdem wird auf Baustellen das Material knapp. Bauvorhaben müssen verschoben oder abgesagt werden. Der Ruf nach Exportverboten wird lauter – in Österreich gehen mehr als 70 Prozent ins Ausland. Gewinner ist im Moment, wer ein volles Lager hat. Aber auch das genügt nicht immer. Enorme Preissteigerungen bei bestimmten Produkten machen eine seriöse Kalkulation unmöglich. Viele Bauunternehmer haben dasselbe Problem: Ihre Auftragsbücher sind voll. Kalkuliert wurden die Aufträge allerdings mit den alten Rohstoffpreisen. Seither sind die Preise um das Doppelte bis Dreifache gestiegen. Potenziellen Häuselbauern kommen angesichts der neuen Preise die Tränen. Für viele Familien wird der Traum vom Eigenheim unleistbar. Einer der Hauptgründe für die gestiegenen Preise ist der riesige Bedarf an europäischem Holz in den USA. Dort treiben laut Experten drei Faktoren die Preise immer höher. Erstens: der Protektionismus. Während Russland einen Exportstopp für Rohholz ab 2022 plant, hatte noch der frühere US-Präsident Trump im Handelsstreit mit Kanada, dem traditionellen Hauptlieferanten für Holz, Strafzölle von 20 Prozent verhängt. Zum Zweiten fielen Wälder in Kalifornien großflächigen Waldbränden zum Opfer und Schädlinge wie der Bergkiefernkäfer vernichten in Kanada ganze Waldregionen. Und schließlich nahm in den USA der Do-ityourself- Boom während der Pandemie ungewöhnlich stark an Fahrt auf und beförderte die Nachfrage nach Schnittholz etwa aus Deutschland und Österreich. Verschärfend wirkt zudem der generelle globale Trend zum ökologischen Holzbau. Für die Sägewerke und österreichische Waldbesitzer sind diese Entwicklungen natürlich überaus erfreulich. Beide haben in den vergangenen Jahren massiv unter den niedrigen Preisen gelitten. Sie können die aktuelle Hochphase nützen, um Schulden und Investitionen abzubauen und die Eigenkapitalbasis für die Zukunft zu stärken.

Erich Günterseder, Geschäftsführer der ge Projekterrichtungs GmbH:

Ich bin seit 33 Jahren im Geschäft, aber so eine Situation wie derzeit gab es noch nie. Das ist Nachkriegszeit!

Bogenhaus

Engpässe.

Zu all diesen Faktoren kommt eine Verkettung unglücklicher Ereignisse, wie die unfreiwillige Blockade des Suezkanals oder ein Gefrierschaden in einem der größten US-Dämmstoffwerke. Immer wieder werden Rohstoffe und Vormaterialien von Unternehmen über die Börse zu günstigen Konditionen in Europa aufgekauft und gebunkert – Materialien, die schließlich auf dem alten Kontinent fehlen. Aber damit nicht genug. Aufgrund der gesunkenen Nachfrage während der Corona-Pandemie wurden mehrere 100.000 Container aus dem Transport-Kreislauf genommen. Dadurch explodieren jetzt die Containerpreise und in der Folge kommt es zu einem Mangel an „Containerware“ wie Kabeln, Kabelhüllen, Flexschläuchen und Kunststoff. Bis die alte Container- Stärke wieder erreicht ist, wird es laut Schätzungen bis zu zwei Jahre dauern. Aktuell kommen Container im Schnitt 12,3 Tage zu spät. 2020 lag dieser Wert bei nur 2,5 Tagen. Auch wenn sich die Situation im Laufe des Jahres bei vielen Materialien entspannen sollte, in einem Bereich wird die Nachfrage in Zukunft kaum gedeckt werden können: bei den Fachkräften. Denn gerade in den westlichen Industrieländern ist der klassische Handwerksberuf aus der Mode gekommen. Es ist nicht hip, beispielsweise Maurer zu werden. In der Folge fehlt es an Nachwuchs-Fachkräften. Dabei spricht einiges für einen Job am Bau: Ein junger Polier verdient meist deutlich mehr als ein gleichaltriger Jurist oder Architekt.

Ulrike Rabmer-Koller, Geschäftsführerin der Rabmer Gruppe:

Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein Modewort. Sie ist eine Verpflichtung – ganz besonders in der Baubranche, wo wir im wahrsten Sinne des Wortes ein Fundament für die Zukunft legen. Dafür braucht es innovative Konzepte, die Ressourcen schonen und den CO2-Ausstoß verringern, aber auch langfristigen Nutzen bringen. Wir haben mit der Energiegewinnung aus Abwasser die passenden Technologien dazu.

Einbau Wärmetauscher

Zauberwort Ressourcenschonung.

Es bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Krise ein Umdenken nach sich zieht. Ressourcenschonung dürfte eines der Zauberwörter lauten. Grund und Boden sind für Normalsterbliche kaum noch leistbar. Gleichzeitig steigt die Kritik an der immer noch hohen Bodenversiegelung. Österreich ist in dieser Disziplin leider unrühmlicher Weltmeister. Viele Stadtentwickler und Raumplaner fordern eine Nachverdichtung der Städte. Denn ziehen die Menschen raus aus den Städten, kommt es nicht nur zu einer steigenden Bodenversiegelung, sondern auch zu einem zunehmenden Verkehrsaufkommen – beides unerwünschte Nebeneffekte. Zudem könnten Baumaterialien vermehrt recycelt werden. Auch Importund Exportverbote werden mitunter diskutiert, um das Bauen wieder leistbar zu machen. Einige österreichische Unternehmen sind allerdings in puncto Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung überaus innovativ. Unter ihnen die Rabmer Gruppe: Einer der Schlüssel zum Erreichen der österreichischen Klimaziele beispielsweise wird die erneuerbare Energie sein. Ein Energieträger, der derzeit zunehmend an Relevanz gewinnt, ist das Abwasser in den heimischen Kanalsystemen. Durch innovative Wärmetauscher und Wärmepumpensysteme kann Energie aus dem Abwasser gewonnen und zum ganzjährigen Heizen und Kühlen von Gebäuden eingesetzt werden – so etwa in der neuen Wien Kanal Zentrale, deren Anlage von der oberösterreichischen Rabmer Gruppe stammt. Künftig stellt die Stadt Wien die Nutzung von Abwasser-Energie auch externen Anbietern zur Verfügung.

Gerald Hanisch, CEO Rubble Master:

Im Sinne des „urban mining“ sollte die Stadt als Ressource gesehen werden – die Rohstoffe sind schon da. Aber man muss bauökologisch vorgehen: Verwendete Materialien müssen trennbar, recycelbar sein. Dann können wir das „Ende des Abfalls“ einleiten.

Rubble Master

Wohn-Symphonien

Interview mit Daniel Surducan, Geschäftsführer von Akzent Immobilien.

Daniel Surducan

Die Baubranche boomt. Wie erleben Sie das Jahr 2021?

2021 ist ein sehr provokantes Jahr. Das Jonglieren von Strategien, abhängig von dem globalen Event, war und ist eine Challenge. Man muss seine Taktik jeden Tag aktualisieren. Auch wenn dieses Jahr einige Herausforderungen mit sich gebracht hat, ist es ein lehrreiches und erfolgreiches Jahr.

Was wird von Ihren Kunden aktuell verstärkt nachgefragt?

Da der Immobilienmarkt als einer der sichersten gesehen wird, investieren viele Firmen als auch Privatpersonen in diesen Markt. Anlegerwohnungen als auch Eigenheime sind sehr gefragt.

Was bietet AKZENT Immobilien?

Die Konstruktion und das Ambiente, in welchem der Käufer lebt, sind eine eigene Philosophie. Wir schlüpfen in die Schuhe des modernen Käufers und transformieren seine Wünsche in eine Symphonie des Wohnens.

Doppelhaus Wels Land

Was macht Ihre Immobilien besonders?

Unsere Philosophie ist „Zurück zur Natur“. Aus Beton und Ziegel kreieren wir eine Sinfonie erfahrbar mit den Augen. Den letzten Schliff bekommen AKZENT Immobilien durch die Verwendung von Holz, Natursteinen und grünen Inseln.

Viele in der Branche beklagen mangelnde Rohstoffe und steigende Preise. Wie sehen Sie das?

Ja, wie alle anderen kämpfen auch wir mit diesem Problem, versuchen aber die Preise so aktuell wie möglich zu halten und hoffen auf eine baldige Normalisierung dieses Zustandes.

Autor: Sarah Estermann, 26.08.2021