Wie treu ist treu?

Ein Stich ins Herz, brennende Eingeweide, Blackout: So und ähnlich beschreiben Betroffene ihre Reaktionen auf den Betrug durch den Partner. Noch nie war es so einfach wie heute, eine Affäre zu beginnen; nie so schwierig, sie zu verheimlichen. Tragisch: Experten zufolge schlagen sie bei den Gehörnten sogar tiefere Wunden denn je.

ÖsterreicherInnen leben Doppelmoral

Fast alle Menschen wünschen sich von ihrem Partner Exklusivität. Und trotzdem geht jeder Zweite fremd. „Die meisten Menschen erwarten sich Treue, zumindest vom anderen“, so Paarcoach Sandra Teml-Jetter. Für einige beginnt Untreue bei der Masturbation, andere finden unverbindlichen Sex mit Fremden okay. Ein starkes Drittel der ÖsterreicherInnen zieht die Grenze beim Kuss. Mehr als die Hälfte aller Frauen wertet die Anmeldung auf einem Flirt- oder Seitensprungportal als Betrug (bei den Männern ist es nur jeder Dritte). Soll heißen: Treue ist Definitionssache. Paare sollten sich deshalb rechtzeitig über ihre Vorstellungen austauschen. Kränkungen sind sonst vorprogrammiert.

 

Treu trotz Sex, Betrug trotz offener Beziehung

Aber: „Das Gespräch über Treue ist nicht dasselbe wie über Monogamie“, warnt Beziehungsexpertin Esther Perel. „Man kann auch in einer offenen Beziehung eine Affäre haben.“ Selbst wenn man andere (Sexual-) Partner haben darf – die verbotene Frucht schmeckt immer besonders süß. Eine Affäre umfasst deutlich mehr als nur Sex: Sie ist ein brisanter Mix aus geheimer Beziehung, sexueller Chemie und emotionaler Verbundenheit. Anders als bei Männern ist für Frauen dieser emotionale Faktor schwerer zu verwinden als die sexuelle Eskapade.

Untreue ist der ultimative Betrug - aber muss das so sein? Esther Perel geht in ihrem TED-Talk der Frage nach, warum Menschen betrügen und erklärt, warum Affären so traumatisch sind.

Erwartungsdruck steigt

Das hat zum Teil auch damit zu tun, wie wir Beziehungen leben. „Heute erwarten wir von einem einzigen Menschen, uns das zu geben, wofür früher ein ganzes Dorf zuständig war“, so Perel. Zu heiraten bedeutete in der Vergangenheit in erster Linie (wirtschaftliche) Sicherheit. Liebe und Leidenschaft fanden woanders statt. Heute ist unser Partner bzw. unsere Partnerin der bzw. die Auserwählte: große Liebe, beste Freundin, Lover, Beschützer, Versorger, Wirtschaftspartnerin und intellektuelles Ebenbild in Personalunion. Ein Betrug fühlt sich wie Versagen an, ein Seitensprung wie ein Angriff auf das Selbst. „Monogamie bestätigt uns in unserer Einzigartigkeit“, so die Beziehungsexpertin. „Untreue sagt: ‚So besonders bist du gar nicht.‘“

Faktor Beziehung

Wenn Treue so wichtig und Untreue die ultimative Kränkung ist, warum riskieren wir dann trotzdem die Verletzung oder gar den Verlust des geliebten Menschen? Die Antwort liegt nur zum Teil in unserer Natur. Den eigenen Genen zur Verbreitung zu verhelfen funktioniert nun mal am besten über Quantität und Qualität der Geschlechtspartner. Das gilt für Frauen wie für Männer. Läuft die Beziehung nicht rund, steigt die Chance, dass einer der Partner schwach wird. Anfällig für Affären sind in der Regel jene, denen Aufmerksamkeit, emotionale Verbundenheit, sexuelle Intimität oder Kommunikation in der Partnerschaft abgehen. Und als ob das nicht genug wäre, spielen auch Schicksalsschläge und persönliche Lebensentscheidungen eine große Rolle. Die Ursachen nur in der Partnerschaft zu suchen ist Perel zufolge nämlich zu kurz gegriffen: „Wir suchen nicht so sehr nach einem anderen Geliebten, sondern nach einer anderen Version von uns selbst“, ist sie überzeugt.

Was tun, wenn es passiert ist?

Dass die Affäre Beweis für mangelnde Gefühle oder eine unglückliche Beziehung ist, lässt sich nicht per se behaupten. Sechs von zehn Betrogenen verzeihen einen Seitensprung unter bestimmten Umständen. „Am ehesten, wenn der untreue Partner wirklich Reue zeigt und einen Entwicklungsschritt macht, etwa sich seinem Bedürfnis nach Fremdbestätigung stellt“, sagt Paarcoach Teml-Jetter. „Liebe ist chaotisch, Untreue erst recht“, bringt Perel es auf den Punkt.

 

Nahaufnahme eines Paares kurz vor dem Kuss

Ist mein Partner untreu?

Mehr als vier dieser Anzeichen liegen vor? Spätestens jetzt ist es an der Zeit für ein offenes Gespräch!

  • Eitelkeit: Neuer Haarschnitt, Style oder Fitnessroutine? Ungewohntes Körper- und Stilbewusstsein kann ein Anzeichen sein.
  • Gereiztheit: Ungewohnte Launenhaftigkeit, Fahrigkeit und Gereiztheit treten auf.
  • Paranoia: Kleidung landet schneller als sonst in der Wäsche, das Smartphone wird nicht mehr unbeaufsichtigt gelassen.
  • Schweigen: Die Kommunikation nimmt ab.
  • Überstunden: Gemeinsame Abendessen werden zur Seltenheit, Überstunden häufen sich.
  • Innere Abwesenheit: Obwohl körperlich präsent, wirkt ihr Partner neuerdings, als wäre er geistig eigentlich ganz woanders.
  • Körperliche Distanz: Zärtliche Gesten nehmen ab, Sex wird vermieden.
Ein Paar liegt im Bett, die Frau mit dem Rücken zum Mann, eine Nachricht von ihrem Lover lesend. Ihr Freund versucht einen Blick auf den Bildschirm zu bekommen

Interview mit Paarpsychologin Sandra Teml-Jetter

Treue ist eine Entscheidung. 

Welchen Stellenwert hat Treue in einer Beziehung?
Treue ist wichtig, wenn sie versprochen wurde. Die meisten Menschen erwarten sie sich - zumindest vom anderen. Treu und monogam zu leben ist am Ende eine Entscheidung, die ich für mich treffe – nicht für meinen Partner.

Kann man auch fremdblicken oder -denken?
Kann man wenn man das will. Jede/r ist eingeladen, gemäß seiner/ihrer persönlichen Werte zu leben. Wenn ich das Haus verlasse, muss ich mich nicht notwendiger Weise blind stellen oder unsichtbar machen. Ich muss nur mit dem Sichtbaren umgehen und zu einem klaren "Nein" fähig sein. Das ist leicht, wenn ich mich dafür entschieden habe, monogam zu leben und mich dafür entschieden habe, den Herausforderungen meiner Paarbeziehung nicht auszuweichen. Dazu gehört auch mich zu fragen, warum ich fremddenke und warum ich denke, dass das in Ordnung ist. Und mit in Betracht ziehe, was das mit meinem Partner macht. Dabei geht es mir nicht darum, den anderen zu schonen oder dafür zu sorgen, dass er (oder sie) nicht eifersüchtig ist. Es geht um gutes Benehmen und Kommunikation in einer Beziehung. 

Was, wenn die Lust zur Untreue zu groß wird?
Dann hast du immer noch die Verantwortung als Erwachsener, wie du mit dieser Lust umgehst! Du musst eine Entscheidung treffen: Gehe ich fremd und lebe mit den Konsequenzen oder bleibe ich treu und gehe mit den Konsequenzen um.

Wie kann man Untreue verzeihen?
Diese Frage stellt sich im Laufe eines Prozesses – und beantwortet sich da auch. Vielleicht nämlich gar nicht. Am ehesten, wenn der untreue Partner wirklich Reue zeigt und einen Entwicklungsschritt macht. Dazu muss er sich z. B. seiner Bedürftigkeit nach Fremdbestätigung stellen. Oft ist auch der standhafte Partner gefordert, sich selbst zu verzeihen, dass er es womöglich geahnt, wenn nicht sogar gewusst hat und nicht schon früher Stellung bezogen hat.

Autor: Stefanie Hermann , 16.07.2020