Von wegen doofer Esel!

Dumme Gans, blödes Schaf, doofer Esel. Es gibt Tiere, mit denen wahrlich niemand verglichen werden will, gelten sie im Volksmund doch als begriffsstutzig, störrisch und alles andere als intelligent. Uns stellte sich die Frage: Was ist wirklich dran an diesen gängigen Schimpfwörtern, die Frau und Herr Österreich nur allzu gerne gebrauchen?

Doofer Esel

Er gilt als störrisch, faul und vor allem als so dumm, wie das Stroh, das er täglich frisst. Weit gefehlt: In Wahrheit hat dieses Huftier den vollen Durchblick – selbst wenn das nicht immer gleich erkennbar ist. Im Gegensatz zu Pferden ergreift der Esel bei einer Bedrohung nicht sofort die Flucht, sondern bleibt wie angewurzelt stehen. Die als Sturheit wahrgenommene Eigenschaft ist

jedoch nichts anderes als eine kluge Sondierung der Situation. Esel sind überdies exzellente Beschützer und haben selbst vor Raubtieren wenig Angst. Im Ernstfall geht der Esel zum Angriff über, zeigt die Zähne und schlägt den Eindringling mit ein paar ordentlichen Tritten in die Flucht. Erstaunlich ist auch sein Gedächtnis: Er erkennt alte Weggefährten auch noch nach Jahrzehnten und erinnert sich an Routen, die er vor einer Ewigkeit zurückgelegt hat.

Blindes Huhn

Meister des ersten Eindrucks ist auch das Huhn definitiv keiner, wirkt es doch im wahrsten Sinne des Wortes wie ein „aufgescheuchtes Hendl“ und läuft scheinbar völlig planlos durch die Gegend. Neueste Studien beweisen allerdings, dass das Federvieh nicht nur logisch schlussfolgern, sondern sogar rechnen kann. Bereits ein Küken kann größere Mengen von kleinen unterscheiden und somit einfache Rechenaufgaben lösen. Zudem haben US-Forscher herausgefunden, dass Hühner untereinander mit über 20 verschiedenen Lautäußerungen kommunizieren – damit können sie es durchaus mit einigen Primatenarten aufnehmen. Von Intelligenz zeugen auch ihre Täuschmanöver: Hähne locken zum Beispiel Weibchen mit einem vorgegaukelten Futterlaut an, um sie für sich zu gewinnen. Fazit: Trotz eines lediglich walnussgroßen Hirns sind Hühner zu beachtlichen Leistungen fähig.

Huhn | Credit: istockphotos/Shootingstar22

Blöde Kuh

Eine Beleidung, die wohl jeder Österreicher in seinem Wortschatz führt – und damit dem Rindvieh unrecht tut. Wer der Sprache der Kühe mächtig ist, erkennt bereits an der Tonlage des „Muuuhs“ die emotionale Befindlichkeit des Tiers. Rinder können außerdem Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge verstehen und zum Beispiel den Hebel einer Tränke betätigen, um an Wasser zu kommen. Auch das soziale Leben ist ausgeprägt: Für den Chefposten in der Herde werden stets erfahrene, neugierige und selbstbewusste Mitglieder ausgewählt. Rangkämpfe bestreiten Kühe nicht vorrangig mit ihren Hörnern, sondern mit Willenskraft und Ehrgeiz.

Total belämmert

In puncto Hirnleistung hat das Schaf ein richtig mieses Image. Was unter anderem an seiner Hilflosigkeit bei feindlichen Angriffen liegt: Entweder das Tier läuft panisch umher oder bleibt starr vor Angst stehen. Britische Wissenschaftler nahmen das Hirnschmalz der Schafe genauer unter die Lupe und fanden heraus, dass sie über einen ausgesprochen guten Orientierungssinn sowie ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügen. Die „laufenden Wollknäuel“ sind in der Lage, sich bis zu 50 verschiedene menschliche Gesichter zu merken und finden auch nach langer Zeit in den bis zu 25 Kilometer weit entfernten Stall zurück.

Schaf | Credit: Pexels/Skitterphoto

Stumm wie ein Fisch

Die Unterwassertiere zählen zu den am meist unterschätzten Lebewesen. In Wahrheit verfügen Fische über eine hohe soziale Intelligenz und können beispielsweise mehr Farben als der Mensch unterscheiden. Auch das Vorurteil vom stummen Fisch ist völlig falsch – um sich zu verständigen, wird unter Wasser getrommelt, gegrunzt und sogar geknurrt. Auch das Goldfischgedächtnis reicht, anders als von vielen gedacht, weiter als von „Blubb zu Blubb“: Englischen Forschern soll es gelungen sein, Goldfische mehr oder weniger zu dressieren. Sie reagierten auf Tonsignale, um an Futter zu kommen, und lernten sogar, einen Hebel zum richtigen Zeitpunkt zu betätigen.

Goldfisch | Credit: istockphotos/9george

Intelligenzbestien

1. Delfin: Sein Gehirn ist zur komplexen Problemlösung fähig und sogar dem menschlichen ebenbürtig.

2. Affe: Verblüfft mit geistigen Leistungen und sozialer Intelligenz.

3. Rabe: Nutzt gezielt Werkzeuge zur Futterbeschaffung und ist ein Meister der Improvisation.

4. Krake: Superhirn mit acht Armen – öffnet sogar Schraubverschlüsse.

5. Wal: Überzeugt mit akrobatischen Fähigkeiten und kann Kommandos problemlos in Handlungen umsetzen.

 

Interview: „Wir sind nicht die einzige kluge Spezies“

o.Univ.Prof. Dr. rer.nat. Walter Arnold
Leiter Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie

Veterinärmedizinische Universität Wien

weekend.at: Herr Arnold, woher kommen gängige Redewendungen wie „Dumme Gans“ und „Doofer Esel“?

Arnold: Sie entstammen einem sehr menschenzentrierten Weltbild. Wir halten uns zwar mit Recht für die intelligenteste Spezies, aber zu Unrecht als die einzige. Der Esel gilt vielleicht als „doof“, weil er für uns ohne große Gegenleistung Lasten schleppt oder die Gans als „dumm“, weil sie nicht realisiert, dass wir sie nur halten, um sie zu essen. Allerdings haben wir in unserer Alltagssprache auch Beispiele für das Gegenteil, etwa den „schlauen“ Fuchs. Tiere haben sich in der Evolution an die Bedingungen ihres Lebensraums angepasst. Die Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme oder gar zu vorausschauendem Handeln kann, muss aber nicht dazu gehören.

weekend.at: Wie zeichnet sich tierische Intelligenz aus und wie lässt sie sich messen?

Arnold: Intelligente Tiere sind in der Lage kniffelige Aufgaben zu lösen, oft auch unter Einsatz von Gegenständen, die sie als Werkzeuge benutzen oder daraus gar eigene Hilfsmittel konstruieren. Getestet wird das in der Regel durch Experimente, bei denen für Tiere Leckerbissen zu holen sind, aber eben nur mit überlegtem Handeln oder Werkzeuggebrauch.

weekend.at: Mit welchem Tier würden Sie gerne verglichen werden?

Arnold: Mit einem Kolkraben, da sie außergewöhnlich intelligente Tiere sind.

Autor: Simone Reitmeier , 04.10.2020