Tech-Blog-Kommentar: Heißes Smartphone Jahr

Taktfrequenzen nahe der 3 Ghz oder darüber waren vor Jahren in Smartphones quasi unvorstellbar. So viel Leistung in so einem kleinen, passiv gekühlten Gehäuse schien unerreichbar. 2019 näherte man sich in der Android-Welt stark an. Der Snapdragon 855+ erreichte mit 2,96 Ghz die Grenze fast. 2020 war dann der Bann gebrochen: Sowohl Apples A14 Bionic im iPhone 12 (bis 3,1 Ghz) als auch Qualcomms Snapdragon 865+ (bis 3,1 Ghz) brachen die Barriere. Apples Chip ist bis heute der leistungsstärkste Prozessor der Smartphonewelt. In den meisten Leistungstest desavouiert er die Android-Konkurrenz. Die will aber zurückschlagen und bietet mit dem Qualcomm Snapdragon 888 und dem Samsung Exynos 2100 schwere Geschütze auf. Leider ist es aber so, dass Geschütze auch mal heiß laufen und das machen diese Prozessoren leider.

Starke Leistung aber nicht auf Dauer?

Die letzten Wochen habe ich mich in die Welt der neuen Top-Prozessoren eingelesen und was mir da begegnet ist, war leider nicht immer positiv. Bereits erste Berichte des Xiaomi Mi 11, dem ersten Android Flaggschiff mit Snapdragon 888 Prozessor ließen mich aufhorchen. Es war von Hitzeproblemen und Leistungseinbußen die Rede. Auch Samsungs Exynos 2100 versprach am Papier einen gigantischen Schritt nach vorne, leider auch in diesem Fall zuungunsten der eigenen Hand, die doch immer wieder ein recht warmes Smartphone angreifen muss.

Aber der Reihe nach. Die beiden Top-Prozessoren in der Android Welt basieren auf der gleichen Architektur. 1 Leistungsstarker X1-Kern für performancestarke Anwendungen, 3 etwas weniger leistungsstarke Kerne und 4 Kerne die bei normalen und weniger leistungsintensiven Anwendungen übernehmen. Meistens verwenden diese Prozessoren im täglichen Betrieb die stromsparenden, weniger leistungsstarken Chips und die Smartphones bleiben kühl und performant. Wer aber viel spielt, Videos dreht und fotografiert, oder einfach tagtäglich stundenlang den Bildschirm eingeschalten hat wird diese Erwärmung merken. Bei grafikintensiven Anwendungen wie Spielen, oder Videobearbeitung verlieren die neuen Android-Chips bis zu 30-Prozent an Leistung. Dies kommt zustande, weil die Chips ihre schnellen Kerne runtertakten müssen um nicht den Hitzetod zu sterben. Am einfachsten lässt sich so ein Verhalten mit Stresstest und Benchmarks reproduzieren.

Wer jetzt meint, ja das sind ja Extremszenarien dem kann ich nur teilweise recht geben. Smartphones werden zunehmend als mobile Spielekonsolen vermarktet. 120 Hz-Displays, immer stärkere Grafik und daraus folgend immer aufwändigere Spiele wie Asphalt, PubG, Call of Duty und und und... Wer jetzt plant eine längere Session dieser Grafikperlen einzulegen wird 2021 wohl einen tollen Handwärmer bekommen. Die Prozessoren nähern sich in den bisher gelaunchten Telefonen Temperaturen um 50 bis 60 Grad. Das ist sehr viel! Zum Vergleich: Der letztjährige Top-Prozessor Snapdragon 865 wird mit bis zu 40 Grad in Stresstest nicht annähernd so heiß. In einem YouTube-Video verweigerte eines der neuen Snapdragon 888 Geräte nach zweimal Benchmark überhaupt seinen Dienst mit dem Hinweis sonst den Hitzetod zu sterben. Diese Entwicklung gefällt mir eher weniger und lässt mich ans Debakel mit dem Snapdragon 810 aus 2015 denken (Auch dieser Prozessor war ein Hitzkopf und sorgte für Leistungseinbußen). Auch der Samsung Exynos 2100, der zwar um einiges besser ist als sein Vorgänger der Exynos 990, erreicht in meiner Review des S21+ 5G immer wieder recht hohe Temperaturen und das Gerät wird selbst beim Surfen oder bei einfachen Tasks recht warm. 

Fazit - abwarten und Kaffee trinken  

Was bedeutet das jetzt für Smartphone-Käufer die nach dem Lockdown begierig nach neuester Technik dürsten? Ich würde raten abzuwarten! Denn, mit den Leistungseinbußen bei anspruchsvoller Benutzung verlieren die neuen Chips derart an Leistung, dass sie mit den Vorjahres-Topmodellen gleichziehen.  Insofern kann man sogar noch viel Geld sparen, wenn man zu einem weniger hitzigen Vorjahresgerät greift. Vor allem Geräte mit dem Snapdragon 865 bieten mittlerweile ein hervorragendes Preis-/Leistungsverhältnis und einige Modelle sind bereits zu Preisen um 400 Euro zu bekommen! Oder man greift auch als Android-Mensch mal zu Apple. Deren A14 Bionic ist wahnsinnig gut und obwohl die Geräte keine Displays mit höherer Bildwiederholrate bieten, sind die iPhones aufgrund ihrer Software-Optimierungen sehr sehr flüssige und schnelle Geräte, auch ohne 90 oder 120 Hz Display.  

Autor: Lukas Steinberger-Weiß, 11.02.2021