Ruhe, Frieden, Almidyll vorbei: Dicke Luft am Berg

Anfang Juni ist es, das schöne Wetter und die Lockerung des Shutdowns treiben die Menschen in Massen in die Natur. Für eine 70-jährige Pensionistin endet eine Bergwanderung im Gebiet des Kranzhorns (Tirol) tödlich; nach dem Angriff einer Kuh stirbt sie noch an der Unfallstelle an ihren Verletzungen.

Tod auf der Alm

Ihr Chihuahua, mit dem sie unterwegs war, wird ebenfalls getötet. Der tragische Vorfall erinnert an jene Wanderin, die vor sechs Jahren in Tirol ebenfalls von einer Kuh zu Tode getrampelt worden war. Auch hier war ein Hund mit im Spiel. Nur eine Woche nach dem Unfall auf der Kranzhorn-Alm gab es erneut Probleme mit Weidetieren – diesmal am Vilsalpsee. Für eine 37-jährige Deutsche ging die Attacke einer Kuh aber glimpflich aus. Kurze Zeit später gingen Kälber auf eine Vierjährige los und auch ein Erwachsener wurde umgestoßen.

„Das Kalb beschützt“

Die Weide sei eingezäunt gewesen, aber Hunderte Ausflügler hätten sie an diesem Tag durchquert und die Warnschilder ignoriert, erklärte der zuständige Almmeister in den Medien. Ein Muttertier sei aggressiv geworden, aber es habe nichts anders getan, als ihr Kalb zu beschützen. Seit Jahren – seit dem Unfall im Pinnistal eben – werden Wanderer vor Mutterkühen gewarnt, mit Hinweisschildern oder Videoclips wie etwa „Die Alm ist kein Streichelzoo“. In Kampagnen wird davor gewarnt, angeleinte Hunde in die Nähe von Mutterkühen zu bringen. Für diese ist ein Hund wie ein Wolf, auch wenn’s nur ein in der Stadt aufgewachsener Golden Retriever ist. Die an sich friedliche Kuh reagiert (unter Umständen) dementsprechend. Das wissen die Viehhalter so gut wie die Verhaltensforscher. Nur leider viele Wanderer, die ihre Vierbeiner in die Natur mitbringen, wissen das nicht – weshalb in Tirol schon der Ruf nach einem Hundeverbot für Almen ertönte oder die Überlegung die Runde machte, separate Hunde-Wanderstrecken einzurichten. Wie auch immer das Problem gelöst wird, die Almwirtschaft in Österreich gerät durch die Massen an Bergwanderern aus dem Gleichgewicht.

Rasende Radler

Die Bergfreunde sind vermehrt mit Mountainbikes und E-Bikes unterwegs. Mit Elektrounterstützung erklettern die Freizeitsportler Grate und Gipfel, strampeln auf hochgelegenen Wiesen und brettern auf Forstwegen zu Tal. Die Eroberung der Bergwelt mit Zweirädern birgt zusätzliche Konflikte, nicht nur zwischen Fußgehern und Radlern, sondern auch für die Grundeigentümer. Beschwerden über talwärts rasende Biker nehmen ebenso sprunghaft zu wie schwere Unfälle. Für die Bauern in den Wandergebieten ist vor allem die „Wegehalterhaftung“ ein heikler Punkt – sie haften, wenn der Radler aufgrund eines Schlaglochs stürzt und sich verletzt. Die Lösung dafür ist, dass der Grundbesitzer den Weg (in Tirol auch schmale „Single Trails“) gegen eine Einmalzahlung freigibt und die Gemeinde oder das Land die Haftung übernimmt. Apropos Haftung: Nach dem tragischen Tod der Wanderin im Tiroler Pinnistal im Jahr 2014 hat sich ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen dem Almbauern und den Hinterbliebenen der Frau entwickelt.

Teilschuld des Bauern

Heuer im Mai fand er seinen Abschluss am OGH. Das Höchstgericht bestätigte eine Teilschuld des Besitzers der Kühe am Unfall. Der Landwirt Reinhard P. hätte aufgrund der Nähe zu einem Gasthaus eine Abzäunung für seine Mutterkuh-Herde errichten müssen, dies wäre ihm laut OGH „zumutbar“ gewesen. Als Entschädigung muss der Bauer an die Hinterbliebenen der Frau 58.000 Euro plus eine monatliche Rente von 780 Euro zahlen.

Abgesperrt

Das „Kuh-Urteil“ zulasten des Landwirts verunsichert die Almwirtschaft stark. Viele Bauern überlegen nun, ihre Rinder nicht mehr auf die Alm zu lassen oder Durchgänge für Wanderer zu schließen. Markus Fischer von der Landwirtschaftskammer Österreich schrieb in einer Erklärung, er habe „kein Verständnis für die OGH-Entscheidung“. Im Salzburger Pinzgau hat ein Bergbauer seine Konsequenz gezogen. Den Weg zu seiner Alm an einem Talschluss bei Rauris hat er verbarrikadiert und mit einem „Durchgang verboten“-Schild versehen. Das wiederum ging dem Salzburger Alpenverein zu weit, der heftig gegen die Schließung protestierte und dabei auf die seit 1970 gesetzlich garantierte „Wegfreiheit“ auf allen für den Tourismus wichtigen Routen Salzburgs pochte.

Problemwölfe

Es gibt noch ein Phänomen, das den Almbauern das Leben schwer macht: das Wiederauftauchen des Wolfs. Wildbiologen schätzen, dass derzeit 30 bis 35 der Beutegreifer in Österreich unterwegs sind. Die frei grasenden Weidetiere auf den Almen sind eine leichte Beute für sie. Ein einzelner, genetisch identifizierter Wolf tötete im Vorjahr im Pongau allein 24 Schafe, weshalb eine dortige Agrargemeinschaft, den Antrag stellte, den „Problemwolf“ abzuschießen. Nach einer einjährigen Verfahrensdauer genehmigte die Bezirkshauptmannschaft jetzt die „Entnahme“, wie es in der Jägersprache heißt. Nachsatz: Bis jetzt hat sich dieser eine Wolf allerdings nicht wieder blicken lassen.

Zäune & Schäfer

Naturschutzorganisationen wie der WWF und grüne Politiker wie die Nationalratsabgeordnete Astrid Rössler sind strikt dagegen, Wölfe abzuschießen. Sie empfehlen unter anderem Schutzzäune und Schäfer samt Hunden als „nachhaltige, gelindere Mittel“. Das Problem dabei ist: Auf Bergwiesen lassen sich wegen des felsigen Untergrunds meist keine Weidezäune errichten. Und außerdem würde man damit den Wildwechsel abschneiden – ebenso wie die Wanderwege.

Zahlen

  • Almen in Österreich: 8.300
  • Großvieh (Tiere ab etwa 500 kg) auf Almen: rund 250.000
  • Schafe auf Almen: 115.000
  • Unfälle mit Mountainbikes 2019 (im alpinen Bereich): 576
  • Tödliche MTB-Unfälle 2019: 10
  • Durch Wölfe getötete Schafe 2019: 103

*Quelle: Almwirtschaft.at, KFV, WWF, Statistik Austria

Autor: Gert Damberger , 06.08.2020