Faszination Jakobsweg: Die Reise zu sich selbst
Inhalt
- Die Suche nach dem Sinn
- Eine Reise für die Ewigkeit
- Neuer Lebensabschnitt
- Spirituelles Erlebnis
- Das Üben im Verzicht
- Die richtige Ausrüstung
- Alternativen zum Jakobsweg
- Interview mit einer Pilgerin
850 Kilometer sind es von St. Jean Pied de Port am Fuße der Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. Dort in der Kathedrale sollen die sterblichen Überreste des Apostels Jakobus liegen. Bereits im Mittelalter entwickelte sich die Grabstätte neben den Städten Rom und Jerusalem zu einer der drei Hauptziele christlicher Pilgerfahrten und bis heute hat der Camino Francés nichts von seiner Faszination verloren. 2023 pilgerten laut Statista rund 446.045 Menschen aus der ganzen Welt auf dem Jakobsweg. Und sie alle suchen etwas.
Die Suche nach dem Sinn
"Auf dem Weg treffe ich eigentlich immer wieder nur auf eins: auf mich", schreibt Komiker Hape Kerkeling in seinem Bestseller "Ich bin dann mal weg". Nach einem Zusammenbruch mit Mitte 30 begab sich der Entertainer auf die Reise seines Lebens – und rückte dabei den Jakobsweg in das Gedächtnis zahlreicher deutscher Leser. Seitdem ist um den Weg ein regelrechter Hype entbrannt, der nicht abzureißen scheint. Und doch ist es schlussendlich die Sinnessuche, die die Menschen dazu bringt, die Wanderschuhe zu schnüren und loszugehen. "Beim Pilgern steht die Selbstfindung im Fokus. Viele Menschen gehen den Jakobsweg, wenn sie sich in ihrem Leben an einer Weggabelung befinden und den Kopf frei bekommen müssen", erklärt Karmen Nahberger, Projektleiterin des Weitwanderwege Portals und Projektmanagerin des Österreichischen und Europäischen Wandergütesiegels.
Eine Reise für die Ewigkeit
An solch einer Weggabelung befand sich auch Waltraud Veith, als sie vor 25 Jahren zum ersten Mal einen Fuß auf den bekannten Weg setzte. "Ich spürte einfach, dass es der richtige Zeitpunkt war", so die 73-Jährige. Das Erlebnis lässt sie bis heute nicht los: "Es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht daran denke." Seitdem war die Steirerin noch zwei Mal am Pass von Frankreich nach Spanien unterwegs. "Doch die erste Erfahrung ist und bleibt unschlagbar", erzählt Waltraud.
Neuer Lebensabschnitt
Andreas Herz hat sich zu seinem 50er auf den Weg gemacht. Mit der Pilgerwanderung wollte er den neuen Lebensabschnitt einläuten, zeitgleich wollte er sich der Herausforderung stellen. Insgesamt plante er fünf Wochen für den Jakosbweg ein, schlussendlich waren es dann nur drei, die er für die 850 Kilometer brauchte. Wie er den Weg erlebt hat? "Als Reise zu mir selbst. Ich wurde innerlich total ruhig und habe auf viele Dinge eine ganz andere Perspektive bekommen. Der Komfort fällt weg, man ist dem Wetter ausgesetzt, hat wenig Kleidung mit. Meine Muskeln haben geschmerzt und in der letzten Woche wollte ich einfach nur ankommen", erzählt Andreas Herz.
Spirituelles Erlebnis
Was früher die Suche nach Gott war, ist mittlerweile zur Suche nach dem eigenen Ich geworden. Wie viel christlicher Glaube steckt also noch im Pilgern auf dem Jakobsweg? "Es ist eher eine spirituelle Erfahrung. Beim Pilgern ist man wochen- oder monatelang alleine unterwegs, nimmt körperliche wie auch mentale Strapazen auf sich. Es ist eine psychische Regeneration", so Nahberger.
Das Üben im Verzicht
Gleichzeitig übt man sich im Verzicht. Die Herbergen und Unterkünfte sind meist sehr einfach gehalten, man trägt oft tagelang dasselbe Wanderoutfit und ist jedem möglichen Wetter ausgesetzt. Von Komfort keine Spur. Denn nur so kann das Wesentliche zum Vorschein kommen. Karmen Nahberger dazu: "Beim Weitwandern und Pilgern erlebt man bereits nach drei Tagen einen Effekt. Ist man am Tag der Abreise mit dem Kopf noch im Alltag, beginnt bereits ab dem zweiten Tag der Loslösungsprozess. Ab Tag drei lenkt man die Aufmerksamkeit wirklich auf das Innere, Kopf und Geist sind im Einklang."
Die richtige Ausrüstung
Wer sich nun selbst auf den Weg machen möchte, sollte einiges beachten. Die richtige Ausrüstung ist essenziell: Ein qualitativ hochwertiger Rucksack, der die richtige Länge aufweist und den Rücken entlastet, sowie gute Wanderschuhe sind ein Muss. Beim Packen gilt: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. "Wichtig ist es, den eigenen Körper zu kennen und die eigene Kondition richtig einschätzen zu können. Man geht pro Tag circa 30 Kilometer mit Gepäck. Das ist nicht ohne", so Nahberger.
Alternativen zum Jakobsweg
Pilgerwege, die man anstelle des klassischen Camino Francés gehen kann:
Camino Portugues: 250 Kilometer lang ist der kleine Jakobsweg von Porto nach Santiago.
Franziskusweg: Auf 500 Kilometern führt der Franziskusweg von Florenz nach Rom.
Olavsvegen: Insgesamt misst sein Streckennetz 5.000 Kilometer und er führt durch Skandinavien. Die 643 Kilometer zwischen Oslo und Trondheim gelten als die schönsten.
Interview mit einer Pilgerin
weekend: Sie pilgern regelmäßig und waren schon öfter am Jakobsweg unterwegs: Wie war die erste Erfahrung?
Waltraud Veith: Die ersten drei Wochen waren die Hölle. Meine Füße waren voller Blasen, ich hatte Schmerzen und dachte mir ständig, warum ich mir das überhaupt antue. Aber dann bin ich in einen Sog geraten, es hat mich richtig nach Santiago gezogen. Man hat keine Zeit mehr zu überlegen, sondern geht einfach weiter.
weekend: Sie waren vor 25 Jahren das erste Mal am Jakobsweg, dann noch ein paar Mal: Welche Veränderungen haben Sie wahrgenommen?
Waltraud Veith: Sehr viele. Als ich das erste Mal in Santiago ankam, bin ich direkt mit meinen Wanderstöcken und meinem Rucksack in die Kathedrale gegangen und das Gefühl war überwältigend. Heutzutage musst du das Gepäck draußen lassen und dich in einer Schlange anstellen. Auch in den Herbergen wird nicht mehr so viel geredet, alle interessieren sich nur für sich oder schauen aufs Handy. Vor 25 Jahren war alles problemloser. Das finde ich sehr schade.
weekend: Was ist für Sie persönlich das Schönste am Pilgern?
Waltraud Veith: Der eigene Rhythmus, den man beim Pilgern ohne Zeitdruck erleben darf. Das ist eine unbezahlbare Erfahrung. Ich bin am liebsten alleine unterwegs, ich glaube das liegt auch an meiner Persönlichkeit und man kann richtig in die Stille eintauchen.
weekend: Welche Tipps haben Sie für Einsteiger?
Waltraud Veith: Ich bin vor einem Jahr auf dem Camino Portugues von Porto nach Santiago gepilgert und das war wirklich wunderschön. Der Weg ist kürzer als der Camino Francés und auch weitaus ruhiger, weil nicht so viele Menschen unterwegs sind. Ich finde er eignet sich super für Anfänger. Ansonsten kann ich jedem empfehlen, den Jakobsweg zu gehen, aber nur einmal. Das erste Mal ist das richtige. Alles andere ist nur der Wunsch, diese Erfahrung mit all ihren Erlebnissen und Gefühlen wieder aufzuwärmen. Das funktioniert aber nicht. Die Erwartungen sind ganz anders als beim ersten Mal. Deswegen sollte man ihn nicht wiederholen.