Wenn die Lust flöten geht

Vorgestern waren beide zu müde, gestern war der Tag zu stressig und der morgige Abend ist auch schon verplant. Im Laufe der Zeit werden die Ausreden zur Routine und ehe man sichs versieht, liegt der letzte Sex schon eine halbe Ewigkeit zurück. Prinzipiell gehören solche Phasen in Langzeitbeziehungen zur Normalität und sind nichts Schlechtes. Gewisse außerordentliche Belastungen, beispielsweise der Job, können zu Lustlosigkeit im Bett führen. Nach einer gewissen Zeit wälzt man sich hingegen wieder gerne in den Laken und bekommt nicht genug voneinander. Problematisch wird es jedoch, wenn die Lust völlig abhanden kommt und Sex immer mehr zum nötigen Übel in einer Beziehung wird. Denn dann gibt es Grund zur Sorge.

Suche nach dem Warum

Wo wir gerade bei Gründen sind – davon gibt es bei Lustlosigkeit viele. Als Erstes sollten immer organische Ursachen von einem Arzt ausgeschlossen werden. Außerdem gibt es eine Vielzahl an psychischen Krankheiten, beispielsweise Depressionen, bei denen Lustlosigkeit zu den Symptomen zählt. Liegen weder physische noch psychische Beschwerden vor, muss die Beziehung reflektiert werden. "Denn dann liegt eine gestörte Beziehungsdynamik vor", meint die Sexualtherapeutin Dr. Elisabeth Kirkovits. Als bestes Beispiel dient folgendes: Je öfter der eine Part Sex fördert, desto mehr zieht sich der andere Part zurück. Ein Partner ist ständig unzufrieden und am Nörgeln, während sich der andere nicht verstanden fühlt und beginnt, sich zurückzuziehen. "Ich nenne diesen Prozess einen Teufelskreis der Lustlosigkeit. Beide sind festgefahren in ihren Ansichten und meiden immer häufiger den sexuellen Kontakt", erklärt Dr. Kirkovits.

Durchbruch

Doch wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden? "Wichtig ist es, einen Dialog zu finden", rät die Therapeutin. Zumindest einer muss den Mut haben und das Problem der Unlust ansprechen, im besten Fall machen das natürlich beide Dann muss offen darüber kommuniziert werden und beide Partner müssen sich eingestehen können, dass sie an der Situation beteiligt sind. Fatal wäre es, nur einem die Schuld in die Schuhe zu schieben. Kommt man als Paar alleine aus der Krise nicht hinaus, kann eine Therapie helfen. "Je früher eine Paartherapie gestartet wird, desto leichter ist es, die Probleme zu bewältigen. Viele schämen sich dafür und kommen recht spät, dann liegt oft schon ein langer Leidensweg hinter ihnen", so die Expertin.

Bedürfnisse

Sich Lustlosigkeit einzugestehen, ist genauso wichtig, wie über die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu sprechen. Laut dem Amorelie-Sexreport 2019 sprechen 27 Prozent der Befragten selten bis nie über das gemeinsame Sexleben. Nur 22 Prozent tauschen sich regelmäßig darüber aus. 33 Prozent gaben an, ungern über den eigenen Pornokonsum zu sprechen. Fast genauso viele meiden das Thema Selbstbefriedigung. Es gibt also nach wie vor noch genug Tabuthemen, über die in einer Partnerschaft nicht gesprochen wird. Dabei ist es unglaublich wichtig, die Bedürfnisse des Partners zu kennen und darauf einzugehen. Dr. Kirkovits dazu: "Zahlreiche Studien beweisen, dass eine Beziehung ohne ein erfülltes Sexleben stagniert. Im schlimmsten Fall verlieren die Partner im Laufe der Zeit das Interesse aneinander."

Toys und Co.

Fällt der Begriff Unlust, werden oft Sextoys und Co. als Lösung vorgeschlagen. Aber kann das wirklich helfen? "Einem Paar in einer sexuellen Krise würde ich das nicht raten", meint Dr. Kirkovits. Verspürt nämlich nur ein Partner keine Lust, kann es schnell passieren, dass der andere die Lustlosigkeit maschinell, zum Beispiel mit Vibratoren, zu vertreiben versucht. Das löst aber auf Dauer die Probleme nicht. Hat man sich jedoch wieder angenähert und spürt Vertrauen, lohnt es sich definitiv, etwas Neues auszuprobieren. Sextoys für sie und ihn können das Liebesleben auf eine neue erotische Stufe bringen. Übrigens: Der Austausch von Zärtlichkeiten oder heißen Blicken fördert die Sehnsucht und das Begehren. Noch ein Tipp vom Profi: sich einen erotischen Raum schaffen. "Es sollte nicht darauf gewartet werden, dass sich spontaner Sex ergibt" erklärt die Therapeutin. Vereinbarte Dates oder eine romantische Zwiet zu zweit sorgen für das passende Vorspiel und prompt wird die Stille im Schlafzimmer durch Stöhnen ersetzt.

Paardynamik

Ganz nach dem Motto "Kommunikation ist der Schlüssel" sollte also darauf geachtet werden, dass das eigene Sexleben immer wieder in Gesprächen zum Thema wird. "Das Herzstück einer Beziehung ist eine erfolgreiche Paardynamik. Diese setzt sich zur einen Hälfte aus der Psyche des Mannes und zur anderen Hälfte aus der Psyche der Frau zusammen", so Dr. Kirkovits. Beziehungen, Liebe und ein erfülltes Sexleben benötigen eben einiges an Arbeit – dafür ist es ganz sicher die schönste Arbeit der Welt mit dem wertvollsten Lohn.

Tipps für mehr Lust

1.) Offene Kommunikation: Die eigenen sexuellen Bedürfnisse sollten immer wieder zum Gegenstand des Gesprächs werden. Ein ehrlicher Austausch ist wichtig.

2.) Vertrauen schaffen: Gegenseitiges Vertrauen ist die Basis für guten Sex. Zuhören muss gelernt sein, der Partner soll sich in der Beziehung verstanden und gut aufgehoben fühlen.

3.) Zärtlichkeiten: Manchmal reicht eine kleine Berührung, ein kurzer Blick oder ein Wort aus und beide brennen vor Lust. Kleine zärtliche Momente können immer in den Alltag eingebaut werden und machen Lust.

4.) Ortswechsel: Ein Kurzurlaub tut der Seele und der Libido gut. Der hektische Alltag wird zurückgelassen und es bleibt mehr Zeit zu zweit.

5.) Neues probieren: Es muss nicht gleich ein Bondage-Set sein. Bereits kleine Veränderungen können das Sexleben anheizen und sorgen für mehr Spaß im Bett. Mittlerweile gibt es genug Anbieter für jedermann und -frau.

6.) Stellungswechsel: Missionar-, Reiter- und Löffelchenstellung sind zwar schön, aber es gibt noch weit mehr. Inspiration gibt es genug, es muss auch nicht das gesamte Kamasutra sein.

Autor: Cornelia Scheucher, 07.12.2020