Verhängnisvolle Liebe

Glück, Liebe, Stress, Eifersucht, Nähe, Hass, Drohungen: Toxische Beziehungen sind emotional anstrengende Achterbahnfahrten, in denen man nie zur Ruhe kommt. Anstatt eine gesunde und stabile Beziehung zu führen, befindet sich das Paar in einem ständigen Ungleichgewicht: Während der toxische Partner manipuliert, verbal misshandelt und die Beziehung kontrolliert, schluckt der andere Part die Abwertungen. Die psychischen Folgen einer solchen Partnerschaft sind fatal. Menschen, die in toxischen Beziehungen leben, verändern sich häufig im Laufe der Zeit und zwar ins Negative. Das eigene Selbstwertgefühl ist oft zerstört und auch körperliche Symptome wie Appetitlosigkeit sind keine Seltenheit. Wieso aber verharren Frauen und Männer in solchen Situationen?

Ängste. Der Psychologe und Psychotherapeut Enrique Grabl sieht bei Frauen drei große Gründe, warum sie bleiben. Sie haben Angst vor dem Alleinsein, Angst, keinen passenden Partner mehr zu finden, und Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung. Denn: Bis heute rufen alleinstehende Frauen, vor allem im fortgeschrittenen Alter, negative Konnotationen hervor. Sie werden belächelt und bemitleidet. "Fragt man Frauen nach den Gründen, wieso sie in einer toxischen Partnerschaft bleiben, antworten 9 von 10, dass es besser wäre, so eine Beziehung zu führen als gar keine", meint Grabl. Männer hingegen verweilen in erster Linie aus Bequemlichkeit in toxischen Beziehungen. Es ist ein gemachtes Nest, auch wenn dort kein Glück mehr zu finden ist. "Mittlerweile wird aber auch bei Männern die Angst immer größer, keine neue Partnerin mehr zu finden. Das hat viel mit feministischen Bewegungen zu tun - Frauen werden immer selbstbewusster und unabhängiger", so Grabl. Beziehungscoach Alexandra Marko-Hinteregger sieht aber noch einen weiteren wichtigen Grund für das Verweilen. Und zwar das Nicht-Erkennen der toxischen Beziehung. Marko-Hinteregger: "Viele Menschen sehen oft erst nach einer Trennung und mit genug Abstand, wie toxisch die Beziehung wirklich war."

Too good to be true. Auch toxische Beziehungen beginnen auf Wolke sieben. Das eigene Glück kann kaum in Worte gefasst werden, man ist blind vor Liebe. Wann aber wird eine Beziehung toxisch? "Wenn man sich nicht mehr um die Partnerschaft bemüht", so Grabl. Das Interesse geht verloren und es gibt sdtänig Streit. Fallen erniedrigende Kommentare oder übt der Partner Druck aus, sollten die Alarmglocken schrillen. Denn der sichere Hafen einer gesunden Beziehung ist bereits verlassen und man befindet sich in einem stürmischen Ozean. Die Rettung: Ein Sprung ins kalte Wasser. 

Menschen, die in toxischen Beziehungen leben, sind emotional abhängig vom Partner und glauben oft, dass sie nur diese Art von Liebe verdienen. Man kennt ja auch nur das, was man hat. Die Schlüssel zu einer gesunden Beziehung sind jedoch emotionale Unabhängigkeit und Selbstliebe. Man sollte ohne den anderen können, aber nicht ohne ihn wollen. - Alexandra Marko-Hinteregger, Beziehungscoach 

Loslassen. Dieser Sprung wird jedoch meist gefürchtet, Nur wenige erkennen das Gift schnell und schaffen es, ohne Hilfe zu gehen. "Das Lösen aus einer solchen Beziehung hat viel mit dem eigenen Ich zu tun", meint Alexandra Marko-Hinteregger. Es sollte damit begonnen werden, herauszufinden, was einem persönlich guttut. In diesen Momenten wird der Kopf klar und der Körper sendet Impulse, die meist die Trennung vom Gift fordern. Auch Freunde und Familie können helfen, sollten die betroffene Person aber nicht unter Druck setzen, sondern ihr einfach den Rücken stärken. Im Großteil der Fälle verlassen Menschen den toxischen Partner aber erst dann, wenn bereits eine neue Beziehung in Sicht ist. Enrique Grabl dazu: "Das ist natürlich problematisch, denn somit wird die Beziehung nicht aufgearbeitet. Für die emotionale Genesung bleibt keine Zeit."

Oder doch bleiben? Es gibt aber durchaus Menschen, die sich dazu entscheiden. solche Beziehungen nicht aufzugeben. Aber ist eine toxische Beziehung überhaupt zu retten? "Durchaus. Paartherapien können oft Wunder bewirken. Die Leute müssen nur rechtzeitig kommen und es auch wollen", sagt Grabl aus Erfahrung. Es muss eine neue Beziehungskultur aufgebaut und das Gespräch gesucht werden. Das Mantra dabei: die Giftigkeit, nicht die Beziehung auflösen. 

Modewort Narzisst. Fällt der Begriff "Toxische Beziehung" ist meist auch der Begriff "Narzisst" nicht weit. Doch stehen diese beiden Termini wirklich miteinander in Verbindung? Die Beraterin und Narzissmus-Expertin Susanne Kraft sieht dabei keinen direkten Zusammenhang. "Der Begriff ,Narzisst' hat keine genaue Definition und wird unter anderem für eine Krankheit, aber auch für Personen, die beispielsweise schlecht Kritik einstecken können, verwendet", erklärt Kraft. Narzissmus an sich ist für die Expertin nichts Schlechtes, sondern zeugt einfach von einem guten Selbstbewusstsein. Schwierig wird es, wenn diese Selbstliebe in Selbstverliebtheit umschlägt und der Partner sich nur mehr auf sich selbst fokussiert. "Die Beziehung mit einem Narzissten fällt dann natürlich meist in die Kategorie toxisch", so Kraft. 

Eigenes Wohl. Für welchen Weg man sich auch entscheidet, bleiben oder kämpfen, der Fokus sollte immer auf der eigenen Person liegen. Hobbys oder ein soziales Umfeld können helfen, den eigenen Selbstwert wieder aufzubauen und zu sich selbst zu finden - denn das eigene Wohl ist am wichtigsten. 

Interview mit Enrique Grabl (Psychotherapeut)

weekend: Welche Warnsignale gibt es für eine toxische Beziehung?

Das größte Warnsignal ist die fehlende Kommunikation. Es wird kaum mehr miteinander gesprochen und falls doch, sind es abwertende oder streitende Gespräche. Die Beziehung hat nichts Zärtliches oder Liebesvolles mehr. Die meisten Paare in solchen Beziehungen haben kaum mehr Sex

weekend: Was würden Sie Personen raten, die sich von toxischen Beziehungen gelöst haben?

Die Beziehung muss aufgearbeitet werden, ansonsten nimmt man sie mit in die Zukunft. Viele suchen sich psychologische Hilfe, um der Beziehung zu entkommen, und bleiben dann gleich in Therapie. Ein funktionierendes soziales Umfeld kann auch eine große Hilfe sein.

weekend: Meistens bleiben Frauen in solchen Beziehungen - warum?

Das hat vor allem historische Gründe. Dieses Gefühl, zweitklassig zu sein und den Männern immer unterlegen zu sein, hat sich leider im Laufe der Zeit entwickelt und ist auch heute noch in vielen Köpfen verankert. Viele Frauen lernen aber auch am Modell ihrer Eltern. Hatte zum Beispiel immer der Vater zu Hause das Sagen, bleibt dieser Gedanke oft bestehen. Es liegt also auch an der Erziehung. Ein weiterer wichtiger Faktor ist fehlendes Selbstbewusstsein. Das sind oft Frauen, die sehr selbstsicher wirken, es aber eigentlich nicht sind - auch Akademikerinnen etc. 

Interview mit Susanne Kraft (Beraterin und Narzissmus-Expertin)

weekend: Warum bleiben Menschen in toxischen Beziehungen?

Toxische Beziehungen sind wie Drogen, man wird abhängig von einer Person, von der Beziehung. Nach der Trennung haben manche Menschen sogar regelrechte Entzugserscheinungen - sie sind depressiv verstimmt, haben keinen Hunger oder können nicht schlafen. Es ist wie das Ende einer Sucht und die Leute haben Angst vor dem Entzug.

weekend: Beziehungen mit Narzissten werden unter anderem als toxisch kategorisiert. Kann so eine Beziehung klappen?

Ja, kann sie und viele entscheiden sich sogar dafür. Das liegt oft auch an gemeinsamen Kindern. Bleibt man in solch einer Beziehung, muss man wissen, dass man mit dem Partner nie auf Augenhöhe sein wird. Es sollten als Bewältigungsstrategien gefunden werden. Hobbys tun gut und der Kontakt zu Familie und Freunden sollte aufrechterhalten bleiben. Es ist wichtig, den Fokus auf das eigene Ich, nicht auf den Partner zu legen. Auch persönliche Grenzen sollten gezogen werden. Man kann den Partner übrigens ruhig mit einem "Nein" konfrontieren, sollte aber aufpassen, dass dies mit Respekt und ruhiger Stimme passiert. Prinzipiell versucht man, den Konflikt zu umgehen.

 weekend: Und wann sollte immer die Reißleine gezogen werden?

Sobald der Partner sich übergriffig verhält und handgreiflich wird. Sei es bei einem selbst oder bei den Kindern. Partner mit narzisstischen Zügen können oft nicht mit der Trotzigkeit von Kindern umgehen und beginnen, brutal zu werden, Verbote aufzuerlegen oder Sachen kaputt zu machen. Ist das der Fall, hilft nur noch eine Trennung. In toxischen Beziehungen sollte man immer auf der Hut sein. 

Autor: Cornelia Scheucher, 08.10.2020