Sexuelle Aufklärung: Was Eltern tun können

Sexualaufklärung ist für die meisten Lehrer und Eltern ein notwendiges Übel. Richtig gemacht, ebnet sie dem Nachwuchs den Weg in die sexuelle Selbstbestimmtheit!
Autor: Cornelia Scheucher, 27.04.2022 um 09:37 Uhr

Wir schreiben das Jahr 2022 und nach viel Kritik und dem Einsatz einer jungen Biologie-Lehrerin aus Berlin ist es endlich passiert: Die Klitoris wird erstmals zur Gänze in Schulbüchern abgebildet. Der eigentlich rund zehn Zentimeter lange Organkomplex mit Schwellkörper wurde jahrelang fälschlich als kleiner Knopf bezeichnet. Die deutschen Schulbuchverlage Klett, Westermann und Cornelsen haben ihre Abbildungen nun korrigiert.

Nur keine Scham

Während der Penis meist recht ausführlich im Sexualunterricht behandelt wird, werden die weiblichen Geschlechtsorgane gerne auf ihre Fortpflanzungsfunktion reduziert. Heißt: Lustempfinden und Erotik werden im schulischen Kontext selten bis gar nicht angesprochen. Und auch den meisten Eltern fällt es schwer, offen mit ihren Kindern über dieses Thema zu kommunizieren. Dabei entsteht ein großes Problem: Kinder und Jugendliche prallen mit ihren Fragen an allen Ecken und Enden ab. Das Gefühl der Orientierungslosgkeit treibt sie dann an den Ort der unbegrenzten Möglichkeiten: das Internet. Denn Google und Co. liefern Antworten auf alle Fragen. Das hat aber auch seine Tücken, wie Sexualpädagogin Karin Mühlwasser erklärt: „Das Internet schafft einen Erwartungsdruck. Normierte Körper und Co. verzerren die Realität. Beim Sex rückt der Leistungsaspekt in den Vordergrund, die Intimität wird vergessen." 

Mensch als Individuum 

Das führt unter anderem dazu, dass wir verlernen, uns gegenseitig auszutauschen. Ein erfüllendes Sexualleben muss erst einmal gelernt werden, schließlich varriert die Wichtigkeit und Bedeutung von Sex von Person zu Person. Wo wir gerade bei Individualität wären: Unaufgeklärtheit führt zu Unsicherheit. Gerade im pubertären Hormoncoktail ist es schwierig, seinen Weg zu finden. Jugendliche sind neugierig auf sich selbst und das andere oder gleiche Geschlecht. „Bin ich normal?“ oder „Passt das so, wie ich bin?“ sind nur zwei Fragen, die ständig im jugendlichen Kopf aufpoppen. Wer dann auch noch auf taube Ohren stößt, versteht die Welt nicht mehr.

Mutter tröstet junge Tochter

Initiative ergreifen

Eltern sei es also ans Herz gelegt, die Sexualkunde nicht der Schule zu überlassen, sondern auch selbst die Initiative zu ergreifen. „Wir versuchen unseren Kindern in allen möglichen Bereichen, Werte zu vermitteln. Doch in der Liebe und beim Sex fällt das vielen schwer. Dabei wäre es gerade hier so wichtig. Wer mit seinem Nachwuchs ehrlich und offen spricht, hat die Chance, ihn positiv zu prägen“, erklärt Mühlwasser. Und ihm die Angst zu nehmen.

Ein gesunder Zugang

Apropos Angst: Obwohl wir uns gerne als aufgeklärte Gesellschaft schimpfen, scheinen wir uns vor dem Thema Sex zu fürchten. Reden wir dann doch darüber, benutzen wir verharmlosende Synoyme wie „Bienchen und Blümchen“ oder bezeichnen Vaginas als „Lulus“. Zeit, das in der Vergangenheit zu lassen. Wie Eltern das möglich machen? „Indem sie schon früh damit beginnen. Wenn wir uns beispielsweise um Babys oder Kleinkinder kümmern, kommentieren wir alle Schritte. Wenn ich also meine Tochter oder Sohn wickle, kann ich einfach laut und sachlich benennen, was ich gerade mache. Das ist eine erste niederschwellige Möglichkeit, um Kinder auf diesem Weg zu begleiten“, so die Expertin.

Vernichtendes Urteil

Und welches Urteil hat die Expertin zur Aufgeklärtheit hierzulande? „Wenn es um ungewollte Schwangerschaften geht, haben wir bereits einen großen Fortschritt gemacht. Doch die meisten Jugendlichen kennen nicht einmal alle Basics. Wenn man also bedenkt, wie präsent Sexualität eigentlich in unserer Gesellschaft ist, sind die Österreicher schlecht aufgeklärt“, meint Mühlwasser. Damit Lustlosigkeit und gestörte Verhältnisse nicht zunehmen, müssen wir das schleunigst ändern. 

Nachgefragt bei Sexualpädagogin Karin Mühlwasser: 

Gibt es das ideale Alter, um Kinder sexuell aufzuklären?

Nein. Die ersten Fragen nach Babys und Co. kommen sowieso schon sehr früh. Wichtig ist es, wie die Eltern reagieren. Wenn ich auf die Fragen sachlich und ehrlich antworte, gebe ich meinem Kind die Chance, eine gesunde Beziehung zu sexuellen Themen aufzubauen.

Heißt man darf ruhig alle Fragen beantworten?

Unbedingt! Fragen werden, wenn sie unbeantwortet bleiben, ja nicht weniger. Es kommen nur immer neue hinzu. Wenn ich also klare Antworten gebe, verhindere ich sozusagen einen Stau.

Schulen werden immer wieder für ihren Sexualunterricht kritisiert – was muss sich ändern?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass Sexualkunde überhaupt stattfindet. Aber oft werden im Unterricht nur Basisinfos über die Anatomie des Körpers und die Fortpflanzung weitergegeben. Doch das interessiert 13- und 14-Jährige nicht. Besser wären Themen, die wirklich nah am Alter sind, also Masturbation, Beziehungsgestaltung oder Geschlechtsidentitäten. Man sollte versuchen, mit Mythen aufzuräumen und Klarheit schaffen.