Das kleine ABC der Pferdesprache

Die Ohren sind gespitzt oder nach hinten gestellt? Die Unterlippe hängt nach unten? Was hat das zu bedeuten? Ihre Sprache ist eben so facettenreich wie die Pferde selbst. Hier kommt "Pferdisch" für Anfänger.
Artikel von Passion-Autor: Margit Kainz, 02.08.2022 um 18:38 Uhr

Ein Pferdeflüsterer wird man gewiss nicht über Nacht. Denn um im Einklang mit Pferden zu sein, benötigt man jahrelange Erfahrung, viel Einfühlungsvermögen und eine gute Beobachtungsgabe. Vor allem aber heißt es, die Sprache der Pferde zu verstehen bzw. zu deuten. Und mit Sprache ist nicht nur ein "Wiehern" gemeint! Denn Pferde kommunizieren vorwiegend per Körpersprache durch Gestik, Mimik und Bewegung. Doch was möchten sie uns mitteilen? Das kleine ABC der Pferdesprache - für Pferdeliebhaber und alle, die es noch werden möchten.

Ohren

Ohren sagen mehr als Worte! Wer sich einem Pferd nähert, sollte jedenfalls einen genauen Blick darauf werfen. Denn sie geben Auskunft über das Wohlbefinden des Tieres und verraten uns, wie seine "Stimmungslage" gerade ist. Fühlt sich der Vierbeiner in unserer Gesellschaft überhaupt wohl? Und ist es eigentlich eine gute Idee, gleich mit dem Streicheln zu beginnen?

  • Ohren nach vorne (gespitzt): gut gelaunt, zufrieden, freundlich, aufmerksam
  • Ein Ohr nach vorne, eines zurück: lebhaft an der Umwelt interessiert, auf etwas konzentriert
  • Beide Ohren zurück (enganliegend): schlecht gelaunt; fühlt Unbehagen oder Angst. Sollte das Maul auch noch drohend geöffnet sein, ist das jedenfalls eine Warnung. Besser Finger weg und nicht streicheln!

Übrigens sind die Ohren des Pferdes nicht nur sehr beweglich, sondern auch sehr empfindlich. Daher bitte laute und schrille Töne unbedingt vermeiden – sonst könnte es mit der guten Stimmungslage auch schnell wieder vorbei sein!

Braunes Pferd von vorne | Credit: iStock.com/BiancaGrueneberg

Augen

Auch an den Augen kann man einiges ablesen:

  • Große Augen (meist in Verbindung mit gespitzten Ohren): interessiert
  • Trübe, stumpfe Augen: Hinweis auf Unwohlsein und Schmerzen
  • Weit aufgerissene Augen: erregt und verängstigt. Bei Panik rollt das Pferd sogar manchmal die Augen, sodass der weiße Teil des Auges sichtbar wird

Übrigens sehen Pferde ziemlich gut. Da sich die Augen seitlich am Kopf befinden, haben sie sogar fast eine 360°-Rundumsicht. Nur direkt vor der Nase und auch ganz hinten befindet sich ein toter Winkel. Daher bitte niemals von hinten anschleichen! Am besten etwas seitlich von vorne auf das Pferd zugehen.

Maul

Auch das Maul gibt Aufschluss über die Verfassung des Pferdes:

  • Unterlippe hängt locker nach unten: Alles gut! Das Pferd scheint entspannt zu sein und befindet sich vielleicht sogar im Schlafmodus
  • "Flehmen": Beim sogenannten Flehmen zieht das Pferd die Oberlippe so stark nach oben, dass Zähne und Oberkiefer gut sichtbar sind. Nur eine lustige Grimasse, die uns zum Schmunzeln bringt? Nein! Denn das Flehmen ist eine besondere Form der Geruchswahrnehmung, über die das Pferd intensive Gerüche über den Gaumen quasi "einsaugt"

Schweif

Sogar der Schweif gibt Aufschluss über den Gemütszustand:

  • Locker pendelnder Schweif: Dem Pferd geht es gut und es ist entspannt
  • "Eingeklemmter" Schweif: Ein beinahe zwischen den Hinterbeinen eingeklemmter Schweif ist ein Zeichen von Angst. Aber auch bohrende Schmerzen – beispielsweise im Kreuz oder in den Gelenken – führen zu dieser Anspannung
  • Peitschender Schweif: Hier kann man sich sicher sein, dass dem Pferd etwas nicht passt! Vielleicht versucht es sogar jemanden loszuwerden. Uns zum Beispiel? Waren wir zu grob oder zu ungeduldig im Umgang mit dem Pferd? Haben wir zu viel gefordert? Keine Sorge – das kann natürlich sein, muss es aber nicht! Möglicherweise gilt der Schlag mit dem Schweif auch nur den störenden Insekten, die in der Umgebung herumschwirren und unseren pelzigen Liebling verärgern! Um "Missverständnisse" wie diese zu vermeiden, ist es daher wichtig, die Reaktionen der einzelnen Körperteile nicht nur isoliert zu betrachten, sondern das Pferd als Ganzes wahrzunehmen
Gruppe freilaufender Pferde | Credit: iStock.com/Callipso

Körperhaltung

Auch die Körperhaltung und die Bewegungen müssen mit einbezogen werden:

  • Ein zurückschreckendes Pferd mit hochgerissenem Kopf signalisiert Unwohlsein und Angst
  • Wenn ein Pferd mit den Hufen scharrt, ist dies oft ein Zeichen von Ungeduld und heißt beispielsweise: "Ich will jetzt endlich los" oder auch "Gib mir noch mehr zum Fressen"

Sollte Ihnen ein Pferd übrigens tatsächlich bewusst sein Hinterteil zudrehen, dann bringen Sie sich bitte schleunigst in Sicherheit!

Wiehern

Natürlich geben Pferde auch Laute von sich wie beispielsweise Wiehern, Quieken oder Schnauben. Ein Wiehern gilt übrigens nur selten uns Menschen, sondern dient vielmehr der Kommunikation unter Artgenossen. Es kann ein Ruf an die Freunde sein, eine Vorwarnung ("Da kommt jemand!") oder auch die Vergewisserung, nicht alleine zu sein und die Herde in der Nähe zu wissen.

Laufende Pferde | Credit: iStock.com/Abramova_Kseniya

Kommunikation mit Pferden

Und wie sollten wir mit Pferden kommunizieren?

  • Mit dem Pferd sprechen
  • Ruckartige und hektische Bewegungen vermeiden, denn selbst die eigene Unsicherheit und Nervosität übertragen sich auf das Pferd
  • Ein verängstigtes Pferd mit der Stimme versuchen zu beruhigen und ihm zeigen, dass man es gut mit ihm meint
  • Vertrauen aufbauen

Wer sich daran hält, wird früher oder später erleben, dass sich die zurückgelegten Ohren nach vorne stellen, der Kopf sich senkt, und sich ein neugieriges Schnäuzchen einem entgegenstreckt. Prima! Der erste Schritt ist getan. Nun darf auch getrost gestreichelt werden.

Zur Autorin

Als idealen Ausgleich zu ihrer Arbeit hat Passion Author Margit Kainz das Schreiben entdeckt. Kleine Anekdoten und Tipps sind die Spezialität der reisebegeisterten Tirolerin, die sie in ihren Beiträgen auf www.weekend.at serviert.