Die Mandeln als Wächter des Immunsystems: Stoppt die Bakterien!

Bis in das späte 20. Jahrhundert hatten die Tonsillen (Fachausdruck für unsere "Mandeln") einen sehr schlechten Ruf. Erst in den letzten 20 Jahren wurde das Image aufgebessert und man erkannte ihre wichtige Abwehrfunktion sowie ihre Bedeutung für den Aufbau des Immunsystems. Aber warum müssen die Mandeln entfernt werden und welche Risiken bringt der Eingriff mit sich? Weekend Magazin hat nachgefragt.

Wozu sind die Mandeln gut?

Dr. Nikolaus Redtenbacher, Facharzt für HNO-Heilkunde in Wien, sieht die Tonsillen als eine Art Schutzwall des Immunsystems: "Die Mandeln sitzen im Mund zwischen dem vorderen und hinteren Gaumenbogen. Dort bildet unser Körper gegen angreifende Viren und Bakterien sogenannte Antibakterien. Das sind kleine Eiweißstoffe, die der Körper synthetisiert, um körperfremde Stoffe wie eben beispielsweise Bakterien zu zerstören." Einfach ausgedrückt: Die Mandeln helfen dabei, dass unser Immunsystem neue Bakterien kennenlernt, Antikörper bildet und diese Erreger auch wiedererkennt, falls wir sie noch einmal "aufschnappen".

Wann sollten die Mandeln entfernt werden?

Werden die Mandeln zur Last, sollten sie raus. "Nach heutigem Wissensstand ist es medizinisch empfohlen, ab sechs Mandelentzündungen pro Jahr die Mandeln entfernen zu lassen", so Redtenbacher. Vor dem sechsten Lebensjahr soll jedoch nur in Ausnahmefällen operiert werden, da die Mandeln sehr stark am Aufbau des Immunsystem beteiligt sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, bei denen die Tonsillen vor dem sechsten Lebensjahr entfernt wurden, über ein deutlich schwächeres Immunsystem verfügen als Gleichaltrige mit intakten Gaumenmandeln.

Welche Risiken bringt die Entfernung mit sich?

Dass eine Operation zur Entfernung der Mandeln risikofrei ist, bestreitet der Doktor: "Am gefürchtetsten sind postoperative Nachblutungen, die bis zu 14 Tage nach einer Operation auftreten können." Ebenfalls besteht ein Risiko an Wundinfektionen und Fieber sowie auch an einer Vielzahl anderer seltener Komplikationen. Vor der Operation muss deshalb jeder HNO-Arzt im Rahmen eines Aufklärungsgespräches dem Patienten alle Risiken ausführlich erörtern.

Woran erkennt man eine Mandelentzündung?

"In den meisten Fällen leiden die Patienten an starken Halsschmerzen gepaart mit Schwächegfühl, Fieber und starkem Mundgeruch", erzählt Redtenbacher. Treten diese Sympthome auf, sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden, der die Diagnose entweder bestätigt oder ähnliche Erkrankungen ausschließt. Darunter fällt z. B. eine Rachenentzündung, die fast dieselben Symptome auslöst.

Ist eine Behandlung ohne Antibiotika möglich?

Häufig wird eine Mandelentzündung mit Antibiothika behandelt. Das muss aber nicht immer sein: "Oftmals liegt nur eine virale Infektion vor und keine bakterielle Entzündung", so Redtenbacher. Handelt es sich um Ersteres, reichen entzündungshemmende Medikamente und Desinfektionslösungen zum Gurgeln. Der Experte rät, bei Unsicherheit einen Rachenabstrich durchzuführen: "Hierfür aber unbedingt mit einem Spezialisten passende Therapiekonzepte abstimmen".

Was ist der Unterschied zur Angina?

Im Allgemeinen ist mit Angina nichts anderes als eine Mandelentzündung gemeint. Es handelt sich meist um eine "Angina tonsillaris" oder "Tonsillitis", also eine Infektion mit Bakterien oder Viren. Nur wenn die Angina einen anderen Nachnamen hat, ist Vorsicht geboten: "Angina pectoris" nennt man z. B. Herzschmerzen bei Belastung.

Wie kann vorgebeugt werden?

"Vorbeugung ist kaum möglich. Eine gesunde, solide Lebensweise reduzieren aber jedenfalls die Infektionswahrscheinlichkeit", so der Experte. Am häufigsten kommen Mandelentzündungen übrigens im Schulalter vor, da die Tonsillen hier besonders oft mit neuen, bisher unbekannten Erregern konfrontiert werden.

Autor: Tamara Hörmann, 20.01.2015