HPV: Nicht nur Frauensache

Für die Oberösterreicherin Katharina Huemer könnte es nicht besser laufen: Sie ist schwanger mit Drillingen, schwebt im Babyglück und bringt alle drei Mädchen gesund zur Welt. Das könnte das Ende der Geschichte sein, ist es aber leider nicht. Denn bereits in der Schwangerschaft wird festgestellt, dass Katharina einen auffälligen PAP-Abstrich hat. Die Ärzte raten zur Kontrolle nach der Entbindung, schließlich seien Abstriche mit erhöhten Werten keine Seltenheit bei schwangeren Frauen. Als die Mädchen erst drei Monate alt sind, erhält die mittlerweile 29-Jährige die Diagnose Gebärmutterhalskrebs. 

Glück im Unglück

Katharina hat Glück: Sie unterzieht sich der Wertheim-OP, bei der ihr die Gebärmutter, der Gebärmutterhals, die Eileiter, das umliegende Gewebe sowie die Wächterlymphknoten entfernt werden und wird wieder gesund. Doch es hätte auch anders verlaufen können. In Österreich werden pro Jahr ungefähr 400 Zervixkarzinome, also Gebärmutterhalskrebs, diagnostiziert. Jährlich sterben ungefähr 140 Frauen an der Krankheit. Eines haben alle Fälle gemeinsam: Nahezu allen geht eine Infektion mit Humanen Papillomaviren, kurz HPV, voraus. 

Was ist HPV?

Den meisten mag HPV ein Begriff sein, doch nur die wenigsten wissen, was es mit den Viren auf sich hat. Und genau das ist das Problem, denn der Großteil beschäftigt sich erst mit dem Thema, wenn es bereits zu spät ist. Heißt: wenn eine Infektion vorliegt. Dabei ist die Chance, sich mit HPV zu infizieren, sehr hoch. Acht von zehn Erwachsene stecken sich hierzulande einmal in ihrem Leben mit HPV an. Die Viren werden hauptsächlich sexuell übertragen. Rund 90 Prozent aller Infektionen heilen spontan aus. 

Ein Virus für alle

Doch die restlichen zehn Prozent haben mit der Infektion zu kämpfen. Bei HPV wird zwischen "low"- und "high risk"-Stämmen unterschieden. Erstere sind zwar harmlos, können jedoch Feigwarzen im Genitalbereich verursachen. Zweitere sind gefährlich und können zu Gebärmutterhalskrebs und dessen Vorstufen führen. Aber nicht nur: Bei Männern kann HPV beispielsweise Penis- oder Rachenkarzinome hervorrufen. Ein berühmtes Beispiel ist Michael Douglas. 2010 erkrankte der mittlerweile 77-Jährige an Kehlkopfkrebs. Drei Jahre später ging er mit seiner Erkrankung an die Öffentlichkeit, um über das Thema HPV aufzuklären. Douglas selbst meinte, er habe sich über Oralsex angesteckt. Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum werden sogar 30 bis 40 Prozent aller Kehlkopfkrebs-Erkrankungen weltweit durch die Viren ausgelöst. 

Sicher mit dem Stich

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Gegen HPV gibt es nämlich eine Impfung. In Österreich ist der Impfstoff seit 2006 verfügbar. Im Alter zwischen neun und zwölf Jahren steht die Impfung Mädchen wie auch Buben kostenlos zur Verfügung. Danach gibt es die Impfung bis zum vollendeten 18. Lebensjahr zum vergünstigten Selbstkostenpreis von 55 Euro pro Teilimpfung. Ab dem Beginn des 16. Lebensjahres werden drei, davor zwei Impfungen benötigt. 

Empfehlung

Prinzipiell wird die Impfung vor dem ersten Geschlechtsverkehr empfohlen, denn dann ist die Wirksamkeit am größten. Doch das Sozialministerium rät auf jeden Fall auch zum Stich zu einem späteren Zeitpunkt – und zwar bis zum vollendeten 30. Lebensjahr. Ein Grund, wieso sich viele gegen eine Impfung entscheiden, sind die derzeit leider hohen Kosten. Ab dem vollendeten 18. Lebensjahr kostet eine Teilimpfung 220 Euro . Insgesamt müssen also 660 Euro bezahlt werden. 

Die HPV-Impfung schützt sehr gut!

Impfmythen

Die Impfung schützt vor den neun häufigsten und aggressivsten HPV-Stämmen und senkt das Risiko, an Genitalwarzen, Gebärmutterhalskrebs oder Co. zu erkranken, um bis zu 90 Prozent. Impfnebenwirkungen oder Reaktionen gibt es fast keine. In den letzten Jahren kamen immer wieder mehrere Impfmythen auf, beispielsweise, dass die HPV-Impfung zu Unfruchtbarkeit führen könnte. Studien aus der ganzen Welt zeigen jedoch, dass es sich bei solchen Behauptungen bloß um Gerüchte handelt. 

Niedrige Rate

Trotz der guten Verträglichkeit und des hohen Schutzes ist die Durchimpfungsrate in Österreich recht niedrig. "Wir liegen derzeit wahrscheinlich bei ungefähr 30 Prozent", erklärt Karl Tamussino, Klinikvorstand der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe vom Uniklinikum Graz. Warum das so ist, hat mehrere Gründe. Vor allem fehlt es hierzulande an der Aufklärung. Junge Frauen und Männer setzen sich von selbst nicht mit dem Thema auseinander, werden aber auch nicht damit konfrontiert. Nach wie vor sind auch viele Eltern gegenüber der Impfung skeptisch. "Die Impfung sollte zwischen neun und zwölf erfolgen. Das ist ein Alter, in dem Eltern nicht daran denken, dass ihre Kinder je sexuell aktiv werden", meint Tamussino. Dabei wäre es umso wichtiger, an die Zukunft zu denken.  

Ich habe das Gefühl, dass vor allem Frauen sich mit der HPV-Impfung beschäftigen. Dabei wäre das für Männer genauso wichtig! – Anna, ließ sich mit 13 als Einzige in ihrer Klasse impfen

Vorzeigeland

Wie gut die Impfung wirklich hilft, zeigt sich am besten in Australien. Der Inselstaat war eines der ersten Länder, das die Impfung gegen HPV eingeführt hat. Zuerst nur für Mädchen, später auch für Buben. Mittlerweile liegt die Durchimpfungsrate so hoch, dass es in Australien fast keine Fälle von Gebärmutterhalskrebs mehr gibt. Experten rechnen sogar damit, dass bis 2028 die jährliche Neuerkrankungsrate an Zervixkarzinomen auf weniger als vier Fälle pro 100.000 Frauen kommt. Gebärmutterhalskrebs wird also fast von der Bildfläche verschwinden. Geschuldet ist das aber nicht nur der Impfung, sondern auch dem erfolgreichen Screenings: Frauen im Alter von 25 bis 69 Jahren unterziehen sich alle fünf Jahre einem HPV-Test. Ähnlich ist die Lage übrigens auch in Großbritannien oder den skandinavischen Ländern. 

Der jährliche Gang zum Frauenarzt ist ein Muss!

Österreichisches Modell

In Österreich wird ein HPV-Test oft erst nach einem auffälligen PAP-Abstrich (Krebsabstrich) durchgeführt. "Dabei wäre ein HPV-basiertes Screenings weitaus besser und sicherer. Auch hierzulande sollten sich Frauen ab 30 einem HPV-Test unterziehen", so Tamussino. Die Früherkennung funktioniert in Österreich dennoch sehr gut. Entdeckt der Frauenarzt bei der weiteren Untersuchung bereits verändertes Gewebe am Gebärmutterhals, wird eine Konisation durchgeführt. Dabei entfernt der Gynäkologe das erkrankte Gewebe und beugt in vielen Fällen schlimmere Entwicklungen vor. 2017 gab es alleine in der Steiermark 924 Konfiskationen. In ganz Österreich sind es jährlich insgesamt 6500. "Das sind 6500 Operationen zu viel", appelliert Tamussino. 

Jetzt setze ich mich umso intensiver mit dem Thema auseinander, da es mein weiteres Leben beeinflusst. – Hedwig, hatte bereits eine Konisation 

Frauenproblem?

Weil es vor allem beim weiblichen Geschlecht Probleme verursacht, wird HPV gerne als "Frauensache" abgestempelt. Doch Männer dienen als Überträger und merken es nicht einmal. Mitunter deshalb, weil es kein aussagekräftiges HPV-Screening für das männliche Geschlecht gibt. Gerade deswegen sollten sich so viele Buben und Männer wie möglich impfen lassen.

Hohe Priorität 

In Österreich fehlt nach wie vor eine ausreichende Aufklärung zum Thema und zu den Maßnahmen. Denn laut der WHO können bis 2050 fünf Millionen Menschenleben weltweit durch die Impfung, Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen gerettet werden. Und dazu könnten die eigene Mama, die beste Freundin oder der eigene Bruder zählen. 

Interview mit Katharina Huemer

weekend: Du wurdest vor deiner Diagnose positiv auf HPV und einige "high risk"-Stämme getestet. Hast du dich schon vorher mit dem Thema befasst?

Ich wusste, dass ich HPV-positiv bin, wurde jedoch von meiner Frauenärztin nicht wirklich darüber aufgeklärt. Von der Impfung habe ich auch gewusst, aber ich wurde so schlecht darüber aufgeklärt, dass ich mich nicht impfen lassen habe. Als ich schwanger wurde, habe ich den Frauenarzt gewechselt. Dieser hat mich dann erst ordentlich informiert! 

weekend: Was hättest du gerne vorher über das Thema gewusst?

Ich hätte gerne eine gute Aufklärung zum Thema Impfung und Gebärmutterhalskrebs erhalten. Da sind wir in Österreich noch recht schwach. ich empfehle jedem die Impfung. Sie schützt gegen die neun häufigsten Stämme, die in Summe ca. 85 Prozent aller HPV-Arten einnehmen und Krebs verursachen können. 

weekend: Wie ist es dir nach der Diagnose gegangen?

Anfangs konnte ich es nicht glauben. Gerade waren noch drei Babys in meinem Bauch und dann das? Auf einmal wird man mit dieser schlimmen Krankheit konfrontiert, bei der leider viele Menschen sterben. Ich bin sehr oft nachts aufgewacht und habe viel geweint und mich natürlich gefragt, wieso ich das erleben muss. Aber alles im Leben hat einen Grund und meine Familie hat mir den Rücken gestärkt. 

Autor: Cornelia Scheucher, 28.01.2022