Cybergrooming: So schützen Sie Ihr Kind!

Die Fälle von „Cybergrooming“, der Anbahnung zum Missbrauch Minderjähriger, sind rasant gestiegen. So können Sie Ihr Kind davor schützen.
Autor: Stefanie Hermann, 12.03.2021 um 07:00 Uhr

Quarantäne, Schulschließung und Social Distancing: Kinder und Teenager flüchten sich verstärkt in virtuelle Welten. Als Ersatz für Schul- und Pausenhof sind sie nicht zuletzt über integrierte Chatfunktionen Ort für Austausch und Kommunikation. Ab 6 Jahren“ klingt für Sie“ harmlos? Weit gefehlt! Im vermeintlich sicheren Refugium der Fantasy-Welten lauern handfeste, reale Gefahren – und das selbst und gerade bei jugendfreien Spielen.

Minecraft als Tor für Kinderschänder

Wie viele in seinem Alter verbringt auch Paul seine Zeit gerne im Kosmos des Open-World-Spiels Minecraft. Dort lernt er Werner C. (35) kennen, der dem Zwölfjährigen und anderen einen privaten Server öffnet. Als Administrator gewährt der gelernte Koch dem Burschen immer mehr Vergünstigungen. Paul fasst Vertrauen zu dem Unbekannten, der vom Spielpartner zum virtuellen Brieffreund wird.  Immer mehr erzählt er ihm aus seinem echten Leben. Informationen, die C. nützt, um den Schüler unter Druck zu setzen. Treffen wolle er ihn. Nach anfänglichem Zögern willigt Paul ein.

Der Täter wird gefasst

Acht Tage verbringt Paul in Werner C.s Gewalt. Mehr als ein Dutzend wird er missbraucht. Die Folgen: Fünf Jahre unbedingte Haft, unbefristete Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie für den Täter. Für das Opfer ein Schmerz, der sich nicht in Zahlen fassen lässt. Sechs Jahre sind seit dem Fall Paul vergangen. Bis heute steht er als Lehrbeispiel für Cybergrooming.

Wie Missbrauch im Netz beginnt

„Bei Cybergrooming gehen die TäterInnen gezielt vor, um sexuelle Kontakte anzubahnen: Sie bauen zunächst Vertrauen auf und verstricken das Kind in Abhängigkeiten“,  erklärt „Schau Hin!"-Mediencoach Kristin Langer. Personen mit pädophilen Neigungen nutzen dafür neben Social Media-Plattform immer häufiger die Chatfunktion von Spielen. Die Anonymität des Internets macht es ihnen möglich, sich dort als Gleichaltrige auszugeben. Flo07, Stern_x und SuSi – wer sich hinter den Spielernamen wirklich verbirgt ist völlig unklar.

So können Sie Risiken erkennen

Aus verständnisvollen Unterhaltungen wird mehr: Fotos werden gefordert, intime Berichte, bis hin zum persönlichen Treffen – manchmal auch Geld. Wird nicht Folge geleistet, werden die Kinder unter Druck gesetzt, ihnen mit Veröffentlichung von Fotos oder Chatprotokollen gedroht. Jedes dritte Mädchen und jeder vierte Bursche im Alter von neun bis 17 Jahren wurde im Netz bereits mit intimen bis anzüglichen Fragen konfrontiert. Als harmloses, unverfängliches Gespräch beginnend ist die Gefahr für Heranwachsende oft nicht erkenn- und einschätzbar. Wichtig für Kinder und Jugendliche ist jetzt, sich jemandem anzuvertrauen. Seien es Freunde, Lehrer oder Eltern: Nicht damit alleinzusein, ist wichtig für die körperliche und psychische Gesundheit. Auch anonyme Beratungsplattformen wie Rat auf Draht stehen per Telefon, online und im Chat unterstützend zur Seite.

So können Sie Ihr Kind schützen

Und was können Eltern tun, um ihre Kinder vor dieser Gefahr zu schützen? Stecker ziehen und alle Spiele löschen?„Nein, auf keinen Fall!“, raten Experten. Gerade das Verbotene übt einen besonderen Reiz aus. Besser: Das offene Gespräch suchen und auf eine vertrauensvolle Beziehung bauen. So kann man beispielsweise vereinbaren, dass nur mit Schulfreunden gespielt und gechattet werden darf. Je jünger das Kind, desto ist auf die Spielwahl zu achten. Echte Kinder-Communitys erkennt man an minimaler Datenabfrage und moderierten Chats. Je mehr Infos Kinder von sich preisgeben, desto angreifbarer machen sie sich. Auf umfangreiche Profilangaben oder gar Nennung von Klarnamen und Adresse sollte deswegen unter allen Umständen verzichtet werden. Gerade das Erstellen von ersten Konten sollten die Eltern übernehmen. Falls es zu Belästigung oder Verdachtsfällen kommt: Screenshot machen und umgehend zur Polizei damit! Cybergrooming ist eine Straftat und wird als solche strafrechtlich verfolgt.

So erkennt man Cybergrooming im Netz

  • Falsche Vertrautheit: Auf erste Gesprächsfetzen folgen fast schon schleimende Schmeicheleien. Man kennt sich noch nicht lange, trotzdem agiert das Gegenüber als wäre man ewig befreundet und teilt vermeintlich vertrauliche Informationen.
  • Interesse am echten Leben: Kurz nach Kennenlernen kommen erste Fragen nach Sportverein, Schule und Co.
  • „Bist du allein“: Alarmstufe Rot – hier versucht jemand abzuchecken, ob er erwischt werden kann.
  • Plattformwechsel: Es folgt der Vorschlag auf eine andere Plattform zu wechseln. Dahinter steht der Versuch, etwaige Kontrollmechanismen auszuschalten. 
  • Geschenke und Angebote: Ein gängiges Lockangebot sind „Taschengeld“ oder das Angebot, Modelfotos zu machen.
  • Forderungen: Fragen nach Aussehen, (Nackt-)Fotos und besonders intimen Themen („Hattest du schon deinen ersten Samenerguss/deine erste Regel“). Spätestens jetzt heißt es: Screenshots machen und zur Polizei gehen!