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Debatte über Hubschrauber-Eltern: Wirklich das Beste fürs Kind?

03.04.2014 um 14:17, A B
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Heute fast schon Mainstream: Wenn Eltern früher ihre Fürsorge auf mehrere Kinder aufteilten, ergießt sich das Füllhorn der Liebe heute meist über ein geplantes und erwünschtes Einzelkind. Die Optimierung beginnt bereits im Mutterleib.

Ein normaler Kindergarten? Kam für Clara-Sophie (5) nicht infrage. Es musste schon einer mit fremdsprachlicher Frühförderung sein. Dorthin wird Clara-Sophie tagtäglich hingebracht und abgeholt – von Mama und in Mamas SUV. Darin wird das Kind auch zum Kinderturnen und zur Gesangsstunde kutschiert. Und zum Gitarrenkurs. Eh klar, hochbegabt. Clara-Sophies Eltern finden, dass ihr Kind überaus begabt ist. Sie posten ihre Karaoke-­Auftritte und ihre altklugen Sprüche auf facebook. Veranstalten die Tanten einen Theaternachmittag, tippt die Mutter zehn Rufzeichen in die Betreff-Zeile des Einladungsmails an die Verwandtschaft. Die Events des Nobelkindergartens sind immer gut besucht. Der Parkplatz ist dann so vollgestellt mit Hausfrauenpanzern, dass man mit deren Geldwert 500 afrikanische Grundschulen bauen könnte. Clara-Sophies Karriereweg ist vorprogrammiert. Private Volksschule, dann Privatgymnasium mit Englisch als Unterrichtssprache, daneben weiterhin Gesangs- und Musikunterricht und danach – eh klar – pri­vate Elite-Uni. Das Hotel Mama als Homebase ist schon prächtig ausgebaut.

Verwöhnt & behütet

So ­verfügt die Fünfjährige in der Elternvilla im Wiener Speckgürtel schon über eine eigene 100-m2-Wohneinheit mit Klo und Bad. Und dann gibt es noch den riesigen Fitnessbereich mit Karaoke-Ecke im Untergeschoss, das komplett adaptiert wurde, damit sich Clara-Sophie bei Schlechtwetter dort austoben kann. Sie soll ja nicht nass werden. Man hat den Eindruck, im Rundum-Wohlfühlpaket fürs Kind hat das Paar (der Mann ist gut verdienender Freiberufler) den Lebenssinn schlechthin gefunden. Clara-Sophies Eltern kreisen ständig um ihr Ein und Alles. Früher hat man das als "Gluckenhaftigkeit" bezeichnet – und es war eher die belächelte Ausnahme.

Das Kind als Juwel

Der Schweizer Kinderarzt und Erziehungsexperte Remo Largo beschrieb diese mo­derne Familienwirklichkeit in ­einem Zeitungsinterview mit dem Satz: "Heute sind Kinder ein Juwel – und müssen funkeln, sonst hat es sich nicht gelohnt." Bissig resümierte Monika Bittl, Journalistin und Autorin des Buchs "Muttitasking" in einem Gastbeitrag für die SZ: "Seit Kinder nicht mehr das zufällige Nebenprodukt eines Geschlechtsverkehrs sind, sondern das sorgfältig terminisierte Glücksversprechen im Leben zweier Erwachsener, wird ihre Entwicklung von der Wiege bis zum Abitur gefördert, überwacht und optimiert."

Babytuning

Die Optimierung beginnt im Mutterleib mit Bauchtanz, Pränatal-Yoga und Stressreduktion durch Musik. Nach der sanften Hausgeburt kommt das Baby in den Schwimmkurs und zum professionellen Krabbeltraining. Besonders Ehrgeizige bringen den Säugling in ein Sprachzentrum für "Early English", wo schon Winzlinge ab drei Monaten lernen, was mit "Dog", "Bird" und "Lollipop" gemeint ist. Nach dem ersten Synapsentraining beginnt dann spätestens ab vier Jahren das Kursprogramm. Zum Beispiel mit den Klassikern Klavier, Ballett und Tennis – es könnte im Fortpflanz ja ein Glenn Gould, ein Rudolf Nurejew oder eine Steffi Graf auf die Erweckung warten.

Helikoptereltern

In Krabbelstube, Kindergarten und Schule geht das Engagement mit unverminderter Intensität weiter. Vor einigen Tagen erschien bei Rowohlt das Buch "Helikoptereltern" von Josef Kraus. Der Autor, derzeit Präsident des deutschen Lehrerverbandes, blickt auf über vier Jahrzehnte Erfahrung als Gymnasiallehrer zurück. Es gebe zwei Gruppen von Eltern, die für den Schulbetrieb überaus schwierig seien, sagt Kraus. Zum einen seien dies jene, die sich völlig von der Erziehung ihrer Kinder verabschiedet hätten und zum anderen jene, die sie "maßlos überziehen" und entweder wie "Kampf-", "Transport-" oder "Rettungshubschrauber" ständig über ihre Sprösslinge wachten.

Sand im Lernbetrieb

Das Phänomen nehme stark an Bedeutung zu, meint der ­Autor, der sich auch an eine quantitative Einschätzung wagt. Er schätzt die "hyperaktiven" unter den Eltern auf rund 10 bis 15 Prozent. Die überengagierten Eltern sind wie Sand im Schulgetriebe, sagt Kraus. Sie hocken in jeder Sprechstunde, rufen den Lehrer privat an und beschweren sich dauernd. Sie monieren die Sitzordnung und das fehlende Salatblatt im Wurstbrot aus dem Schulbuffet. Und vor allem empfinden sie jede schlechte Schulnote des Kindes als ihre eigene persönliche Tragödie. An der natürlich wer schuld ist? Die Schule. "Wir" haben ja so viel gelernt. "Wir" sind ja so begabt.

Prinzen & Prinzessinnen

Kraus sieht den Druck, den diese Eltern auf sich und auf die Kids ausüben, die Effi­zienz- und Kontrollsucht. Und er stellt ein grassierendes "PP-Syndrom" fest, das Heranziehen von "Prinzen und Prinzessinnen". Er gibt ein Beispiel aus dem Schulalltag: "Da haben wir den Schüler, der sich mit der Bemerkung weigert, ein herumliegendes Papier aufzuheben: 'Dafür sind die Putzfrauen da!' Als er von der Schulleitung zu einer Extra-runde Reinigungsdienst verpflichtet wird, droht der Vater mit Aufsichtsbeschwerde."

Elternflüsterer

Kraus hat sich viele Gedanken gemacht über den Zwang, Kinder auf Erfolg und Glück zu trimmen, über die Tendenz zur Einmischung, Umklammerung und Überbehütung. Er sieht eine höchst produktive Ratgeberindustrie am Werk – Neurowissenschafter, Exzellenzpädagogen und Erfolgsgurus beliefern die Buchhandlungen ständig mit frischer Ware. Es gibt auch die Gegenströmung. Immer wieder erinnern besonnene Fachleute daran, dass der Übergang von Förderung zu Überförderung, von Fürsorge zu Verwöhnung ein fließender ist. "Lasst eure Kinder in Ruhe!" lautete der ­Titel des letzten Buchs des 2011 verstorbenen Erziehungswissenschafters Wolfgang Bergmann. Er wies darauf hin, dass vernachläs­sigte und überbehütete Kinder zu denselben psychischen Störungen neigen.

Kein unbeschriebenes Blatt

Keiner aber schreibt so vehement gegen den Zeitgeist an wie Josef Kraus in "Helikoptereltern". Mit Genuss zerpflückt der Pädagoge die ­diversen Frühförderungs­mythen. Zum Beispiel jenen vom Englischlernen "auf ­natürlichen Grundlagen" im Kindergartenalter und davor. Später im regulären Sprachunterricht haben die Knirpse das bisschen Vorsprung an Vokabeln nämlich rasch wieder verloren. Oder den Mythos, dass man möglichst früh mit Musikdrill beginnen müsse, wenn man's zu etwas bringen will. Kraus: "Seriöse Musiklehrer raten davor ab, Instrumentalunterricht bereits mit vier Jahren zu beginnen. Sie sprechen sich eher für ein Einstiegsalter von sieben bis acht Jahren aus." Kraus' allgemeine Botschaft ist aber diese: Kinder kommen mit Talenten und Potenzialen auf die Welt, die man sich nicht ausgesucht hat. Sie sind keine unbeschriebenen Blätter, auf dem ehrgeizige Eltern so ohne Weiteres eine Erfolgsstory hineinschreiben können. Vor allem nicht ihre eigene.

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