Tattoos: Kunst bis unter die Haut

Die Körperkunst boomt wie keine andere. Was steckt hinter dem Bedürfnis, sich selbst als Leinwand zu betrachten?
Autor: Melanie Ogris, 28.04.2022 um 14:06 Uhr

Wir alle gehen zum Friseur, viele lackieren sich ihre Fingernägel oder kleben sich künstliche auf, manche trainieren, um vielleicht sogar an Bodybuilding-Wettbewerben teilzunehmen, oder fasten, um im Sommer ihren „Bikinibody“ am Strand zu präsentieren. Wir möchten unsere Körper modifizieren, also verändern, wie wir es uns vorstellen. So auch mit Tattoos.

Natürliches Verhalten

Schon immer verändern Menschen ihr Aussehen mit Farben. Die wohl altbekannteste Form ist die Kriegsbemalung der indigenen Völker. Den Körper zu bemalen ist ein menschliches Bedürfnis und hat zusätzlich eine Funktion, wie in Australien oder Afrika, wo Farbe an die Körper gebracht wurde, um die verschiedenen Stämme zu kennzeichnen.

Warum haben Menschen überhaupt den Drang, ihr Aussehen verändern zu wollen?

„Einer der Gründe ist, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu zeigen. Dies konnte man in der Vergangenheit schon bei verschiedenen Gruppierungen wie den Punks sehen. Das merkt man auch daran, dass beim Ausschluss aus Gruppen dieselben Schmerzareale eingeschaltet werden wie bei Verbrennungen“, so der Grazer Psychologe Michael Wohlkönig.

Ein weiterer Punkt sei der Wille aus der Masse herauszustechen und beachtet zu werden. „Zu guter Letzt ist ein Grund für eine Veränderung, dass sie einem gefällt und jemand einfach seinen Sinn für das Schöne nutzt.Vermutlich gibt es nicht nur einen Grund für Tattoos und es ist ein Zusammen- spiel mehrerer Wirkfaktoren“, fasst Wohlkönig zusammen.

Integration

In einer Umfrage im Jahr 2020 fand das Marktforschungsinstitut „IMAS International“ heraus, dass etwa 25 Prozent der Österreicher mindestens ein Kunstwerk auf der Haut tragen. Tattoos werden mittlerweile als normal in der Gesellschafft angesehen.

Was sicher auch eine Rolle spielt, ist der Zugang zu qualitativ hochwertigen Tattoos. Das sind richtige Kunstwerke, die viel Geld kosten und auch Bewunderung nach sich ziehen können. Diese haben in keiner Weise etwas mit den altbekannten selbstgestochenen ,Knast-Tattoos’ zu tun. – Michael Wohlkönig, Psychologe in Graz

Psychologe Michael Wohlkönig

Qual der Wahl

Jedes Tattoo ist eine individuelle Entscheidung. Es verrät uns viel über uns selbst und unser Gegenüber. Es gibt unendlich viele Beweggründe, den Körper durch diese Weise zu verändern. Es kann der Wunsch dahinterstehen, die Zeit, Menschen oder Ereignisse festzuhalten. Aber nicht alle Tattoos haben eine Bedeutung – das Motiv kann einfach gefallen und dazu dienen, den eigenen Körper zu verschönern. Mit Tattoos schließt man in den meisten Fällen einen Bund fürs Leben. Darum fällt die Entscheidung, was, wo und von wem man sich tätowieren lassen möchte, oft sehr schwer.

Individuell

Jeder, der bereits eine Hautbemalung hat, kann wohl bestätigen, dass es ein langer Prozess ist, bis das Kunstwerk schlussendlich am eigenen Körper ist. Wichtig ist, bei der Wahl des Motivs auf sich selbst zu hören und nicht Trends zu folgen – Stichwort Arschgeweih oder Tribals. Vor allem bei Freundschafts- und Partnertattoos sollte nicht vergessen werden, dass diese – im Gegensatz zu Tattoos – oft nicht ein Leben lang halten.